KAPITEL XXIV – RESTAURATIONSVERSUCHE

DER AUFENTHALT IN DER SCHWEIZ
Die kaiserliche Familie, das Kaiserpaar, vier Kinder und die Mutter des Kaisers, lebte vom 24. März bis 20. Mai 1919 in Wartegg bei Staad (Gemeinde Rohrschacherberg). Das Schloß gehörte Herzogin Maria Antonia von Bourbon – Parma, seit 1860 im Besitz der Familie.
Die Behörden bestimmten keinen speziellen Aufenthaltsort, empfahlen dem Kaiser aber, sich auf einem Landsitz im Inneren oder im Westen der Schweiz niederzulassen. Wieder wiesen sie auf die Beschränkung des Gefolges hin. Damals zählte die Suite 14 Personen. Man traf zum Schutz der hochrangigen Flüchtlinge keine polizeilichen Maßnahmen, die Schweiz wünschte, daß sie sich jeder Propaganda enthielten, keine Interviews gäben und “[...]möglichst wenig zu Bekanntgaben in der Öffentlichkeit[...]” beitrügen. Der diplomatische Kurierdienst nach Österreich wurde eingestellt, in Ausnahmefällen nur offene Korrespondenzen erlaubt, die Einreise von zwei Privatdetektiven aus Wien zum Schutz des Kaisers gestattet. Am 25. April 1919 vermerkte der Nachrichtendienst der Schweizerischen Armee, Kaiser Karl habe sich mit einigen Herren seines Gefolges vier Tage in Montreux aufgehalten und das Gut Prangins bei Nyon gekauft, tatsächlich hatte er es für zwei Jahre gemietet. Wenige Tage später bestätigte Graf Hunyady, er habe den Wunsch des Politischen Departments, Kaiser Karl möge weniger reisen und sich ruhiger verhalten, übermittelt. Nun wurde das Gefolge erweitert, der Hofstaat zählte jetzt 30 Personen; die Majestäten übersiedelten am 20. Mai 1919 an den Genfer See . Noch erscheint die finanzielle Situation des Kaisers trotz der unrechtmäßigen Enteignung des Habsburgervermögens nicht einschneidend. Am 1. November 1918 waren Aktien und Schmuck, unter anderem auch private Kronjuwelen, der Inhalt der Vitrine XIII aus der Österreichischen Schatzkammer, von Oberstkämmerer Graf Leopold Berchtold nach Bern gebracht und in der schweizerischen Nationalbank deponiert worden. Man schätzte die Pretiosen auf 25 Millionen Kronen. Im Frühling 1919 dürfte das Auto des Kaisers, das er für Truppeninspektionen bevorzugt hatte, nachgekommen sein. Der schweizerische Zulassungsschein ist mit 4. Juni 1919 datiert. Natürlich arbeitete der Kaiser auf eine Rückgabe der von den Nachfolgestaaten enteigneten Güter hin (das Personal des Hofstaates wurde nicht mehr vom Obersthofmeisteramt in Österreich bezahlt) und startete deshalb Interventionen über den Heiligen Stuhl nach England.
Die kaiserlichen Flüchtlinge hielten die Fassade von ihrer nunmehr ganz unpolitischen Existenz perfekt. Die nach Sensation gierigen Journalisten konnten bloß vom spazierengehenden Kaiser, der sich bester Gesundheit erfreute, schreiben, das Kommen und Gehen von Bankiers und Diplomaten berichten. Sir Horace Rumbold meldete nach London, der Kaiser würde wandern, lesen und sich mit den Kindern beschäftigen, die Kaiserin viele Geistliche, möglicherweise getarnte (!) Agenten, empfangen.
Kaiser Karl betrachtete die österreichische Revolution von 1918 aus der historischen Erinnerung von 1848/49 als zunächst vorübergehenden Zustand, der abzuwarten war. Ein Rückzug von der politischen Tätigkeit schien ausgeschlossen, auch wenn es so aussehen mußte. Der Kaiser war seiner Mission, die Transformation Österreich – Ungarns in eine Donaukonföderation, verpflichtet.
In Eckartsau hatte er seine Position zur den Novembermanifesten geklärt, die Konzepte für die Donaukonföderation erweitert und die Restauration in Österreich überlegt. Wiederholt versuchte er, die Entente zur Besetzung Wiens und Budapests zu motivieren, drängte auf den Kampf gegen Hungersnot und Bolschewismus, bemühte sich um Einfluß auf die Pariser Vorverhandlungen. Der neue Außenminister Dr. Otto Bauer müßte ausgeschaltet, sein Plan, Österreich an Deutschland anzuschließen, verhindert werden.
Noch aus Wartegg wurden französische Politiker von den Zuständen im ehemaligen Österreich – Ungarn über Felix und René von Bourbon- Parma informiert. Der Kaiser wandte sich persönlich und über Alphons XIII. von Spanien an Georg V. von Großbritannien und Irland, über Papst Benedikt XV. und den Heiligen Stuhl an die britische Regierung. Seine inoffizielle Verbindung zu Österreich wie zu Ungarn war intakt.

REVOLUTION UND KONTERREVOLUTION IN UNGARN.
In den Ländern des einstigen Habsburgerreiches herrschte Chaos. Der Kaiser hielt nur Thron und Altar für fähig, “[...] die Ordnung wieder zu errichten und vor allem sie aufrechtzuerhalten. Unsere gemeinsamen Anstrengungen, Heiliger Vater, können die Empörungen des Bolschewismus erreichen, der in jeder dieser kleinen Republiken nahe beim Riesen ist[...],”hatte er am 28. Februar 1919 an Papst Benedikt XV. geschrieben.
Die ungarische Räteregierung suchte das Land mit Terror ins kommunistische System zu pressen, den Kontakt mit Lenin zu schließen und die proletarische Weltrevolution bis an die französische Grenze auszubreiten. Ihre Nahziele waren Wiener Neustadt und Wien, die Slowakei, die Verbindung mit der Räterepublik in München und zur ukrainischen Roten Armee. Sie plante, nationale Minderheiten (Deutsche, Ruthenen, Slowaken, Türken) zu respektieren, Schulen zu verstaatlichen, eine Marx- Engels Universität für Arbeiter zu gründen, Kinder- und Lehrlinge gesetzlich zu schützen. Ihr Programm versprach auf der Basis des verstaatlichten Großgrundbesitzes die Wohnungsfragen zu lösen, die Museen umzuorganisieren, die Theater zu verstaatlichen. Nur bäuerliche Kleinbetriebe blieben im Privateigentum. Es entstanden Volksgerichte zur Bestrafung der sogenannten Konterrevolutionäre. Tibor Szamuely fuhr deshalb mit einem transportablen Galgen durch das Land und vollzog seine Urteile rasch und äußerst grausam. Ein Flüchtlingsstrom drängte an die österreichischen Grenzen, ungarische Offiziere, Adelige und Reiche bevölkerten Wien und seine Hotels. Auch die Entente- Missionen waren am 23. März 1919 geflohen, Diplomaten versammelten sich in der Wiener Nuntiatur, um für ihre in Ungarn stationierten Kollegen Hilfsmaßnahmen zu organisieren. Die meisten Missionschefs wollten Österreich verlassen und in die Schweiz gehen. In Ungarn tobte der Kirchenkampf.
Solche Umstände forderten nun doch Maßnahmen der Entente gegen den Kommunismus. General Smuts reiste nach Budapest (4. April 1919), auch er konnte mit seinen Konferenzen im Eisenbahncoupé die Räteregierung nicht friedlich liquideren. Seine Verhandlungen machten die Kommunisten im Ausland sogar wirtschaftlich salonfähig. Die Italiener führten Waffen, die sie an der Piavefront erbeutet hatten, nach Budapest aus, um sie gegen hohe Summen für Unternehmungen gegen Österreich zur Verfügung zu stellen. Österreichische Zöllner, die solches an der Grenze bei Bruck an der Leitha blockieren wollten, wurden vom eigenen republikanischen Staatssekretär für Äußeres, Dr. Otto Bauer, angewiesen, den Transport abzufertigen und nach Ungarn durchzulassen. Er schien interessiert, das neue Österreich, den sogenannten Freistaat, mit den Waffen Altösterreichs von den Kommunisten erobern zu lassen und durch dessen Anschluß an Deutschland der bolschewistischen Weltrevolution die Wege zu ebnen. Sächsische Gesandtschaftsberichte erwähnen die Verwendung dieser Waffen bei der Eroberung der Slowakei.
Unter solchen Umständen versuchte der französische General Franchet d ‘Esperay, jetzt in Szeged stationiert, die ungarischen Grenzen gegen Rußland dicht zu machen, unter seinem Kommando rumänische, serbische, tschechische und französische Truppen zu organisieren und auf Budapest marschieren zu lassen. Nachdem dazu die Friedenskonferenz ihre Erlaubnis verweigerte, gingen die Rumänen allein los; sie überschritten am 16. April die vom Waffenstillstand festgelegte Demarkationslinie und drangen über Nagyvárad und Debrecen (Debreczin) bis zur Theiß (1. Mai) vor, am 2. Mai besetzten sie Miskolc. Die Rote Armee Ungarns bestand damals aus insgesamt 25.000 Mann. Es folgte der zweimonatige Verteidigungskrieg der ungarischen Proletarier, an dem sich auch Offiziere der alten königlichen Armee beteiligten, wobei Kommunisten und Magyaren gemeinsam um das alte Großungarn kämpften. Die Ungarn warfen die Rumänen zurück, trennten sie von den italienisch geführten Tschechen, drangen über den Karpathenkamm in die Slowakei vor, nahmen Bartfa und Eperjes ein. Dort rief Antonin Janouschek die slowakische Räterepublik aus, während sie auf die ukrainische Roten Armee vergeblich warteten. Lenin, von der Konterrevolution im Osten Moskaus bedroht, hatte sein Militär im Donezbecken konzentriert. Er konnte die Hilferufe Belá Kuns und Szamuelys, der eigens nach Moskau geflogen war, am 29. Mai 1919 nur in der Prawda mit einem “Gruß an die ungarischen Arbeiter” beantworten.
Die bayerische Räterepublik war nach drei Wochen ihrer Existenz zusammengebrochen, kommunistische Putschversuche in Wien am 17. April und am 15. Juni 1919 mißglückten. Clemenceau drohte mit Maßnahmen der Entente (8. Juni 1919).Würden sich die Ungarn nicht binnen vier Tagen hinter die im Waffenstillstand festgelegte Demarkationslinie zurückziehen, erhielten sie keinen Friedensvertrag. Die Rumänen verließen erst nach der Räumung der Tschechoslowakei das Land. Die Friedenskonferenz duldete keine Aufstände. Sie drohte mit der Geißel vom Stop der Lebensmittelversorgung. Belá Kun unterwarf sich mit der Zustimmung Lenins und Clemenceau überlegte, ihn zu Friedensverhandlungen nach Paris kommen zu lassen.
Inzwischen startete die sogenannte “Konterrevolution.” Auch sie war ein Ergebnis der demobilisierten Armee. Hatten die Heimkehrer aus Rußland den Kommunismus transportiert, Soldaten den radikalen Sozialismus propagiert, waren es Offiziere der einstigen k.u.k. Armee, jetzt ohne berufliche Tätigkeit und Einkünfte, die dem roten Treiben ein Ende bereiten wollten. (Es gab auch solche, die sich des Kaisers Rock entledigt oder ihn mit der Uniform von Volkswehr oder Roten Garden vertauscht hatten: wie Otto Bauer, Julius Deutsch, Theodor Körner, Adolf Boog, Karl Schneller , unter ihnen auch 16 Maria Theresienritter.) Es entstanden in Wien, Graz und Feldbach gegenrevolutionäre Zentren. In Arad entwickelte sich unter französischem Ententeschutz die “Szegeder (Szegediner) Gegenregierung” des Grafen Julius Károlyi. Die Nachrichten liefen bei Kaiser Karl zusammen. Ihm stellte sich auch die sogenannte Agence Centrale, getarnt als wirtschaftspolitische Telegraphenagentur für die Presse mit Sitz in Lausanne, zur Verfügung. Ihre Gründer Guyla Andrassy, Vilmós Vászonyi, Andreas Veitschberger und Lajós Windisch- Graetz eröffneten Büros für Nachrichten aus dem ehemaligen Habsburgerreich in sämtlichen europäischen Hauptstädten.
In Wien war der Maria Theresienordensritter Oberst Anton Lehár, Bruder des berühmten Operettenkomponisten Franz Lehár, einer der Kristallisationspunkte der antirevolutionären Gegenbewegung, ein anderer im zu liquidierenden k.u.k. Außenministerium Aladár Boroviczényi, der letzte ungarisches Kabinettschef des Kaisers und Königs. Boroviczényi zog die Fäden zu den Grafen Stephan Bethlen und Paul Teleki, Mitglieder des Wiener Komittes der Szegeder (Szegediner) Gegenregierung. Auch Anton Lehár hielt mit ihnen den Kontakt. Im Juni 1919 stellten sich in Wien 12.000 antikommunistische ungarische Offiziere zum Sturz der Räterepublik zur Verfügung. Die Kommunisten besaßen sehr viel Geld für sich selbst und für Propagandazwecke. Anfangs Mai verübten ungarische Offiziere in Wien den sogenannten “Bankgassen- Raub,” um die Gegenrevolution zu finanzieren. Ihre stattliche Beute von 135 oder 150 Millionen Kronen und Francs wurde dann zur Hälfte von der Wiener Polizei wieder gefunden, den “unauffindbaren” anderen Teil des Coups verwendete Lehár zur Organisation einer schlagkräftigen, disziplinierten Truppe. Von Graz und Feldbach aus begann Lehár rasch und sehr effizient den Aufbau seiner Bataillone zur Befreiung Westungarnsvom Kommunismus.
Im Mai 1919 grassierte das Gerücht, der ehemalige Kommandant der k.u.k. Marine, Nikolaus von Horthy, wäre ermordet worden. Kaiser Karl kannte Horthy, dessen Bruder sein Reitlehrer war. Horthy, oft bei Erzherzogin Maria Josepha zu Gast, hatte als Flügeladjutant Kaiser Franz Josephs auch 1911 an der Hochzeit in Schwarzau teilgenommen. Boroviczényi ließ auf Wunsch Kaiser Karls durch die Wiener Ententemissionen nachforschen. Horthy war am Leben und nach Arad auf das Gut seiner Schwiegereltern geflüchtet. Boroviczényi intervenierte und Horthy wurde Kriegsminister der Szegeder (Szegediner) Gegenregierung. Der Kaiser hatte Horthys Treuekundgebungen nach der Flottenübergabe in Pola nicht vergessen, jetzt konnte der k.u.k. Admiral der Restauration zum Sieg zu verhelfen. Der König verkannte den extremen Magyarismus der Szegeder (Szegedinern) und ihre Begeisterung für das ungarische Nationalkönigtum. Besonders jüngere, sehr fähige calvinistische Offiziere, wie Julius Gömbös von Jáfka, forcierten sie. In Szeged (Szegedin) entstanden die Offiziersbataillone Prónay und Osztenburg, paramilitärische Organisationen und mehrere nationalmagyarische Geheimgesellschaften, wie die EKS (EKSZ) und die MOVE. Die EKS (EKSZ) orientierte sich organisatorisch an den Freimaurern – strenge hierarchische Gliederung, große Abhängigkeit der Mitglieder von ihren Vorgesetzten, clandestine Information – sie agierte für die Wiederherstellung der historischen Grenzen Ungarns und für die Aufrechterhaltung der magyarischen Rassensuprematie im Karpatenbecken. Ihre Gründer waren die drei siebenbürgischen Grafen Stephan Bethlen, Paul Teleki, Nikolaus Banffy, Julius Gömbös von Jáfka und Tibor Eckhart. Der Großteil der Szegeder (Szegediner) gehörte zur EKS (EKSZ), Horthy war ihr repräsentatives Oberhaupt. Ihre Leitung blieb in den Händen eines aus den drei Siebenbürger Grafen gebildeten Direktoriums. Die militärische Ausstattung der dortigen Offiziere erfolgte auf Befehl Kaiser Karls durch Frankreich, vermittelt von Windisch – Graetz.
Die Ablehnung der Entente, die Abkehr der Bauern von der verstaatlichten Agrarpolitik, der sogenannte Verrat des Generals Ferenc Julier, er paktierte von der ungarischen Roten Armee aus mit den Szegedern (Szegedinern), und der sadistische Terror Szamuelys führten zum Zusammenbruch der Räterepublik. Belá Kun, Szamuely und Genossen flohen nach Österreich. An der Grenze bei Wiener Neustadt erschoß sich Szamuely, er hatte eine Viertelmillion Kronen bei sich. Kun und Anhänger wurden per Zug ins niederösterreichische Waldviertel gebracht und dort, verteilt auf Kollmitzgraben, Karlstein und Drosendorf, interniert. In Budapest amtierte jetzt eine sozialdemokratische Gewerkschaftsregierung unter Julius Peidel, ehemals Minister für Volkswohlfahrt und Führer der Buchdruckergehilfen, für eine Woche. Sie verhängte sofort das Standrecht über Ruhestörer und Plünderer und fiel unter dem Staatsstreich des konservativen Legitimisten Stephan Friedrich. Erzherzog Joseph kam als Palatin wieder an die Macht, die politische Situation entsprach jener vor dem Ausbruch der Revolution von 1918.
Im Juli 1919 wurde die Szegeder (Szegediner) Gegenregierung umgebildet. Horthy unter Dezsö P. Abrahám jetzt nicht mehr Kriegsminister, wurde Kommandant der kleinen Szegeder Nationalarmee. Er legte am 15. August 1919 vor Erzherzog Joseph seinen Amtseid ab und schlug sein Generalstabsquartier in Siofók am Balathon (Plattensee) auf. Die Rumänen hatten am hatten 4. August 1919gegen den Willen der Entente Budapest besetzten. Alle Durchzugsgebiete stöhnten unter ihrem Wandalismus und dem “Weißen Terror”. Kaum war Erzherzog Joseph in dem devastierten ungarischen Rumpfstaat Stellvertreter des Königs, protestierten die Nachbarn. Die von der Gnade der Entente zu Macht und Herrschaft Gelangten wandten sich an die Botschafterkonferenz: zuerst die Tschechen, Masaryk im persönlichen Gepräch, Beneš schriftlich, Renner für Österreich, zuletzt der SHS- Staat. Die Entente veranlaßte am 23. August 1919 den Rücktritt des Erzherzogs Joseph als Palatin und verbot, die habsburgische Dynastie in Ungarn wieder an die Macht zu bringen. Der Ministerpräsident Stephan Friedrich hatte ihren Wunsch nach einer Koalitionsregierung aller Parteien ignoriert. Rumänen wie ungarische Nationalisten – vornehmlich Offiziere um Gömbös und Pronay – starteten mit Horthys stillschweigender Billigung Revanche – und Strafaktionen an den jetzt besiegten Kommunisten. Der Rote Terror schlug in den Weißen Terror um, dessen Sadismus sich wahllos an den Juden abreagierte, die den Bolschewismus propagiert und finanziert hatten. Ein schrecklicher Antisemitismus wütete im Land. Der britische Diplomat Sir George Clerk , wurde von der Pariser Konferenz im Oktober – November 1919 analog zur österreichischen Sondermission Allizés vom Frühling 1919 nach Budapest delegiert. Er sollte den Abzug der Rumänen veranlassen, den Weißen Terror eindämmen und eine vorläufige Koalitionsregierung, die allgemeine Wahlen vorbereitete, bilden. Sir G. Clerc erfüllte seine Aufgabe mit seltenem Mut, mit Klugheit und Takt. Am 4. November 1919 vereinbarte er mit Horthy und mit Diamandy, dem Hochkommissar der Rumänen, deren Abzug aus Ungarn. Horthy garantierte, Budapest und die von den Rumänen zu räumenden Gebiete in völliger militärischer Disziplin und Ordnung zu übernehmen.
Lehár verfügte über die meisten geordneten Truppen. Er hatte Westungarn besetzt und es von Kommunisten wie auch von Rumänen, Jugoslawen und Tschechen, die durch Ungarn nach einem slawischen Korridor zum Meer strebten, freigehalten und sich Horthy unterstellt;. Unter größtem Jubel der Bevölkerung zog er am 14. und am 16. November 1919 nochmals mit Horthy in Budapest ein.
Sir George Clerc veranlaßte den Rücktritt der Regierung Friedrich, die für den Weißen Terror und für die Aufstellung von Erzherzog Joseph als Palatin verantwortlich gemacht wurde. Der Conseil Suprême anerkannte Karl Huszár als Regierungschef, der Wahlen vorzubereiten und die Delegation für den Abschluß des Friedensvertrags aufzustellen hatte. Stephan Friedrich, Zivilist und kein Militär, war nun Kriegsminister.
Der Friedensvertrag von St. Germain bestimmte die Anglierderung Westungarns -an Österreich. Was Lehár mit dem Argument, solange Ungarn noch keinen Friedensvertrag hätte, könnte der Vertrag von St. Germain nicht in die politische Praxis umgesetzt werden, blockierte. Der Bildungsgrad der ungarischen Bevölkerung hatte sich seit dem letzten Versuch in der ehemaligen Habsburgermonarchie, das allgemeine Wahlrecht einzuführen, kaum verändert. Politisches Thema war nicht die Staatsform, es schien klar, daß Ungarn ein Königreich bleiben wollte,. sondern die Königsfrage. Sollte Ungarn als Erbkönigreich der Habsburger fortbestehen, was nicht so sehr die Entente als die Tschechen bekämpften, oder sollte es ein Nationalkönigreich mit freier Königswahl sein? Seit dem Sturz der Räterepublik diskutierte man, über Thronprätendenten. Grob gesprochen waren die Protestanten – hauptsächlich die Calviner- und die Partei der Kleinen Landwirte für den Nationalkönig. Sie verstanden die Eckartsauer Erklärung vom November 1918 als Abdankung Karls IV., was ohne parlamentarische Zustimmung verfassungsrechtlich unmöglich war. Ihre Ressentiments bezichtigten den König, Ungarn verlassen und es der Revolution ausgeliefert zu haben. Die Christlich Nationalen, Katholiken und Legitimisten erkannten in der Eckartsauer Erklärung den vorläufigen Rückzug des Königs von den Regierungsgeschäften, sie waren für seine Rückkehr. Diese Situation war Horthys Chance: er war Calvinist und Legitimist, eine Persönlichkeit, in der sich die historischen Tendenzen, trafen. Clerc stellte Horthy, der das Doppelspiel der italienischen Außenpolitik in Ungarn – sie paktierte gleichermaßen mit den Bolschewisten wie mit den Nationalköniglichen – ablehnte, das allerbeste Zeugnis aus .
Im Dezember 1919 wurde Ungarn eingeladen, Delegierte zur Friedenskonferenz nach Paris zu senden. Deren Führer, den über allen Parteien stehenden Grafen Albert Apponyi, betrachtete man als Garant künftiger Konsolidierung, die Grafen Stephan Bethlen und Pál Teleki begleiteten ihn.
Aus den Wahlen zur Nationalversammlung vom 21. bis 26. Jänner gingen Christlich- Nationale und Kleine Landwirte neben einer kleinen Gruppe bürgerlich Linksradikaler siegreich hervor. Es war kein einziger sozialistischer Abgeordneter gewählt worden. Die alte, neue Regierung Huszár – Beniczky – Friedrich blieb bis zur Wahl des Reichsverwesers im Amt. Sofort befürchtete Beneš eine prohabsburgische, restaurative Strömung in Ungarn. Obwohl sich die Entente angeblich nicht in die inneren Angelegenheiten des Landes einmischen wollte, konnte Beneš die Botschafterkonferenz motivieren, die Rückkehr der Habsburger nach Ungarn von neuem zu verbieten. Sie richte sich gegen die Grundlagen der Friedensschlüsse und könne weder anerkannt noch toleriert werden. Rumänien, die Vertreter des SHS- Staates, die Tschechoslowakei und Österreich schlossen sich an.
Die ungarische Nationalversammlung versuchte nun einen Balanceakt: einerseits mußte sie die politischen Forderungen der Entente, denen sich die Nachfolgestaaten der alten Monarchie, angeschlossen hatten, erfüllen; andererseits wollte sie eigenen politischen Willen und eigenes Selbstverständnis repräsentieren. Analog zu Österreich und orientiert an den Siegermächten verstand sie sich als provisorisch und bis zur Konsolidierung des von Bolschewiken und Rumänen devastierten Landes sowie bis zum Abschluß des Friedensvertrages als höchste Instanz des auferstandenen neuen Ungarn. Ihre staatliche Funktion verknüpfte sie jedoch mit der Verfassung des vor – revolutionären, alten Ungarn: danach konnten ohne Zustimmung und Gegenzeichnung des gekrönten Königs keine Gesetze erlassen werden. Vorläufig alleine gesetzgebend, ermächtigte sie den Reichsverweser nur zur Promulgation der Gesetze, zu ihrem Aufschub mit nur einmaligem Veto. Nach der zweiten Beschlußfassung müßte der Reichsverweser innerhalb von 15 Tagen das Gesetz veröffentlichen.
Ähnliche Balanceversuche betrafen die Königsfrage. Der Gesetzesartikel 1 von 1920 hielt fest, daß die königlichen Gewalt nur durch die eingetretenen Ereignisse nicht ausgeübt werden könnte. Deshalb würde die Nationalversammlung mit absoluter Majorität einen Reichsverweser zum provisorischen Staatsoberhaupt wählen; er könnte mit den Stimmen von 100 Abgeordneten auch wieder abgesetzt werden. Der Reichsverweser habe aus der Majorität der Nationalversammlung eine Regierung zu berufen und kein Recht, die Nationalversammlung aufzulösen, er besitze auch keine kirchlichen Patronatsrechte. Dieser Gesetzesartikel 1 von 1920 hatte den Reichsverweser zu einem Geschöpf der provisorischen Nationalversammlung gemacht, ihn ihr zur Rechenschaft verpflichtet. Er konnte nicht wie der gekrönte König oder der von ihm ernannte Palatin sich auf das göttliche Recht der Könige (Gottesgnadentum, divine right of kings) und damit auf eine gewisse Unabhängigkeit vom Parlament stützen. Das momentane Provisorium ließ die Möglichkeit einer Restauration des alten ungarischen Königreiches offen und rührte nicht an den Rechten und an der Persönlichkeit des gekrönten Königs. Am 1. März 1920 wurde Nikolaus von Horthy, der einzige von der Nationalversammlung vorgeschlagene Kandidat, fast einstimmig zum Reichsverweser gewählt. Er legte seinen Regenteneid auf Ungarn und nicht ausdrücklich sondern nur implizit auf den König ab. Er beschwor, Ungarn treu zu sein, seine Gesetze, Rechte und bewährten Sitten zu beobachten, das Land und seine Unabhängigkeit zu schützen, in Übereinstimmung mit Verfassung und Nationalversammlung, mit Recht und Gesetzen im Interesse und zur Ehre des Landes seine Pflichten zu erfüllen. Die Restauration des alten Königreiches hing an seinem politischen Talent, an seinem guten Willen und an seiner Loyalität zum gekrönten König. Er war sich dessen bewußt. Horthys künftiges Verhalten entsprach völlig der doppelten Interpretierbarkeit seiner Stellung. Sie schien jener des alten Palatins zu gleichen, bezog aber ihre Macht nicht vom König sondern von der Zustimmung der Entente und der ihr unterworfenen Nationalversammlung. Horthy arbeitete nach beiden Seiten, letztlich zum eigenen Vorteil. Er beteuerte dem König seine Loyalität, versprach alles nur Mögliche für seine Rückkehr zu veranlassen, ihm dafür den passenden Zeitpunkt bekanntzugeben. Er bezog mit königlicher Zustimmung einen Flügel der Ofener Burg, und ließ den pensionierten, Wiener Hofrat, Zeremoniell Direktor Wilhelm Friedrich von Nepallek nach Budapest kommen, um nach habsburgischem Muster glanzvoll zu repräsentieren. Gleichzeitig akzeptierte er die von MOVE Anhängern veranstalteten Propagandafeldzüge der Nationalköniglichen. Sie brachten groß Horthys Plakate heraus, stellten ihn als Steuermann und Führer dar und affichierten sein Bild in den meisten ungarischen Kasernen. Der Geist der alten k.u.k. Armee verflüchtigte sich; Horthy förderte nationalistische Ideen, duldete Grausamkeiten und Exzesse, auch wenn ihm das der französische Ententevertreter nicht zutraute. Der Reichsverweser gab vor, das große alte Ungarn wieder zu errichten. Er legte das Oberkommando über die Nationalarmee zurück und übernahm das Kriegsministerium, das sein Mitarbeiterkreis (Gömbös, Magasházy etc.) tatsächlich führte. Die ungarische Nationalarmee, in die nun viele ehemalige Soldaten und Offiziere eintraten, wurde auf ihn vereidigt, ihre Kappen mit seiner Initiale geziert. Auch die Beamten hatten jetzt den Diensteid auf Horthy zu leisten. Boroviczény wie Lehár erkannten in diesem selbstherrlichen Gehaben Triebkräfte der habsburgfeindlichen der Prätorianergarde, deren Gefangener Horthy war und die propagandistisch die öffentliche Meinung beherrschte, während Windisch- Graetz im Reichsverweser den Strohmann für die hinter ihm Politik treibenden Direktoren der EKSZ erblickte Übrigens ein politisches Modell der Regentschaft, das auch Graf Ottokar Czernin während der Clemenceau – Sixtus Affaire in Österreich mit Erzherzog Friedrich verwirklichen wollte.

FÜR UND WIDER EINE HABSBURGISCHE RESTAURATION IN UNGARN.
Im Mai 1920 konnte Kaiser Karl ein politisches Jahr im Schweizer Asyl überblicken. Die Expansion des Bolschewismus im einstigen Habsburgerreich war vorläufig gestoppt, in Ungarn die Räterepublik zusammengebrochen, in Wien waren die kommunistischen Putschversuche abgewiesen, die Slowakei und Böhmen mehr oder weniger vom Kommunismus gestreift worden. Der Friedensvertrag von St. Germain hatte Österreichs Grenzen eingeengt und das Nationalitätenprinzip für die deutsch besiedelten Gebiete des alten Kaisertums sehr willkürlich gehandhabt. Die “Siegermächte” Tschechoslowakei und der SHS- Staat profitierten territorial im Norden und im Süden, Tirol wurde geteilt, sein südliches Kernland, sowie die ehemaligen Grafschaften Görz und Gradiska mit Triest Italien zugesprochen. Der Friedensvertrag verbot den Anschluß Deutschösterreichs an das Deutsche Reich und verpflichtete es, den Staatsnamen Österreich zu tragen. Das paßte zu den verschiedenen Interventionen Kaiser Karls, die er an Frankreichs gerichtet hatte. Die Botschafterkonferenz hatte den Anschluß Österreichs an Deutschland verboten und die Amtsniederlegung Otto Bauers, erreicht. Allizés Sondermission war erfolgreich gewesen.
Unermüdlich suchte der Kaiser die Siegermächte für die Donaukonföderation zu interessieren, auf ihre wirtschafts – und verkehrspolitische Bedeutung, auf ihre europäische Sicherheits- und Barrierefunktion hinzuweisen. Er hatte das Gesamtkonzept der Donaukonföderation nur dem Papst vorgelegt: neutrale Staaten die ihre Staatsformen (Königreich oder Republik) selbst bestimmen könnten, sollten in Außenpolitik, Armee, Handel, Verkehr und durch ein föderatives Parlament miteinander verbunden werden und bei den Friedensverhandlungen mit einer einzigen Delegation vertreten sein. Daneben gab es genügend Memoranden an die Botschafterkonferenz, wie jenes von Polzer – Hoditz an Archibald Coolidge, oder von Samuel Oppenheimer, dem sehr prominenten Gutachter aus der Finanzwelt, für die Friedenskonferenz. Sie traten für einen wirtschaftlichen Zusammenschluß der alten Habsburger Länder und für die Monarchie ein. Solche Tendenzen erschienen auch in der neuen Tschechoslowakei, als Masaryks Schwäche und die Unzufriedenheit eines Großteils der Bevölkerung mit dem neuen Staat sichtbar wurden. Die Restauration schien zum greifen nahe. Der Kaiser hätte nur scheinbar geringfügige Bedingungen erfüllen müssen. Wir folgen den beeideten Berichten von Kaiserin Zita und dem Grafen Nikolaus Revertera. Die Massonen, deren Vertreter bei Kaiser Karl erschienen, forderten als Gegenleistung für ihre Hilfe zur Restauration des Habsburgerstaates, die Freimaurerei, die säkularisierte Schule und die Zivilehe in der neuen Donaukonföderation offiziell zu erlauben. Kaiserin Zita datierte die dem Kaiser vorgelegten drei Freimaurerangebote mit Juni 1919. Bereits seit 1867 war in Ungarn die Massonnerie erlaubt und die Zivilehe eingeführt; seit 1868 bestand in Österreich die säkularisierte Schule. Ab 1905 zahlten die ungarischen Freimaurer ihre Beiträge an die internationale Freimaurerorganisation (Massonerie universelle) in Bern. In Österreich wurde am 8. Dezember 1918 (am großen marianischen Staatsfeiertag der Gegenreformation) die Großloge von Wien eröffnet, der von Kaiser Karl wegen Korruption entlassene “Oberfreimaurer” Rudolf Sieghart zum Großmeister der Großloge von Wien- und im Herbst 1919 als Gouverneur der Boden – Credit – Anstalt wieder installiert. Als Kaiser Karl unmittelbar nach seiner dritten Absage der Freimaurerangebote Kaiserin Zita davon erzählte, fragte sie besorgt, “[...] ob es nicht möglich gewesen wäre, der entscheidenden Frage auszuweichen. [Der Kaiser] verneinte. < Das werden jetzt unerbittliche Feinde sein>, sagte ich ihm. , erwiderte [er] sehr ernst. Und ruhig fügte er hinzu:< Ich hätte niemals vom Teufel angenommen, was Gott mir gegeben hat. >[...]”
Kaiser Karl arbeitete trotzdem ruhig weiter. Er hatte sich für die Errichtung einer autonomen und selbständigen Republik Tirol eingesetzt und aus der Kriegsgefangenschaft entlassene Tiroler Offiziere in der Heimat begrüßt. Die alten Kirchenstrukturen, die erst im 19. Jahrhundert vollständig den politischen Grenzen des Habsburgerreiches angepaßt worden waren, sollten bestehen bleiben .Die nationalstaatlichen Tendenzen des apostolischen Nuntius von Wien, Valfrè di Bonzo, und beim heiligen Stuhl waren zu durchkreuzen. Der Kaiser bemühte sich, Kardinal Piffl von der Unrechtmäßigkeit der österreichischen Republikserklärung zu überzeugen, er erinnerte die Bischöfe an ihren Eid als Geheime Räte, von dem er sie nicht entbunden hatte. Auch die Soldaten waren , trotz der ihnen zugestandenen Möglichkeit in Nationalarmeen einzutreten, nicht von ihrem Eid entbunden.
Die habsburgischen Interna, die vor der Ausreise des Kaisers in die Schweiz ausgebrochen waren, hatten sich im Herbst 1919 nur zum Teil beruhigt. Die Erzherzöge Max, Friedrich, Albrecht und Eugen versammelten sich am 27. Oktober 1919 in Olten zu einem Familienbeschluß. Auf dem Boden der Pragmatischen Sanktion stehend, anerkannten sie Kaiser Karl als Oberhaupt des Hauses Österreich und der ( einst habsburgischen) Staaten. Sie versicherten ihn ihrer unerschütterlichen Treue und distanzierten sich von jenen Familienmitgliedern, die der österreichischen Regierung die Verzichtserklärung geleistet hatten. Für alle Zukunft wären diese weder sukzessionsfähig, noch gehörten sie weiter zum Erzhaus. Der Kaiser möge diesen Familienbeschluß allen nicht in der Schweiz anwesenden Verwandten zustellen lassen. Trotzdem waren die Probleme nicht ganz ausgeräumt. Speziell die ungarischen Erzherzöge agierten zwar nicht offen, jedoch konkret gegen den König. Erzherzog Joseph, angestachelt von seiner Gemahlin Auguste, einer Enkelin Kaiser Franz Josephs, konnte es nicht verwinden, als Palatin abgelehnt worden zu sein. Er antichambrierte bei den britischen und französischen Hochkommissaren in Budapest und wäre sogar bereit gewesen, seinen Namen zu ändern, um die Empfindlichkeit der Entente zu kalmieren. Beim Apostolischen Nuntius von Budapest, dem er bei im Sommer 1920 das Klothildenpalais zur Verfügung gestellt hatte, ließ er durchblicken, daß er ungarischer König werden wollte. Auch mit seinem Sohn hatte er politische Pläne; Joseph Franz sollte Jolanda Margerita, die Tochter des Herzogs von Aosta, heiraten, ohne zu ahnen, was für Ungarn das Spiel der Italiener zwischen Bolschewisten und Nationalisten bedeutete. Daneben reizte Erzherzog Albrecht, der Sohn von Erzherzog Friedrich und Erzherzogin Isabella, die Macht. Er näherte sich Gömbös, der MOVE und damit den Verfechtern des ungarischen Nationalkönigtums.
Schon einen Tag nach ihrer Ankunft in Prangins hatten die Majestäten den einstigen polnischen Regentschaftsrat, Fürst Zdislaus Lubomirski, gemeinsam mit Graf Revertera zum Dejeuner gebeten. Der Fürst schrieb dann an die Adresse Englands von den durch die österreichischen Habsburgergesetze verursachten Finanzproblemen des Kaisers, und über diesen selbst. Er fand den Kaiser sehr ruhig und war frappiert. von seinem Optimismus und seinem tiefen Vertrauen in die Zukunft Kaiser Karl konzentriere sich auf das Wiedererstehen der alten Monarchie in einer Donaukonföderation und stelle seine und die Probleme seiner Familie ganz hinter die Probleme seiner Völker, deren Schicksal ihn vollständig okkupierte. Ein halbes Jahr später, am 2. Jänner 1920, erhielt Lubomirski wieder Nachricht aus Prangins. Der Kaiser lehne eine übereilte Rückkehr nach Ungarn ab; die einzelnen Teile der künftigen Donaukonföderation sollten nicht gegeneinander in den Kampf getrieben werden. Man müsse abwarten, die Entwicklung von unten nach oben beobachten und sich an ihr orientieren. Dem Kaiser schwebte ein österreichisches Kaiserreich nach englischem Muster vor, “jedoch angepaßt an unsere Verhältnisse” mit Länderautonomien, ohne Militarismus und ohne agressive Außenpolitik. Zuerst müsse der Wandel in der öffentlichen Meinung einsetzen. Graf Revertera sollte aus der Schweiz mit Sektionschef Schager in Wien, Graf Bornemisza, der ungarische Botschafter in der Schweiz, mit Graf Kuno Klebelsberg, einem Abgeordneten der Nationalversammlung in Budapest, die Restauration vorbereiten. Revertera war für die Außenpolitik, Schager für die Koordination monarchistischer Aktivitäten im Raum des ehemaligen Kaisertums Österreich zuständig. Bereits anfangs Jänner 1920 hatte Ödön von Benitzky, Innenminister im Kabinett Huszárs, zweimal die Rückkehr des Königs nach Ungarn vorbereitet und war, so Lehár, am Verrat gescheitert. Horthy, damals noch nicht Reichsverweser, brachte die Angelegenheit vor die Nationalversammlung, Benitzky verlor die Chance, Ministerpräsident zu werden. Kaiser Karl vertraute Horthy. Er erwartete schon kurz nach dessen Wahl zum Reichsverweser von ihm die Unterstützung der Pressecampagne für seine Rückkehr (12. März 1920). Graf Joseph Hunyady, der Obersthofmeister des Königs, hatte schon im Februar 1920 Lehár ein allerhöchstes Handschreiben und den Befehl überbracht, die Rückkehr des Königs nach Ungarn in die Wege zu leiten. Auch gab der König eine Garantieerklärung ab, den Friedensvertrag von Trianon, der die Pragmatische Sanktion außer Kraft setzen würde, zu akzeptieren. Er werde mit der Nation das Recht von Krieg und Frieden teilen, die Rechtsbrecher ohne Rache zur Verantwortung ziehen und nur mit der Zustimmung des ungarischen Parlaments die Restauration der Gesamtmonarchie beginnen. Im Begleitschreiben an Hunyady betonte der König, “[...]Insbesondere würde ich nicht die ung[arische] Staatsmacht dazu benützen, um andere Herrscherrechte der Familie mit Gewalt geltend zu machen.[...]“(deutscher Entwurf). Diese von Ministerialrat Jobb textierte Erklärung wurde zusammen mit dem Brief an Hunyady, datiert mit Lausanne, 6. April 1920, Horthy zur Kenntnis gebracht. Im Mai 1920 berichtete der französische Hochkommissar Maurice Fouchet vom Aufenthalt der Prinzen Sixtus und Xavier von Bourbon von Parma in Budapest. Fouchet, der in der monarchistischen Restauration die Voraussetzung für die Normalisierung des Lebens in Ungarn erkannte, sah in diesem Besuch Signale der baldigen Rückkehr des Königs; sie werde plötzlich und ein faît accompli sein. “[...]Es ist nicht zu erwarten, daß sich die verschiedenen Parteien einigen”, schrieb er an Millerand, ” Es ist wahrscheinlicher, daß eine von ihnen eine plötzliche Entscheidung herbeiführt. König Karl oder sein Sohn Otto oder Erzherzog Joseph riskieren es, auf diese Weise in die königliche Macht investiert zu werden. Wer wird der Sieger sein? Niemand kann das vorhersagen[...]” Wenige Tage vor Abschluß des Vertrages von Trianon informierte der König Horthy von seiner Absicht, noch im Laufe des Jahres 1920, nach Ungarn zurückzukommen und seine Herrscherrechte wieder auszuüben. Er ersuchte ihn um die Vorzubereitung der Rückkehr, um die Mitteilung des dafür geeignetsten Augenblicks.
Boroviczény hatte den Reichsverweser offiziell vor Gömbös und seinen politischen Tendenzen gewarnt. Gömbös wolle ein “rassenreines” ungarisches Nationalkönigreich, die Dethronsation der Habsburger und die Proklamation Horthys zum König, was dieser bestritt. Gömbös sei nur militärisch ambitioniert, nicht ernst zunehmen und ganz in seiner Hand.
Das Thema der Restauration erhielt im Sommer 1920 eine gewisse Aktualität. Polen war gleich Ungarn vom russischen Bolschewismus bedroht. Während man in Versailles über seine Westgrenzen verhandelte, versuchte Marschall Pilsudski an der Ostgrenze vollendete Tatsachen zu schaffen.. Nach der Niederlage der russischen Weißen Armee (konterrevolutionär) erwartete man den Angriff auf Polen. Gegen alle Warnung aus Versailles griff Pilsudski am 25. April 1920 die Sowjetrussen als erster an. Nach Anfangssiegen mußte er zurückgehen, den Conseil Suprême um Hilfe bitten und sich hinter die ihm zugewiesene Demarkationslinie, die sogenannte “Curzon Linie,” zurückziehen. Der Oberste Rat schickte anstatt Truppen, nur eine Militärmission und etwas Munition. In Bialystok formierte sich eine künftige polnischen Räteregierung, die Rote Armee marschierte auf Warschau. Am 18. August 1920 konnte sie Pilsudski an der Weichsel in die Flucht schlagen, Polen vor dem Bolschewismus retten und die kommunistische Machtergreifung in Mitteleuropa verhindern.
Unter solchen Auspizien wußten deutsche Diplomaten in Budapest, wie positiv England und Frankreich zu einer habsburgischen Donaukonföderation eingestellt wären. Die Rückkehr des gekrönten Königs nach Ungarn und die Restauration des Kaisertums Österreich sei nur noch eine Frage der Zeit. Die Gerüchte schwirrten durch die Luft. Tatsächlich war nach Abschluß des Vertrages von Trianon (4. Juni 1920) die Rückkehr des Königs aktuell. Nationalversammlung und Reichsverweser waren zur Machtausübung nur bis zu diesem Termin befugt. Der Vertrag mußte noch ratifiziert werden, aber die Botschafterkonferenz hatte Habsburger auf dem ungarischen Thron verboten. Kaiser Karl verhielt sich damals sehr distanziert. Er machte seine Rückkehr von der inneren Situation Ungarns und von internationalen Voraussetzungen abhängig und ersuchte Hunyady, das Einvernehmen mit Horthy zu pflegen, dessen treuester Ergebenheit er jederzeit sicher sei (22. Juli 1920). Nach dem Bericht Dr. Seeholzers, wurde er im Sommer 1920 von Peretti della Rocca, dem Direktor des französischen Außenministeriums, ermächtigt, Kaiser Karl formell mitzuteilen, die französische Regierung widersetze sich einer habsburgischen Restauration in Ungarn nicht, sie würde sie eher begrüßen. Kaiser Karl möge in Prangins abwarten, bis man ihn um die Restauration in Ungarn dringend bitte. Wegen des russisch -polnischen Krieges hätte Frankreich damals ein Überlaufen der Tschechen zu den siegreichen russischen Bolschewiken erwartet.
Vermutlich deshalb wandte sich Kaiser Karl anfangs September an den Papst. Msgr. Maximilian Brenner, Rektor des österreichisch- deutschen Priesterbildungsinstitutes “Anima” in Rom, wurde mit dieser Mission betraut. Wir besitzen das undatierte Konzept der kaiserlichen Botschaft an den Papst, in der Form eines Briefes. Nicht Machtgier sondern das Pflichtbewußtsein des Staatsoberhauptes motivierten seinen Hilferuf: das Schicksal seiner Völker, schismatischen Bewegungen in der Tschechoslowakei, Mißachtung der Kirche in Österreich, Unterdrückung der katholischen Kroaten und Slowenen im SHS Staat, Zeichen der Dekadenz in Sitte und Moral. Der Kaiser war der natürliche Schutzherr der Kirche in diesen Staaten. Seine Getreuen wagten ohne Unterstützung keinen Schritt nach vor. Es gäbe Symptome, daß sich die eine oder andere Siegermacht mit seinen Ideen der Donaukonföderation anfreunde, man zögere, es auszusprechen. Selbst ohne Kontakte zu den Politikern der Entente sei es schwierig, unausgesprochene Wünsche zur Reife zu bringen, sie zu koordinieren und zur Renaissance der unglücklichen Länder wirksam beizutragen. Von der göttlichen Vorsehung zur Herrschaft, über verschiedene Völker bestimmt, ersuchte er den Papst, ihm den Weg zum Ziel zu zeigen.”[...] Weit davon entfernt, die Dinge in einem Augenblick der Ungeduld zu überstürzen, bin ich im Vertrauen auf die Vorsehung der aufmerksame Beobachter aller Ereignisse. Meine Absicht ist, beizutragen im Maß des Möglichen zum Heil meiner Völker, ihre Bestimmung mit meinen unverjährten Rechten in Übereinstimmung zu bringen.[...]” P. Cölestin Schwaighofer brachte am 31. Oktober die Antwort. Benedikt XV., gequält von schrecklichen Nachrichten über die Lage der Kirche im Osten, befürchtete eine Kirchenverfolgung. Als einzige Möglichkeit, diese Katastrophe zu verhindern, erblickte er die Restauration der katholischen Habsburgermonarchie. Der Papst ersuchte den Kaiser, so rasch als möglich nach Ungarn zurückzukehren, von dort aus die verschiedenen Länder wieder unter seiner Krone zusammenzufassen und das Bollwerk der Kirche zu errichten. “[...]Der Papst meinte, die Eile sei notwendig, weil ja die Vereinigung der verschiedenen Länder nicht von heute auf morgen geschehen könne. Daher dürfe keine Zeit verloren gehen, um das Werk zu beginnen [...],”berichtete Kaiserin Zita.
Kaiser Karl hatte im September 1920 mit den ungarischen Bischöfen Kontakt aufgenommen, sie von seinem Plan zurückzukehren informiert. Kardinal Csernoch riet nach Konsultation der Bischofskonferenz ab: es sei verfrüht, die Zeit noch nicht reif. Die Tschechen, seit August 1920 mit dem SHS- Staat in der Kleinen Entente vereinigt, würden Ungarn bei der Rückkehr des Königs militärisch bedrohen, das Land besetzen. Der König, nach dem Krönungseid zum Schutz des Landes verpflichtet, würde dadurch seine Thronrechte verlieren. Der Kardinal berief sich auf die Entente – Missionen, auf Horthy und Erzherzog Joseph. Lehár vermutete nicht unrichtig manipulierte Information.
Am 8. November erhielt Horthy offiziell die Mitteilung des Königs vom 6. April 1920: seine Zusage, Ungarns volle staatliche Unabhängigkeit von Österreich zu respektieren, Gut und Blut ausschließlich im Interesse des Landes einzusetzen und das Recht von Krieg und Frieden mit der Nation zu teilen. Der Reichsverweser sollte diese Königsbotschaft der Bevölkerung überbringen. Damit waren die Restaurationsvorbereitungen im engeren Sinn angelaufen. Schager empfing Instruktionen für die Zusammenarbeit mit Werkmann, Prinz Johannes Liechtenstein sollte nach dem Befehl vom 20. März 1921 sämtliche monarchistischen Militärverbände Österreichs zusammenfassen und anführen. Die kaisertreuen Bischöfe Österreichs wurden um ihren Beistand zur Restauration ersucht. Schon im Sommer 1920 hatte sich Seipel, damals Führer der Christlichsozialen Bewegung in Österreich, verpflichtet, für die Donaukonföderation zu werben. Der Wiener Polizeipräsident Schober erwartete im Frühling 1921 in Österreich den Zusammenstoß mit den Sozialdemokraten, das staatliche Auseinanderfallen der Tschechoslowakei, alles Chancen für die Restauration.
Horthy und Erzherzog Joseph reagierten auf die Mitteilungen von der geplanten Rückkehr des Königs wenig loyal. Während Horthy im Oktober 1920 in Székesfehérvár (Stuhlweißenburg) zu den Truppen von politischen Bemühungen um ein starkes Ungarn unter dem gekrönten König gesprochen hatte, versicherte er am 8. Dezember 1920 den stellvertretenden britischen Hochkommissar W. Athelstan Johnson, 95% der Ungarn würden niemals freiwillig für die Rückkehr König Karls stimmen. Johnson bezweifelte die Wahrheit dieser Aussage. Horthy bedauerte, daß Große und Kleine Entente die Rückkehr des Königs ablehnten. Damit hätten Intriganten die Möglichkeit, einen habsburgischen Thronkandidaten innerhalb oder außerhalb Ungarns zu fördern. Die Pressecampagne gegen den “Weißen Terror” würde sich nur zugunsten eines habsburgischen Schreckgespenstes verschieben. Ähnlich verhielt sich auch Erzherzog Joseph. Im November 1920 hatte er von Kaiser Karl selbst den Termin der Rückkehr erfahren. Er ging daraufhin zu Fouchet und teilte ihm mit, der König sei entschlossen, nicht abzudanken. Er würde Mitte März 1921 nach Ungarn zurückkommen und damit einen Bürgerkrieg auslösen. Doch sei er sich der Zustimmung Frankreichs sicher. Der Erzherzog betonte seine eigene francophile Haltung und Unterordnung.
Am 2. Februar 1921 informiert der britische Generalstab das Außenministerium von der Bedrohung Zentraleuropas aus dem Osten. Man wußte nicht, würden die Bolschewisten militärische Offensiven planen oder interne Revolutionen stimulieren, um revolutionäre Regierungen zu stützen. Südlich der Linie Mozir – Pribet – Astrachan wie an der Nordküste des Kaspischen Meeres sammelte sich eine große Armee ( 400.000 Gewehre und Kavallerie). Jedes Demobilisierungsgespräch mit den Bolschewisten diente nur der Täuschung. Man reorganisierte und verbesserte die Armee. Obwohl keine Militäraktion bevorstand, rechnete man damit. Der britische Generalstab warnte vor der Bedrohung Polens, Ungarns, Rumäniens und möglicherweise auch der baltischen Staaten. Er empfahl, die Bildung einer Defensiv – Allianz zwischen Rumänien, Ungarn der Tschechoslowakei und Polen.
Es ist unklar, ob der französische Ministerpräsident Aristide Briand deshalb dem Prinzen Sixtus in Gegenwart von Marschall Liautey erzählte, die italienische Regierung plane, den geistig unbegabten Sohn des Erzherzogs Joseph mit der Prinzessin Jolanda von Italien zu vermählen. Sie wollten eine italienisch – ungarische Habsburger – Dynastie begründen, “um die Serben zu ärgern”. Würde Kaiser Karl jetzt nach Ungarn zurückkehren, hätten Großbritannien und Frankreich in ihm einen treuen Freund und eine französische Prinzessin als ungarische Königin. Österreich werde sehr bald folgen. Es sei an der Zeit, daß der Kaiser Energie zeige. Dieses Gespräch fand am 14. Februar 1921 statt. Sixtus telephonierte nach Prangins und Kaiser Karl sandte nach Oberst Strutt, der sich mit seiner Gemahlin damals in St. Moritz aufhielt. Am 22. Februar 1921 beriet sich der Kaiser mit Strutt zwei Stunden lang im Park der Villa Prangins über Briands Aufforderung zum königlichen faît accompli in Budapest. England und Frankreich würden nicht die geringste Opposition machen, der Kaiser sollte zwischen 15. und 30. März 1921 in Ungarn sein. Kaiser Karl, alle Gegenargumente Strutts entkräftend, ersuchte ihn, die Nachrichten zu überprüfen. Strutts Vorschlag, auch den englischen Premierminister Lloyd George zu kontaktieren, lehnte der Kaiser ab. Am 23. Februar war Strutt bei Prinz Sixtus in Paris.”[...] Sixtus gab sich enthusiasmiert, er lachte über Schwierigkeiten und sagte, Prinz Xavier würde den Kaiser begleiten. Sixtus sah als einzige Schwierigkeit, einen Paß für seinen Schwager zu bekommen, um die Schweiz zu verlassen, aber das könnte beseitigt werden[...]“Oberst Strutt sollte bei Martinsbrück im Engadin versuchen, unkontrolliert die Grenze zu überschreiten. Strutt sagte zu und fuhr nach St. Moritz. Hier ergab sich eine Begegnung mit dem Bruder des Kaisers, Erzherzog Max, und dessen Gemahlin. Der Erzherzog befürchtete einen Restaurationsversuch und sein Scheitern. Er fragte Strutt, ob er den Kaiser begleiten würde .Strutt meinte, dies wäre für einen britischen Offizier unmöglich und zerstreute damit die Bedenken des Erzherzogs. Strutt fuhr am 26. Februar mit dem Zug von St. Moritz nach Tarasp, von dort mit dem Pferdeschlitten nach Remüs. Während der Nacht absolvierte seine Tour im Gebirge, ohne jemanden zu begegnen und beim Überschreiten der Grenze kontrolliert zu werden. Eine solches Experiment verlangte aber einen sehr geübten Bergsteiger.
Als Strutt am 4. März wieder in Prangins eintraf, war dort in der Nacht vom 1. zum 2. März die kleine Erzherzogin Charlotte zur Welt gekommen und am 2. März vom Vespremer Bischof Nandor Rott getauft worden. Kaiser Karl war unerbittlich und bereits steinhart entschlossen, den Restaurationsversuch zu starten; er konnte absolut nicht an den Verrat von Erzherzog Joseph glauben. Das Ehepaar Strutt reiste nach London zurück; der Oberst sprach Colonel Twiss vom Kriegsministerium, Cardogan vom Außenministerium und Lindley, den britischen Hochkommissar von Wien. Das Resultat seiner Interviews war so negativ, daß er Kaiser Karl beschwor, seinen Plan fallen zu lassen. Dieser Brief kam noch vor Antritt der “Osterreise” nach Prangins. Der Kaiser dankte Strutt herzlich für seine Nachrichten und hoffte, ihn in kürze sehr oft zu sehen.

ERSTER RESTAURATIONSVERSUCH ( 24. MÄRZ – 6. APRIL 1921)
Am Gründonnerstag, den 24. März 1921 gegen Mittag brach der Kaiser von Prangins auf. Die allerhöchste Entourage wußte nichts, S. M. war morgens noch beim Gottesdienst gewesen. Dann hieß es, er sei nicht wohl und habe sich zurückgezogen. Er dürfte unbegleitet von Prangins über Nyon in den französischen Jura aufgestiegen sein und die Grenze zu Fuß überschritten haben. Bei Gex wartete ein Auto, das ihn nach Straßburg zur Bahn brachte, wo er den Nachtzug nach Wien bestieg. Das Schlafwagencoupé Nr. 12 war von Paris aus reserviert worden. Der Kaiser reiste in Begleitung von Prinz Xavier und Graf Lasuen mit einem spanischen Paß, lautend auf Sanchez und mit einem des amerikanischen Roten Kreuzes als William Codo. Der Zug kam planmäßig am Wiener Westbahnhof an, der Kaiser nahm ein Taxi, fuhr in die Landskrongasse Nr. 5 zu Graf Tamás Erdödi, der ganz ahnungslos mehr als überrascht war und übernachtete dort. Am Karsamstag, den 26. März 1921 fuhr er zusammen mit Erdödi um 11. 30 Uhr in dem Auto von Mayr, dem ehemaligen Chauffeur von Ehin Maria Theresia, über die Triesterstraße bis Wiener Neustadt, von dort nach Seebenstein. Beim Schloß der Braganza wartete der einstige Leibchauffeur des Kaisers, Josef Schlederer. Die Reise ging über den Wechsel zur österreichischen Grenze bei Sinnersdorf und nach Pinkafeld zur Mittagsrast. Der Grenzübertritt war problemlos gewesen. Die beiden Incognito- Reisenden kamen über Oberwart – Petersdorf – nach S. Mihali um 10 Uhr abends in einem Pferdewagen mit Gummirädern vor dem barocken Bischofspalast in Szombathely (Steinamanger) ein. Man hatte den Kaiser unterwegs vielfach nicht erkannt, doch der Gendarmerieposten von Friedberg entdeckte in dem Wagen Erdödis einen fremden Mann in einem Automobilanzug, er trug eine sogenannte Autobrille. Hohler berichtete im Romanstil von der Verkleidung des Kaisers als englischen Handlungsreisenden mit Schminke im Gesicht. Das Bild aus Steinamanger zeigt ihn im dunkelgrauen Flanellanzug.
Es war eine turbulente Osternacht. Alle wichtigen Persönlichkeiten, die in der Nähe wohnten oder dort Osterferien machen wollten, wurden sofort nach Szombathely zitiert: Oberst Lehár kam um Mitternacht, Oberleutnant László von Almás(s)y, Graf Teleki, amtierender ungarischer Ministerpräsident und Graf Sigray, Regierungskommissar für Westungarn, trafen gegen 1/2 5 Uhr früh aus dem cca 30 km entfernten Gut Iváncz ein. Es erschien auch der legitimistische Abgeordnete Lingauer und der ungarische Kultusminister Prälat Joseph Vass der im Bischofspalast zu Gast war. Die nächtlichen Diskussionen betrafen die militärische Situation Ungarns vis à vis der Kleinen Entente, Horthy und die Regierung. Der König war plötzlich und unangekündigt erschienen, aber noch zweifelte niemand an Horthys Königstreue und Legitimismus. Der Kaiser, so Lehar, “[...]war so überzeugt, auf keinen Widerstand zu stoßen und hatte sich derart auf die Loyalität Horthys verlassen, daß er glaubte, durch seine Anwesenheit allein das Problem zu lösen[...]” Horthy mußte mit friedlichen Mitteln dazu gebracht werden, dem König die Macht zu übergeben. Denn “[...]eine militärische Operation war völlig ausgeschlossen[...].”Ohne Vorbereitung hätte sie so viel Zeit beansprucht, ” [...]daß die vorwiegend kalvinistische Bevölkerung jenseits der Theiß gegen den Vorstoß des katholischen Herrschers aufgeboten worden wäre. [...]” Graf Teleki reagierte bei seiner Ankunft in Szombathely zuerst negativ. Der König müßte entweder sofort in die Schweiz zurückkehren oder sehr rasch nach Budapest weiter fahren. Teleki und Vass unterstellten sich dem König, als er beschloß, seinen Weg nach Budapest fortzusetzen. Der Autokonvoi brach am Ostersonntagmorgen (27. März 1921) auf: Teleki sollte mit Vass vorausfahren und den König bei Horthy ankündigen. Er startete um 6 Uhr 30. Der König, chauffiert von Oberleutnant Almás(s)y, begleitet von Graf Sigray und Oberst Jarmy und einem ihm folgenden Auto, fuhr um 1/2 8 Uhr ab. Nachdem Lehár sofort sämtliche Telegraphen- und Telephonleitungen sperren ließ, kam der König zwischen 13 und 14 Uhr in Budapest an. Teleki und Vass hatten zwei Pannen, sie verirrten sich, zufällig oder absichtlich, und erreichten Budapest erst um 15 Uhr. Horthy war unvorbereitet. Als Sigray und Jarmy den König anmeldeten, reagierte er wie Teleki, negativ. Es war nicht nur die Störung des Ostermahls, während er “nach heimatlichem Brauch” Ostergeschenke für seine Angehörigen versteckte, er fühlte sich auch in seiner Kompetenz, für die Sicherheit Ungarns verantwortlich zu sein, irritiert und zitierte sofort die Kleine Entente. Sie würde bei der Rückkehr des Königs mobilisieren und Ungarn bedrohen: Der Reichsverweser führte den König in sein geheiztes Arbeitszimmer. Das Ringen um die Macht dauerte zweieinhalb Stunden.
Es gibt mehrere Berichte von diesem Ostersonntagnachmittag in der Königsburg von Ofen: die signierte Aufzeichnung nach dem Diktat des Königs im Privatarchiv Boroviczény, sowie deren journalistische Transformation mit zusätzlichen Veränderungen durch Werkmann (” Aus Kaiser Karls Nachlaß “). Der Bearbeitung Werkmanns folgen die meisten wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Darstellungen über Kaiser Karl. Kaiserin Zita hatte die Fassung Werkmanns wiederholt autorisiert. Auch ihr hatte der König von seinem Gespräch mit Horthy nur wenig erzählt und nur Mitteilungen von Boroviczény nachträglich bestätigt. Die große Unterredung mit Horthy fand unter vier Augen und ohne Zeugen statt, was Außenminister Dr. Gratz zu Recht bedauerte und kritisierte.
Horthy hatte seine Aussagen von 1952 beeidet. Die Rapporte der Hochkommissare Hohler und Fouchet, halten fest, was ihnen Horthy von seinem Gespräch mit dem König erzählt hatte. Boroviczény und Gratz bringen die persönlichen Mitteilungen des Gouverneurs. Im weiteren setzen wir uns nicht mit den diversen Überlieferungen und Veränderungen in Diplomatenberichten und Memoirenliteratur auseinander, wir folgen der Urschrift über “die Osterreise S.M. “nach dem Diktat des Kaisers in Hertenstein aus dem Privatarchiv Boroviczény. Die dort festgehaltenen Fakten sind in den Berichten der Entente – Hochkommissare in anderer Tendenz und Interpretation wiederholt und ergänzt. Auf das Wesentlichste reduziert und subjektiv stilisiert finden sie sich in Horthys Aussage von 1952.
Es gibt in der langen Geschichte der Habsburger keinen einzigen Statthalter, der sich als “alter ego” mit dem Herrscher gleichgesetzt und sich über ihn erhoben hätte. Das blieb Horthy vorbehalten, der seinen Auftrag von der Nationalversammlung übernommen hatte und die Zustimmung der Entente besaß. Als der König an diesem Ostersonntagnachmittag von ihm die Übergabe der Herrschaft forderte, weigerte er sich mit der Begründung, die Kleine Entente würde Ungarn bedrohen. Die ungarische Armee sei unverläßlich, es werde Krieg geben. Auch müßte er die Nationalversammlung informieren. Der König schätzte die Kriegsgefahr nicht allzu hoch ein. Er bestand auf seiner Forderung nach der Macht und begründete sie mit den Zusagen Briands von der Stillhalteabsicht der Großen Entente. Der Reichsverweser blieb unbeeindruckt und unbeugsam; er hielt die Franzosen für unverläßlich und doppelzüngig. Daraufhin vereinbarte der König mit ihm, nach Szombathely zurückzukehren und mit den Truppen Lehárs die Restauration zuerst in der Steiermark und in Österreich zu beginnen.(Der Marsch von Budapest auf Wien und der Sturz der republikanischen Regierung war ein geläufiges Thema Horthys). Widerstrebend war er einverstanden. Der König, Horthys schon sehr unsicher, fragte ihn, ob er ihn einsperren würde. Der Reichsverweser lachte und spielte den Eid, den er am 1. März 1920 vor der Nationalversammlung geleistet hatte, gegen seinen einstigen Soldateneid aus. Der Eid auf Ungarn hätte den Soldateneid aufgehoben, Horthy sei nicht mehr an den König gebunden. Was nicht nur moralisch sondern auch juridisch falsch war. Mit dem Eid auf das Land und auf die Nationalversammlung konnte man den König weder ausschalten noch “stechen” und Eid gegen Eid ausspielen. Bestenfalls hätte sich Horthy auf die Habsburgerverbote der Pariser Botschafterkonferenz berufen können. Als der König ein letztes Mal Horthy zum Gehorsam aufforderte, berief er sich auf seine Ahnen. Von Rudolf von Habsburg an würden sie jetzt auf ihn herabblicken. Ein altes Thema habsburgischer Machtdemonstration stand im Raum. Doch Horthy blieb ungerührt und widerstand.
Der König beendete den Osterbesuch im eigenen Haus mit der Feststellung, beide, er und Horthy, beharrten auf ihren Standpunkten; Horthy bleibe als sein General in Ungarn, womit er ihn auf den Soldateneid festlegte. Um den Reichsverweser doch noch für sich zu gewinnen, verlieh er ihm beim Abschied das Großkreuz des Maria Theresienordens, Horthy hatte schon vor längerem darum angesucht , aber das Ordenskapitel hatte sein Gesuch zurückgestellt, so daß der König als Ordenssouverän jetzt die Verleihung vornahm. Um nicht erkannt zu werden und den vorhersehbaren Ausbruch politischer Demonstrationen und Parteiungen zu verhindern, verließ der König durch einen Nebenausgang die Burg.
Nach einer schrecklichen, zwölf Stunden dauernden Autofahrt (sie hatten zwei Pannen und nächtlichen Sandsturm) kam er am Ostermontag (den 28 März 1921) um 5 Uhr 17 früh im Bischofspalast von Szombathely an. Der Reichsverweser hatte bereits telegraphiert: Lehár sollte den König sofort über die Grenze abschieben, wozu der Oberst nicht bereit war.
Im Jahr 1952 berichtete Horthy unter Eid über seine Konfrontation mit dem König: “[...] Seine Majestät erwiderte, er komme mit Wissen der Entente. Auf meine Frage, mit wem er diesbezüglich gesprochen habe, nannte er den französischen Ministerpräsidenten Briand. Auf meine weitere Frage, ob er diesen persönlich gesprochen habe, sagte Seine Apostolische Majestät, daß dies nicht der Fall gewesen sei, sondern daß er sich einer Mittelsperson bedient habe. Daraufhin sagte ich, daß ich mich durch meinen abgelegten Eid Ungarn gegenüber gebunden fühlte. Ich würde den französischen Gesandten in Budapest ersuchen, mit Briand Fühlung zu nehmen. Seine Majestät möge inzwischen nach Szombathely zurückkehren. Dort würde ich ihn anrufen und ihm die mir von Briand zukommenden Nachrichten melden.[...]“.Horthy hatte sich über den König gestellt und dessen faît accompli vis à vis der Entente sofort verhindert.”[...]Seine Majestät hat dann sehr lieb und gütig von mir Abschied genommen. Am nächsten Tage meldete der französische Gesandte, daß er von Briand Nachricht erhalten habe. Auf meine Frage, ob er die Sicherheit Ungarns garantiere, habe Briand geantwortet, daß er eine solche Garantie nicht übernehmen könne.[...]”
Es ist unklar, ob der Reichsverweser die Hochkommissare noch am Ostersonntag von der Ankunft des Königs verständigte, oder nur den französischen Vertreter, oder ob sie erst am Ostermontag von der Anwesenheit des Königs erfuhren. Nach den Berichten Hohlers und Fouchets hatten sich die Vertreter Englands, Frankreichs und Italiens am Ostermontagvormittag beraten und einen Protest gegen die Rückkehr des Königs den Verboten der Botschafterkonferenz entsprechend formuliert.(Nach Bogdan war Fouchet krank geworden, weil er Zeit gewinnen wollte.) Diese Note wurde nur dem Prälaten Vass als Vertreter des ungarischen Außenministers Dr. Gustav Gratz, der seine Osterferien in Wien verbrachte, übermittelt. Gratz, davon benachrichtigt, fuhr sofort nach Szombathely, sein Kabinettchef, Dr. von Boroviczény, auf Osterferien in Baden bei Wien, reiste nach Budapest zurück.
Horthy empfing zuerst Sir Thomas Hohler, den Doyen der Hochkommissare und Vertreter Großbritanniens, danach einzeln Fouchet und den italienischen Grafen L. Vinci, am Osterdienstag vormittags den serbischen und den rumänischen Vetreter . Nach Hohler stellte Horthy den König schwächlich, autoritäts- und konzeptlos dar. Der Gouverneur hätte ihn aufgefordert, sofort das Land zu verlassen und ihm wegen seines Benehmens Vorwürfe gemacht und verschiedene Auszeichnungen, die ihm der König antrug, abgelehnt (!). Schließlich hätte der König zugestimmt, sich unverzüglich aus Ungarn zu entfernen. Wankelmütig, unverläßlich und wortbrüchig, habe er seinen Plan geändert und sei noch immer in Szombathely. Er habe seine feierlichen ihm selbst gegebenen Versprechen, niemals nach Ungarn zu kommen, und nichts zu unternehmen, ohne Horthy vorher zu benachrichtigen genau so gebrochen wie jenes gegenüber der Schweiz, sich jeder politischen Tätigkeit zu enthalten. Niemand wäre von seinem Kommen informiert gewesen. Horthy habe angeordnet, Karl in Szombathely abzusondern. Seine Befehle dürften nicht befolgt, Demonstrationen nicht erlaubt, Deputationen nicht vorgelassen werden. Die Grafen Teleki und Andrassy sowie Feldmarschall Hegedüs würden in Szombathely die Durchführung der Befehle des Reichsverwesers überwachen. Würden sie nicht befolgt, sei König Karl in einem abgeschlossenen Landhaus zu internieren. Auch Graf Andrassy, der Führer der Legitimisten, habe von der Ankunft des Königs nichts gewußt. Jetzt habe er die Dummheit, wenn nicht Kriminalität (!) des Königs erfaßt und das werde er ihm auch mitteilen. Sollte es möglich sein, König Karl bald aus dem Land wegzubringen , hätte sein Kommen sogar einen positiven Effekt , denn nichts könnte ihn ärger diskreditieren, als dieser mißglückte Versuch der Machtergreifung. Hohler berichtete auch von der angeblichen der Pflichtvergessenheit des Königs gegenüber seinem Land, “[...] er sagte, daß er das Haupt einer traditionellen großen Dynastie sei und daß der Gouverneur ihm die Macht übergeben sollte, er erfülle nur die Pflicht gegenüber seiner Familie.[...]” Ein ungarischer Diplomate habe kürzlich in Paris ein Memorandum des Königs gesehen. Darin hätte er zugesagt, für seine Rückkehr auf den ungarischen Thron die Bildung einer Donaukonföderation und sämtliche Ansprüche der habsburgischen Dynastie auf die Wiederherstellung Großungarns fallen zu lassen. Diese Neuigkeiten würden rasch bekannt werden. Hohler konnte von keiner Demonstrationen zugunsten des Exkönigs berichten, noch irgend einen Beweis von Konspirationen oder von der Einladung des Königs durch irgend eine Partei oder Person in Ungarn finden. Auch Prinz Windisch- Graetz, ein begeisterter Royalist, würde die königlichen Eskapaden mißbilligen. Militärs oder Politiker, die nach Szombathely fahren wollten (General Lukachitch , ehenmaliger Stadtkommandant von Budapest, Szmrecsányi und General Berzeviczy) wären auf Horthys Befehl in Hájmaskér verhaftet und interniert worden. Der Gouverneur hatte das negativ und bösartig verzeichnete Königsbild, wie es die habsburgische Antipropaganda seit 1918 transportierte, vor die Ententevertreter gestellt, Fakten verkehrt und dagegen sich selbst der Entente als pflichtbewußt empfohlen.
Fouchet berichtete an Briand, abgesehen von täglichen Telegrammen, erst am 4. April ausführlich. Horthy, innerlich aufgewühlt, hatte Fouchet am Ostermontagnachmittag empfangen. Der Gewissenskonflikt, hervorgerufen vom Eid, den er auf den König und von dem, den er auf sein Land geleistet hatte, war ihm anzusehen. Nun, der König hatte am Morgen Horthy telegraphisch aufgefordert, sich ihm zu unterwerfen. Der Reichsverweser ersuchte, erst am Nachmittag antworten zu müssen. Um drei Uhr nachmittags telegraphierte er, daß er “[...] unter gewissen Voraussetzungen bereit sei, die Regierung an S.M. zu übergeben, daß er sich aber vorbehalten müsse, bis dahin die Maschinerie in der Hand zu behalten.[...] ” S.M. ließ Horthy hierauf hughisieren, er danke für seine loyale Haltung. Jetzt dürfte der Reichsverweser Hohler, Fouchet und Vinci einzeln empfangen haben.”[...]Aber der Patriotismus hatte bei Admiral Horthy den Sieg davon getragen und ich (Fouchet) sagte ihm, wie sehr ich ihn beglückwünsche, die wirklichen Interessen seines Landes so gut begriffen zu haben. Zuerst fragte er mich in der Hauptsache nach den Äußerungen, die er vom König erhalten hatte. Danach hätten ihm Eure Exzellenz persönlich, die habsburgische Restauration in Budapest begünstigend, dies durch eine dritte Person sagen lassen, die er sich zu nennen weigerte[...]. ” Fouchet bestätigte dem Reichsverweser, daß sich die französische Regierung absolut an die Entscheidungen der Botschafterkonferenz vom 4. Februar 1920 halte. Horthy ersuchte um eine definitive Erklärung und Fouchet verfaßte unverzüglich einen Brief, daß sich die französische Regierung mit der Entscheidung der Entente gegen die Machtübernahme der Habsburger in Ungarn identifiziere. Dieser an Teleki gerichtete Brief wurde angeblich Andrassy und Bethlen nach Szombathely zum König gebracht.
Der Besuch Fouchets hatte Horthy bestärkt; um 8 Uhr abends wollte er die Macht wieder nicht mehr übergeben. Am Osterdienstag, den 29. März, schlug der König telegraphisch Horthy die Ernennung zum königlichen Statthalter vor, den er beeiden wollte. Er selbst würde mit allen königlichen Ehren im Land bleiben und zu günstiger Zeit die Regierung übernehmen. Das lehnte Horthy wieder ab.
Gleichzeitig suchten die Grafen Andrassy und Bethlen, den König in Szombathely zur Abreise zu motivieren. Die Regierung hätte diesbezüglich Spanien, Österreich und die Schweiz bereits kontaktiert. Der König verlangte, den Sekretär Fouchets zu sprechen, und eine Botschaft an Briand zu senden. Fouchet, weigerte sich, nicht speziell dazu autorisiert, darauf einzugehen. Seeholzer berichtete in Bern von einem französischen Ministerrat in Ramboiullet, in dessen Verlauf “[...]Präsident Millerand, Briand und Barthou ganz entschieden für den damals in Steinamanger weilenden König Karl Stellung genommen haben. Es wurde mit Majorität des Ministerrates beschlossen, pro forma die Entente – Note betreffend das Veto gegen die Habsburger in Budapest in Erinnerung zu rufen, im übrigen keinen Mann gegen Ungarn zu mobilisieren und, falls die kleine Entente es zu Blutvergiessen kommen lassen sollte, ihr sofort in den Arm zu fallen um dies zu verhindern. Die Minderheit, geführt durch Loucheur, Maginot und Maraud opponierte vergeblich gegen diesen Beschluss[...] .”
Am Mittwoch, den 30. März erschien beim vatikanischen Geschäftsträger in Bern Graf Alexander Esterházy, Obersthofmeister von Kaiserin Zita, mit einem Päckchen für Papst Benedikt XV. Der Heilige Vater sollte erst jetzt die Abreise des Kaisers nach Ungarn erfahren um nicht vor der Kurie als Mitakteur zu erscheinen. Der Kardinalstaatssekretär war längst vom Restaurationsversuch des Kaisers informiert. Alexander Esterházy notifizierte auch die Rückkehr des Kaisers nach Ungarn beim eidgenössischen Bundesrat. Die Kaiserin war noch ohne Nachrichten, nun erfuhr Esterházy von den Schweizer Behörden, daß der ungarische Botschafter bereits um die Rückkehrmöglichkeit des Königs in die Schweiz ersucht hatte. Der Restaurationsversuch war gescheitert.
Die Budapester Regierung veröffentlichte kommentarlos eine chronologische Darstellung vom Osterbesuch S.M. Fouchet erhielt das Dementi Briands, niemals von den Beschlüssen der Botschafterkonferenz abgewichen zu sein, und Beneš startete gezielt, wütend und scharf seine Protestaktion an die Nachbarländer, an Frankreich und England. Die Serben blieben vorläufig ruhig, auch wenn seine Diplomaten protestierten und die Zeitungen hetzten. Die Partei der Kleinen Landwirte forderte eine außerordentliche Parlamentssitzung. Falsche Nachrichten und tausendfache Gerüchte erfüllten die Atmosphäre.
Der ungarische Außenminister Dr. Gratz war in Szombathely eingetroffen. Er schätzte die außenpolitische Lage nach der Ankunft des Königs weit weniger bedrohlich und katastrophal als die Grafen Andrássy und Bethlen ein. Einen ähnlichen Eindruck gewann auch Dr. Boroviczény bei der Durchsicht den gesamten Post- und Telegrammeinlaufes im Budapester Außenamt. In Szombathely waren auch Offiziere der “okkulten Kamarilla” Horthys eingetroffen. Sie sollten die Durchführung der Befehle des Gouverneurs überwachen, die Bevölkerung am Kontakt mit dem König hindern. Lehár befürchtete von diesen “Terrorbuben” das Schlimmste und übernahm selbst den Schutz des Königs.
Am 31. März besprach Dr. Gratz mit dem König die internationale Situation: Echte und fingierte Drohungen der Kleinen Entente mit militärischer Intervention waren eingelaufen. Noch wehrte sich der König, das Doppelgesicht des Reichsverwesers zu sehen. Er plante eine geheime Zusammenkunft mit ihm und wollte ihn dabei, wenn auch nicht öffentlich, beeiden, wozu es nicht mehr kam.
Am 1. April fand die mit großer Spannung erwartete außerordentliche Parlamentssitzung in Budapest statt. Die nationalköniglich gesinnten Kleinen Landwirte, Kalviner, wollten die Serben ermutigen, ins Land einzufallen, dafür die Schuld auf den König wälzen und seine Dethronisation erreichen, was Horthy zu verhindern versprach.
In Anwesenheit zahlreicher Zuschauer und Diplomaten verlief die Sitzung unerwartet ruhig. Die Parteien hatten sich vorher auf einen Text geeinigt, der im wesentlichen die Gesetze 1 und 2 von 1920 wiederholte. Der Antrag wurde einheitlich angenommen, danach erhoben sich die Abgeordneten und sangen den Hymnus. Nach der kurzen Pause forderten die Kleinen Landwirte, Horthy für sein Verhalten in der Krisensituation zu danken. Das Votum erreichte ihre knappe Majorität, die Legitimisten, Christlichen Demokraten und rechte Parteien distanzierten sich. Der Effekt des fälschlich so bezeichneten Königsputsches war zweifellos ein Prestigegewinn für Horthy, den das dictum, der Reichsverweser habe die Nation dem König vorgezogen, propagandistisch rechtfertigte. Der König hatte, so Rakovksy, der Präsidenten der Nationalversammlung, diesmal die Partie verloren.
In Paris konzipierte Jules Cambon, Generalsekretär des Außenministeriums, eine weitere Note der Botschafterkonferenz, die eine Rückkehr der Habsburger auf den ungarischen Thron ausschloß, während in Szombathely der k. u. k. Obersthofmeister Graf Joseph Hunyady, den militärischen Umsturz in Budapest plante. Der König hatte dazu seine Erlaubnis gegeben . Er wurde “krank”, um die verfahrene Situation mit einem Genesungsaufenthalt in Ungarn vielleicht noch zu retten. Der Mangel an Ausrüstung, Munition und Truppen, fehlende Energie, Uneinigkeit und Furcht zerstörten diesen Plan. In Szombathely versammelten sich Königstreue zur Huldigung, Anhänger Horthys sowie 20 Terroroffiziere, um die Abreise des Königs zu erzwingen. Sie sollten jene Maßnahmen durchführen, die der Reichsverweser bereits am Ostermontag Hohler angekündigt hatte und zu denen nun Curzon brutal aufforderte. Man mußte zwischen Budapest nach Szombathely neun Kontrollstationen passieren.
Dr. Gratz überzeugte den König, daß er zum Wohl des Landes Ungarn verlassen müßte. (Noch waren keine militärischen Maßnahmen der Nachbarstaaten an den Grenzen zu erkennen. ) Der König konnte sich nur sehr schwer entschließen, das Manifest an die Nation, mit dem er seine Rückkunft wie seine Ausreise erklärte, zu signieren. Nun begann Horthy zu drängen: würde nicht bis 3. April 6 Uhr abends die Erklärung des Königs abzureisen vorliegen, müßte um 4 Uhr früh der Befehl zu “gewissen Evakuierungen” gegeben werden. Dagegen vermochten die diversen Telegramme, die ihn zum Aushalten in Szombathely aufforderten, nichts mehr. Schließlich wurde die Abreise S. M. von 8. auf den 5. April vorverlegt. Sie erfolgte im Hofzug in Begleitung der Grafen Sigray, Hunyady. Széchen und Bischof Mikes , unter der Huldigung von Honratioren und Bevölkerung, unter brausenden Eljenrufen und königlichem Viszontlátásra (Auf wiedersehen!). Der König trug die Uniform eines ungarischen Feldmarschalls. In Gyanafalva, der Grenzstation, blieb der Zug stehen, Boroviczényi und Markgraf Alexander Pallavicini, zusammen mit dem Budapester Arzt Professor Wernhart zur Begleitung des Königs in die Schweiz bestimmt, fuhren mit General Hegedüs und Graf Sigray nach Fehring voraus, um den König dem Schutz der alliierten Offizieren zu übergeben. Der König erreichte nach der Besichtigung der Gendarmerieschule in Gyanafalva um 15 Uhr Fehring.
In Budapest hatte Graf Teleki der Nationalversammlung die Abreise des Königs bekanntgegeben. Die Verhandlungen mit Österreich und mit den Vertretern der Entente hätten Zeit gebraucht. Denn obwohl die Regierung den Standpunkt vertrat, der König habe das Land zu verlassen, “[...]konnten wir nicht erlauben, daß jener Mann, den die ungarische Nation mit der Krone des Heiligen Stephan gekrönt hatte, ohne jene Würde reist, die ihm zusteht[...]. ”
Am 6. April 1921 tagte wieder die Nationalversammlung. Teleki berichtete ausführlicher und dementierte falsche Nachrichten. Der König, schlecht informiert, habe das Land unter dem Druck der Botschafterkonferenz, was im Widerspruch zum Vertrag von Trianon und zu den Satzungen des Völkerbundes stehe, aus eigenem Entschluß verlassen. Obwohl die Regierung von der Entente gebeugt wurde, sei die Interpretation der Königsfrage durch die ungarischen Nation juridisch und politisch unverändert. Dann kam Dr. Gratz zu Wort. Der Außenminister hatte schon am 4. April wegen des Verhaltens Horthys – Gratz wurde als Außenminister auf Befehl des Reichsverwesers von seinem Sektionschef Kanya in Szombathely überwacht – demissioniert. Nun legte er der Nationalversammlung chronologisch die Proteste der Nachbarn gegen die Rückkehr des Königs nach Ungarn vor. Am 28. März hatten Rumänen und Italiener, am 29. die Jugoslawen am 30. die Tschechen das Verbleiben des Königs in Ungarn als “casus belli” bezeichnet. Unter solch unglücklichen Umständen konnte der König nicht in Ungarn bleiben. Nach der Kenntnis der Fakten wäre er von der ersten Minute an bereit gewesen, das Land zu verlassen. Mit skrupelhafter Sorgfalt habe er die Situation geprüft, bis er sich zur Abreise entschloß. Die Botschafterkonferenz hatte am 1. April die habsburgische Thronbesteigung wieder verboten. “[...]Dafür, was die Nachbarstaaten bei dieser Gelegenheit Ungarn angetan haben, gibt es kein Beispiel in der Geschichte, nämlich, daß ausländische Regierungen einen Staat, dessen Unabhängigkeit sie selbst in einem Vertrag anerkannt hatten unter der Drohung des casus belli zu etwas zwingen. Man zwingt den Staat, nicht nur indem man ihm Regierungsform und Regenten vorschreibt, sondern man verbietet auch einem Ungarn in seinem Land zu leben, wozu er das Recht hat.[...]” Ein noch merkwürdigeres Licht auf diese Verträge warfen die Umstände, daß die Tschechoslowakei und Jugoslawien die Schweizer Regierung aufgefordert hätten, König Karl die Rückkehr in die Schweiz zu verweigern. Man wünsche Ungarn zur Demokratie zu führen und verhalte sich selbst gegen die demokratischen Ideen. Die Theorien von Beneš entsprächen dem Bolschewismus, sie verletzten die Artikel 25, 16 und 17 des Völkerbundes. Danach sei vor der Androhung eines Krieges die Liga der Nationen mit den Problemen der feindlichen Staaten zu befassen. In dieser Situation müßte Ungarn trotz Meinungsverschiedenheiten seine Würde bewahren. Würden die Interessen von König und Nation gegeneinander ausgespielt, könne nach der Doktrin der Heiligen Stephanskrone die Nation keine anderen Interessen haben als der König. Gratz glaubte an die Einheit von Nation und König als einziger Basis für die Wiedergeburt und für den Aufschwung des Landes. Damit war der propagandistische Satz, Horthy habe die Nation dem König vorgezogen, deutlich zurückgewiesen. Gratz “[...]erhielt lauten Applaus von der Linken und vom Zentrum, Beifall von den extrem Rechten und den extrem Linken. Der Außenminister wurde herzlich beglückwünscht.”
Horthy hatte den Truppen, die auf ihn vereidigt waren, für ihre Haltung während des Aufenthaltes von König Karl gedankt. Diese antikönigliche Handlung Horthys veranlaßte Lehár und Teleki zur Demission. Stephan Bethlen bildete die neue Regierung. Graf Nikolaus Bánffy, ehemals Intendant des ungarischen Staats- und Hoftheaters, Poet und Dramaturg, antihabsburgisch eingestellt und ohne diplomatische Erfahrung und Ausbildung, wurde jetzt Außenminister. Weder Kardinal Csernoch noch die Erzherzöge Joseph und Albrecht hatten den König in Szombathely besucht.

PROBLEME DER RÜCKKEHR IN DIE SCHWEIZ.
Das politische Departement in Bern war ähnlich überrascht wie die ungarischen Legitimisten. Man begann exakte Untersuchungen, recherchierte Umstände, Hintergründe und Möglichkeiten, prüfte rechtliche Voraussetzungen und Folgen der kaiserlichen Osterreise nach Ungarn. Kaiserin Zita entlastete das Personal, sie allein hätte von der Abreise gewußt, sie vorbereitet und organisiert. Edmund Schulthess, der Präsident der eidgenössischen Konföderation war über die Rolle Frankreichs bei diesem Abenteuer im Bild. Er entschied, dem Kaiser die Rückkehr in die Schweiz zu gestatten. Allein der Staatsrat des Kantons Waadt lehnte seinen weiteren Aufenthalt in Prangins ab. Das führte zu Einschränkungen der Aufenthaltsbewilligung und zur Ansicht, “[...]innenpolitisch wäre es zu begrüßen, wenn der Exkaiser veranlasst würde, ausserhalb unseres Landes Aufenthalt zu nehmen.[...]. “Wenige Tage später hieß es bereits in einem Telegramm nach Wien, die Rückreise des Kaisers sollte beschleunigt werden. Die Nervosität würde wachsen, der Bundesrat könnte gezwungen sein, seine Bewilligung zu widerrufen. Hintergrund dieser Feststellung war die sogenannte “Interpellation Grimm”, linker Abgeordneter aus dem Raum Genf. Sie lehnten die Rückkehr des Kaisers ab. Was Kaiserin Zita schon versichern ließ, der Aufenthalt des Kaisers in der Schweiz würde nur vorübergehend sein.
Im Wiener Parlament gab es wegen der Durchreise des Kaisers scharfe Töne. Otto Bauer begehrte auf: “[...]Die Reise wäre eigentlich nur möglich, wenn der Kaiser an der Grenze formell verhaftet würde und als Gefangener die Reise machte. Er habe sich falscher Dokumente bedient, [sich] demnach der Irreführung der Behörden schuldig gemacht. Es sollten Arbeiter als Begleiter mitgegeben werden, die das Vertrauen der anderen Arbeiter geniessen.[...]” Am folgenden 1. April 1921 stellten die sozialdemokratischen Abgeordneten Seitz, Adler, Eldersch und Genossen in der 31. Sitzung des Nationalrates eine dringliche Anfrage: würde die Regierung jede Restauration eines Habsburgers in Ungarn als Bedrohung der friedlichen Entwicklung der deutschösterreichischen Republik betrachten, an die Alliierten um die unverzügliche Durchführung des Vertrages von Trianon , besonders um die Übergabe des Burgendlandes an Deutschösterreich und um die Herabsetzung des ungarischen Heeres auf den dem Friedensvertrag entsprechenden Stand herantreten ? Die Abgeordneten im Wiener Parlament verhielten sich ähnlich wie Horthy, der den Kaiser in Budapest wie einen “Aussätzigen” behandelte und dringend aus dem Land haben wollte. Sie zitierten die deutschösterreichische Republikserklärung vom 12. November 1918, verurteilten Legitimisten und dynastisch denkende Offiziere wie den ungarischen Restaurationsversuch, wiederholten ein geflügeltes dictum von der , und machten den Kaiser lächerlich. Zum erstenmal fiel das Wort vom ; der Kaiser versuchte in Ungarn zur Osterzeit eine zu feiern und die Macht zu übernehmen. Die Wiener Abgeordneten bekannten sie sich zu den Beschlüssen der Konstitante, im Fall Österreichs zur republikanischen Bundesverfassung. .”[...]Der Nationalrat fordert die Bundesregierung auf, jeder Gefährdung der Republik mit allen Mitteln der äußeren und der inneren Politik tatkräftig entgegenzuwirken.[...]”
Zum Beweis der Gefährdung der Republik hielt der Sonderzug des Kaisers, kaum daß er um 17 Uhr aus Fehring abgefahren war, außerhalb von Graz, um 20 h 30 wurde er in Fronleiten gestoppt. Der Aufenthalt dauerte länger als sechs Stunden. Nach Kaiser Karl hatten die Kommunisten den vorhergehenden Schnellzug durchsucht, um ihn zu finden. Tatsächlich war am Bahnhof von Bruck an der Mur eine große Demonstration von cca 3000Arbeitern aus der Umgebung im Gang, der Brucker Bürgermeister Anton Pichler hielt eine revolutionäre Ansprache. Jugendlichen Demonstranten steckten Steine zu sich, die Gendarmerie bangte um die Sicherheit. Es folgten Verhandlungen zwischen Zugsbegleitern und Demonstranten, Telephongespräche mit der Polizeidirektion Wien, der vergebliche Beruhigungsversuch von Dr. Friedrich Adler, der ihn schließlich um Mitternacht mit dem Auto nach Bruck a.d. Mur aufbrechen ließ. Während des Zwischenfalls wollte Kaiser Karl die Offiziere der Entente, die für seine Sicherheit verantwortlich waren, bestimmen, nach Ungarn zurück zu fahren, was am Widerstand des britischen Colonel Selby scheiterte. Um 2h früh warteten nur noch 250 Arbeiter am Bahnhof von Bruck, um 2h46 traf der Zug mit dem Kaiser ein, er wurde mit großem Geschrei empfangen, Pichler hielt wieder eine aufreizende Rede. Die mitfahrenden österreichischen Polizisten deckten den Waggon des Kaisers, die Entente – Offiziere waren bereit zu intervenieren. Nach dem kurz dauernden Lokomitiv – und Gleiswechsel fuhr der Sonderzug gegen 2h 55 in Richtung Bischofshofen ab. Die den Kaiser begleitenden Sozialdemokraten, der niederösterreichische Landeshauptmann Albert Sever und der Vertrauensmann der Eisenbahnergewerkschafter Rudolf Müller hatten versucht, die Johlenden zu beruhigen. Colonel Hinaux: “[...]pour essayer de calmer les passions cette foule sans dignité. [...]” Ohne weitere Zwischenfälle erreichte der Zug um 16h15 Feldkirch. Angeblich baumelte am dortigen Bahnhof eine gehängte Offizierspuppe.
Während der Fahrt ereignete sich nach der telephonischen Anfrage Boroviczénys, ob der Zug in Buchs einfahren könne, das faît accompli der ungarischen Regierung. Oberstleutnant Kissling, vom Bundesrat zum Empfang beauftragt, erkundigte sich, ob der Kaiser die neuen Bedingungen der Schweiz kenne. Boroviczény wußte von nichts und erwartete, daß die Reise bis Prangins ginge. Nun erfuhr der Kaiser seine provisorische Aufenthaltsbewilligung. Er durfte weder im Kanton Waadt, noch in einem Grenzgebiet oder in einer Großstadt (Zürich, Basel, Bern) wohnen und hätte sich in der Zentralschweiz aufzuhalten. 48 Stunden vor seiner möglichen Abreise waren die Schweizer Behörden zu verständigen.”[...]Ferner soll dem Exkaiser gegenüber nachdrücklich darauf hingewiesen werden, der Schweizerboden eigne sich für ihn nicht mehr zu einem längeren Aufenthalt und es wäre besser, wenn er sich entschlösse, anderswo ein Asyl zu suchen. Der Exkaiser soll überdies verhindert werden, auf der Reise an seinen neuen Aufenthaltsort Vertreter der Presse zu empfangen.”[...] Was war geschehen? Die Schweiz hatte der ungarischen Regierung am 2. April ihre verschärften Bestimmungen mitgeteilt, diese hatte sie jedoch dem König verschwiegen. Sektionschef Kanya, dafür verantwortlich, während Außenminister Gratz, in Szombathely beim König war, hatte sie unvollständig weitergegeben und nur von dem Verbot des Kantons Waadt gesprochen. Der König wäre unter diesen veränderten Voraussetzungen in Ungarn oder, so Boroviczény, in Liechtenstein geblieben. Gratz hatte u. a. wegen dieser Hinterhältigkeit demissioniert.
Bei der Ankunft in Buchs machte Kaiser Karl einen ruhigen, aber sehr müden Eindruck, sein Gesicht wurde schmerzverzerrt, als das Gespräch auf den mißglückten Restaurationsversuch kam. Er nahm die neuen Schweizer Bedingungen ohne weiteres entgegen, verabschiedete die Ententeoffiziere und dankte ihnen.
Oberstleutnant Kißling und Hauptmann Trüb empfingen ihn im Namen der Schweiz, die Kaiserin wartete auf dem Perron. Sie war zusammen mit ihrer Hofdame Agnes Schönborn mit Schonta und Werkmann um 3 Uhr morgens in Prangins aufgebrochen und im Auto dem Kaiser entgegen gefahren. Nun reiste sie mit, der Zug setzte sich in Bewegung, , man erreichte Luzern um 23h 09 . Das Kaiserpaar stieg im Hotel National, wo schon König Konstantin von Griechenland gewohnt hatte, ab. Als neuer Aufenthaltsort hatte sich das Schloßhotel Hertenstein am Vierwaldstättersee angeboten. Oberstdivisdionär Hans Pfyffer von Altishofen übernahm für den Bundesrat die diskrete private Überwachung. Im Hotel National erschien als erster Besucher der Abt von Dissentis. Er wurde in Audienz empfangen.
Man war sich in Bern über die Rückwirkung des ersten Restaurationsversuches auf den staats- und völkerrechtlichen status des Exkaisers unklar. War er noch König von Ungarn, dem die Exterritorialität (keine Unterwerfung unter die Landesgesetze) gebührte oder nicht? Der Referent im Schweizer Bundesrat formulierte hart: der Kaiser von Österreich war durch das Gesetz des österreichischen Nationalrates vom April 1919 in Österreich abgesetzt. Er war noch immer König von Ungarn, aber doch eher in der Lage eines Souveräns, der seine Regierungsgewalt an einen Regenten abtreten mußte. Da kam am 12. April – vermutlich eine letzte Amtshandlung von Gratz und Teleki – die Nachricht, die ungarische Regierung anerkenne König Karl IV. weiterhin als ihren legitimen König.
Die Schweiz war an sich dem Kaiser und seiner Familie freundlich gesinnt, der Bundesrat perhorreszierte den Anschluß Österreichs an Deutschland, das bereits 660 Millionen Mark in seine Propaganda investiert hatte und sich auch der MOVE – Organisation bediente. In Bern wußte man es: die Propaganda sollte die Hasburger unmöglich machen , um den Anschluß Österreichs an Deutschland zu sichern.
Allein die Schweizer Behörden reagierten auf jede mögliche oder tatsächliche Störung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit äußerst empfindlich. Da brach Mitte April eine Kampagne gegen den Aufenthalt des Exkaisers von Österreich aus. Bundesrat Motta bestätigte die Vermutungen des apostolischen Delegaten Luigi Maglione : in der zweiten Aprilhälfte 1921 hatte die Freimaurerloge “Alpina” eine “mysteriöse” Vollversammlung in Bern abgehalten und den Kampf gegen die Habsburger und gegen die den Katholiken freundlichen Schweizer Regierungsmitglieder beschlossen. Die katholische Presse kämpfte für den Verbleib der Habsburger in Prangins – die Kaufleute aus der Umgebung von Nyon beklagten den Verlust von 30.000 Francs monatlich durch die Verlegung der kaiserlichen Residenz nach Hertenstein – nun sollte die rein zivile Aufenthaltsfrage des Königs von Ungarn konfessionell und weltanschaulich umfunktioniert und polarisiert werden. Der Bundesrat hatte bereits entschieden, den Kaiser einzuladen, abzureisen. Man wollte ihm jedoch die öffentliche Schmach ersparen und beauftragte Oberst Pfyffer, S. M. die Situation loyal und vertraulich vorzulegen. “[...]Der Kaiser war so erschüttert, daß er weinte. Als er sich beruhigt hatte, sagte er dem Oberst, er verstehe vollkommen die Notwendigkeit, selbst einen Entschluß zu fassen. Er schlug vor, bis August zu bleiben. Vor dem 20. d.M. [Mai] würde er die ungarische Regierung bitten, die diesbezügliche Erlaubnis des Bundesrats zu erwirken[...]“. Nur ersuchte er, in der Schweiz frei herumfahren zu können. Motta konnte nur mit Mühe diese Wünsche durchbringen und die Geheimhaltung des Bundesratsbeschlusses durchsetzen, so daß die Entscheidung des Kaisers als Spontanentscheidung erschien. Der Besuch von Paul Dinichert, Chef des Auswärtigen, in Hertenstein am 15. Mai 1921 nach der offiziellen Bekanntgabe des Kaiser, seinen Aufenthalt mit 20. August 1921 (dem Fest des heiligen Königs Stephan von Ungarn) zu befristen, ist vor diesem Hintergrund zu sehen.
Aus Hertenstein liefen Vorbereitungen in zwei Richtungen: man suchte für den Kaiser und für seine Familie ein Asyl in England, Frankreich, Spanien, Schweden oder Liechtenstein. Das war vergeblich. Die andere Richtung wies nach Ungarn zurück.
Kaiser Karl hatte bereits wenige Tage nach seiner Rückkehr Boroviczény mitgeteilt, er würde den Restaurationsversuch wiederholen und wollte spätestens am 6. Juni ( am 6. April war er von Steinamanger abgereist) in Ungarn eintreffen. Frankreich habe ihm Vorwürfe gemacht, daß er nicht schon im Januar die Aktion in Ungarn durchgeführt hätte und Briand ihn aufgefordert, den Versuch zu wiederholen. “[...]Übernehme er die Gewalt, so werde Frankreich keine Schwierigkeiten machen. Doch müsse das bald geschehen, denn Frankreich müsse seiner Politik eine Orientierung geben[...]” Nun wurde Gratz mit der politischen, Lehár mit der militärischen Vorbereitung betraut. Boroviczény war der Verbindungsmann zur ungarischen Regierung. Gratz war pessimistisch. Er hielt es für noch schwieriger einen zweiten Restaurationsversuch erfolgreich durchzuführen als den ersten und sah hinter dem Plan nur persönliche Motive. Der König stünde unter dem Eindruck des großartigen Abschiedes in Szombathely, unter dem Druck, der befristeten Aufenthaltserlaubnis der Schweiz, vor immer drängender werdenden finanziellen Problemen, auch drohe in Frankreich ein Regierungswechsel. Das Tischtuch zwischen Horthy und ihm sei zerschnitten, der König wolle alles selbst in die Hand nehmen, während Horthy unter den Einflüsterungen seiner Umgebung S.M. erst zurückrufen wolle, könnte er ihm ein konsolidiertes Ungarn übergeben, womit er die Rückkehr des Königs auf unbestimmte Zeit verschob. Der Reichsverweser gäbe sich legitimistisch, gerate aber in vollem Antagonismus zu allen legitimistischen Kreisen und stütze sich auf die Partei der freien Königswähler, die seinem Herzen näher stünde.”[...]Aus dieser Situation gibt es für ihn keinen Ausweg, als entweder früher oder später seine legitimistische Gesinnung zu verleugnen, oder aber, mit einem Fiasko beladen, seinen Platz zu verlassen[...]” Gratz wollte zwischen S.M. und der Regierung vermitteln, die Aufenthaltsbewilligung verlängern lassen und die finanzielle Lage des Königs verbessern. Er entschloß sich zu einer Reise in die Schweiz und war am 22. und am 24. Juni in Hertenstein. Der König “[...] ist absoluter Optimist, will um keinen Preis daran glauben, daß sein Verbleiben in Ungarn zu Ostern Schwierigkeiten hervorgerufen haben würde oder in Zukunft Schwierigkeiten hervorrufen könnte. Dagegen ist er von absoluter und nur zu willfähriger Leichtgläubigkeit für alle ihm günstigen Nachrichten[...] Mit einem Wort: unveränderte Putschlust und fester Glaube, die Entente werde einen Angriff gegen ein restauriertes Königreich nicht zulassen[...]“Ein neuerlicher Restaurationsversuch könne erst erwogen werden, würde eine der kleinen Ententestaaten nicht mobilisieren. Am 23. Juni sondierte Gratz bei Motta. Bei Intervention der ungarischen Regierung wäre die Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung des Königs vielleicht möglich. Vor seiner Abreise war Gratz wieder in Hertenstein. S.M. behielt sich den Zeitpunkt seiner Rückkehr vor, akzeptierte jedoch den Gedanken, mindestens einen Staat aus der Kleinen Entente auszuschalten. “[...]Will nach dieser Richtung Alles sofort in Bewegung gesetzt wissen. Ich suche so eindringlich als ich kann zu betonen, daß die Chancen eines putschartigen Restaurationsversuches momentan gleich null wären. Das (?) würde nur eine Katastrophe nach innen und aussen und nicht zuletzt für seine Sache heraufbeschwören. Resultat [...]: ein scheinbares Eingehen darauf, was man rät, ohne Bindung von seiner Seite und ohne, daß ich die Gewißheit hätte, daß er danach handeln werde.”
Nach Boroviczény hatte Frankreich ein ernsthaftes Interesse an einem zweiten Restaurationsversuch. Trotz des Dementis von Werkmann vermuten wir in Prinz René von Bourbon- von Parma die hochrangige Kontaktperson zwischen Hertenstein und Paris. Prinz Sixtus dürfte sich diesmal aus allen weiteren Unternehmungen heraus gehalten haben. Ähnlich undeutlich erkennbar wie die Position Frankreichs ist auch die Rolle des Papstes bei den außenpolitischen Vorbereitungen. Es dürfte einen uns unbekannten Geheimkurier zwischen Hertenstein und Benedikt XV. gegeben haben, vielleicht wieder Msgr. Brenner, der Rektor der Anima in Rom. Jedenfalls traf der päpstliche Majordomus Riccardo Sanz de Samper am 26. Juli 1921 mit dem König in der Nähe von Neuchâtel zusammen. Er brachte die Zusage König Ferdinands von Rumänien, die von Beneš angedrohte Mobilisierung bei einem zweiten Restaurationsversuch nicht mitzumachen. Damit war die Idee von Gratz, den Ring der Kleinen Entente um Ungarn zu durchbrechen, mit Hilfe des Papstes verwirklicht. Am 20. September 1921 fand eine Begegnung des Kaiserpaares mit P. Cölestin Schwaighofer auf dem Kreuzweg zwischen der Hofkirche in Luzern und dem Kapuzinerkloster bei strömendem Regen statt. Das Thema des Gespräches war u. a. der zweite Restaurationsversuch. Der Pater berichtete an das päpstliche Staatssekretariat eher allgemein, erst am Schluß wurde er deutlicher:”[...]Ich fand aber beim Kaiser eine derart optimistische Auffassung, wie die Volksstimmung in Österreich mit Leichtigkeit umzuändern sei, dass ich daraus leider schliessen musste auf eine Unkenntniss der Tragweite jener tiefen Verhetzung, welche in Österreich gegen den Kaiser und besonders gegen die Kaiserin stattgefunden hat. [...]ich wiederholte den schon im vorigen Jahre ausgesprochenen Gedanken: gute Katholiken in Frankreich werden aus politischen und religiösen Gründen Habsburg anhänglich sein, das offizielle Frankreich aber, wenn es drauf und dran kommt, den Kaiser zwischen 2 Stühlen durchsitzen lassen.( Ein hoher geistlicher Diplomat, der meine vorjährige Äusserung kannte, hat mir beim Osterausflug des Kaisers nach Ungarn gesagt: ) Ich kam bei dieser Gelegenheit auf die letzte Reise des Kaisers nach Ungarn zu reden und sagte ihm: < So weit ich Stimmen hörte, gab es zwei Parteien; deren eine die Sache als klug erachtete. Ich habe nicht den Eindruck, dass alle kirchlichen Kreise in dieser Richtung genuegend orientiert sind worden. Ist dies geschehen?> Der Kaiser antwortete: [...]Der Kaiser und die Kaiserin benützten die Besprechung mich zu beauftragen, Seiner Heiligkeit ihren Handkuss und das Versprechen unverbrüchlicher Treue zu melden sowie den Heiligen Vater um Sein Gebet in dieser schweren Zeit zu bitten. Sie machten beide den Eindruck, dass sie unter der drückenden Situation sehr leiden und sahen sehr angegriffen aus. Von der Erlaubnis den Apostolischen Segen zu vermitteln konnte ich nach Lage der Dinge nur in der Weise Gebrauch machen, dass ich denselben in einfachster Form unter strömendem Regen im Wandeln auf dem eingangs erwähnten Kreuzweg erteilte. Er wurde mit grosser Devotion und Dankbarkeit empfangen.” Das Interesse des Papstes an der Restauration in Ungarn, das Kaiserin Zita wiederholt unterstrich, ist mit diesen Dokumenten unbestreitbar belegt.
Auf Intervention der Königinmutter Marie Christine von Spanien, der Schwester der Erzherzoge Friedrich und Eugen, vermittelte Benedikt XV. die Verlängerung der Schweizer Aufenthaltserlaubnis für drei Monate. Die spanische Regierung hatte sich geweigert, dem finanziell ungesicherten Kaiser von Österreich ohne Einkunftsgarantien der Entente Asyl anzubieten. Aus Budapest berichtete Nuntius Schioppa von den Machenschaften des Erzherzogs Joseph, der den Papst ersuchen ließ, Kaiser Karl von der ungarischen Restauration abzubringen. Er hätte Vorwürfe erhalten, daß er nicht in Szombathely erschienen war. Würde Erzherzog Joseph die Krone des Königs von Ungarn annehmen, müßte ihn Kaiser Karl aus dem Erzhaus ausschließen. Schioppa schrieb auch von der unklaren internationalen Situation. “[...]Was die innenpolitische Frage des Königs betrifft, so ist sie noch dunkler. Selbst der Erzherzog hat mir die Nachricht bestätigt,[...] daß der Gouverneur Horthy den König festnehmen würde, sollte er nach Ungarn zurückkehren.” Nun darüber wurde schon in Karlsbad von Außenminister Banffy mit Beneš verhandelt.

ZWEITER RESTAURATIONSVERSUCH, GEFANGENNAHME UND DETHRONISATION DES KÖNIGS ( 20. OKTOBER – 6. NOVEMBER 1921).
Die Vorbereitungen liefen durch den Sommer 1921. Boroviczény, vom ungarischen Außenamt karenziert, war als Oberstkämmerer in den Hofstaat des Königs aufgenommen. Voller Bewunderung war er dem um drei Jahre Älteren absolut treu ergeben. Boroviczény reiste zwischen Mai und Oktober, vor und nach seiner seine Hochzeit mit der Hofdame von Kaiserin Zita, Gräfin Agnes Schönborn, am 30. Juli 1921, mehrmals von Hertenstein nach Ungarn . Optimistisch meldete er aus den Kreisen der Königstreuen in Ungarn, Kroatien, der Tschechoslowakei und aus Wien genügend Positives und arbeitete an der Errichtung eigener königlicher Agenturen bei den Ententemächten.
Lehár, 16 Jahre älter als der König, absoluter Legitimist und “der Treueste der Treuen,” plante mit dem in Westungarn stationierten Bataillon Osztenburg die überraschende militärische Eroberung der Hauptstadt und den Einzug des Königs in die Burg. Danach sollten Militäraktionen in Wien, in Kroatien, in Böhmen und in der Slowakei starten, die Grundlagen für die Errichtung der neuen Donaukonföderation entstehen.
Dr. Gustav Gratz, Jurist und Politiker, Finanzspezialist und Diplomat, war um 12 Jahre älter als der König, ausgleichend im Temperament, klarsichtig und schöpferisch bei der Problemlösung. Seine innenpolitische Ausgleichsbemühung zwischen dem König, Bethlen und Horthy scheiterte. Bethlen versuchte sich im Kompromiß zwischen Legitimisten und freien Königswählern. Er proponierte den Thronverzicht von König Karl zu Gunsten des Kronprinzen Otto, was niemals die Zustimmung des Königs finden konnte. Horthy wiederholte im August nur seine “Loyalitätserklärung” von Ostern: er würde nach der Konsolidierung Ungarns dem König die Macht übergeben. Dafür verlangte er anstatt des ihm zu verleihenden Ritterkreuzes das Großkreuz des Maria Theresien Ordens. Als Gratz mit diesen Resultaten am 4. September 1921 in die Schweiz kam, war der König natürlich ablehnend. Er wollte sich aber von einem neuen Restaurationsversuch so lange distanzieren, bis er aus Ungarn gerufen würde. Im September schien eine Lösung für die kaiserlichen Finanzprobleme in Sicht. Die Bedingung für die standesgemäße Appanage aus habsburgischen Gütern in den Nachfolgestaaten war die Abdankung, wozu sich Kaiser Karl niemals hergeben wollte: “Kronen sind nicht käuflich”! Gratz war für weitere Geduld, Rakovsky und Lehár für schärferes Vorgehen. Lehár agitierte für einen Staatsstreich. Er dementierte alle Gefahren, die bei der Wiederholung des Restaurationsversuches drohten. Die Zeit drängte. Die Durchführung des Vertrages von Trianon stand bevor. Frankreich hatte ihn am 26. Juli 1921 ratifiziert, was auch verständlich erscheinen läßt, daß Briand den König zur Aktion drängte.. Die Botschafterkonferenz hatte am 27. August 1921 bestimmt, Westungarn an Österreich zu übergeben. Als sich am 28. August 1921 die Österreicher, Gendarmerie und Finanzwache, in Richtung Westungarns bewegten, stießen sie auf bewaffneten Widerstand. Freischärler und reguläres Militär unter Osztenburg und Prónay setzten sich zur Wehr und drängte die Österreicher nach Niederösterreich zurück (Gefecht bei Kirchschlag, Kämpfe bei Agendorf ). Bei der nun folgenden diplomatischen Aktion, in die sich in der zweiten Septemberhälfte Beneš einschaltete, übernahm Italien die Führung. Man kam in der Konferenz von Venedig (13. Oktober 1921) zu einem Kompromiß: Ungarn sollte – abhängig von einem Plebiszit – Ödenburg und die angrenzenden Orte behalten, das übrige Westungarn an Österreich übertragen.
Ende September und anfangs Oktober fanden in Budapest verschiedene Gespräche bei Boroviczény und Rákovsky statt. Die dort Versammelten kamen am 4.Oktober 1921 zur Entscheidung, den Staatsstreich S.M. , sollte er gelingen, verfassungsmäßig zu decken. Nachdem Lehár alle Pläne erläutert hatte, wies Gratz auf die Wahrscheinlichkeit einer jugoslawischen Intervention hin (der Vertrag von Trianon hatte die von den Serben besetzte Baranya wieder Ungarn zugesprochen). Lehár schilderte die ausweglose innere Situation. Die Armee, noch königstreu, würde reorganisiert, die legitimistische Einstellung von Offizieren und Mannschaften dann schwinden. Lehárs Mißtrauen gegen Bethlen und Horthy war nichts Stichhaltiges entgegenzusetzen. Er stellte die Politiker (Gratz, Beniczky und Rákovsky ) vor die Entscheidung: “Wenn die Exzellenzen nicht wollen, so führe ich die Angelegenheit allein durch”. Alles sei vorbereitet, der Zeitpunkt würde nie wiederkehren, versäume man ihn, wäre der König Horthy auf Gnade und Ungade ausgeliefert. Daraufhin forderte Beniczky zum endgültigen Handeln auf, Rákovsky schloß sich an, wenn die Aktion gelingt, dem König zur Verfügung zu stehen. Gratz schwieg einige Zeit, “[...] dann erklärte ich mich schweren Herzens bereit, das Gleiche zu tun[...].” Er behielt sich vor, die Botschaft für S.M. selbst zu formulieren.”[...]Mein erster Gedanke war, selbst in die Schweiz zu fahren. Aber die Reise kostete viel und ich ließ den Gedanken fallen. Ich mache mir noch heute einen Vorwurf dafür.”[...] Lehár erklärte, der König werde diesmal mit dem Flugzeug kommen, wozu er die beiden besten Flieger Ungarns, Alexey und Fekete gewonnen hatte. Am 8. Oktober traf der Kurier in Budapest ein, Gratz instruierte ihn genau. Auch würde Gratz zusammen mit Rákovsky den König in Ödenburg erwarten und ihm – wie es die ungarische Verfassung vorschrieb – als Ratgeber zur Verfügung zu stehen. Nach Boroviczény traf der Kurier am 13. Oktober in Hertenstein ein , am 14. Oktober war der König entschlossen, innerhalb von einer Woche den zweiten Restaurationsversuch zu unternehmen. Boroviczény sollte den Flug von Dübendorf bei Zürich organisieren. Am 15. Oktober stand fest, daß nicht nur Boroviczény sondern auch die Kaiserin trotz ihres graviden Zustandes nach Ungarn mitfliegen würde. Der König schrieb sein Testament, das Agnes Boroviczény zusammen mit dem Gepäck für das Kaiserpaar nach Ungarn voraus bringen sollte. Der Abschied von Hertenstein muß für das Königspaar sehr schwer gewesen sein. Nur Werkmann, die Aja der Kinder und die Kammerfrau der Kaiserin dürften das wirkliche Ziel der Reise gekannt haben. Den Kindern wie allen anderen wurde mitgeteilt, die Eltern führen nach Einsiedeln, um dort ihren zehnjährigen Hochzeitstag zu begehen.
Das Kaiserpaar wechselte bei Rapperswil vom eigenen Wagen in ein nur zu diesem Zweck gekauftes neues Auto, Boroviczény chauffierte sie auf den Flugplatz von Dübendorf . Kaiser und Kaiserin bestiegen als Herr und Frau Kowno knapp vor 12 Uhr mittag das gemietete Flugzeug der deutschen Ad Astra Gesellschaft. Der deutsche Pilot Zimmermann, der es steuern mußte und die beiden ungarischen Piloten warteten bereits. Der nicht ganz von Problemen freie Flug dauerte viereinhalb Stunden, die Landung erfolgte glatt auf einem Feld des Gutes Dénesfa bei Sopron (Ödenburg) , das dem Grafen Joseph Cziráky gehörte. Das Kaiserpaar wurde dann incognito nach Sajtos – Kal auf das Schloß des Herrn von Rupprecht gebracht, um sich auszuruhen.
Der zweite Restaurationsversuch war schon bei der Landung des Flugzeuges verloren. Lehár hatte durch Unvorhersehbares das den König ankündigende Telegramm statt vier Tage nur vier Stunden vor seiner Landung erhalten. Die Eisenbahndispositionen für den Truppentransportes waren neu herzustellen. Der ursprüngliche Plan, während der Nacht den König zum Truppentransport nach Budapest zusteigen zu lassen, mußte verändert werden. Als der König entschied, mit dem Auto nach Sopron zu fahren, war der Überraschungseffekt verloren. Es schien unumgänglich, den Kommandanten der Stadt , General Paul Hegedüs, von der Ankunft der Majestäten zu informieren, nachdem die Osztenburg Truppen erst jetzt zur Fahrt bereitgemacht werden konnten.
Der König bildete inzwischen in der Kaserne von Sopron seine Regierung. Er ernannte Rákovsky zum Ministerpräsidenten, Gratz und Andrassy, die sich ihm präsentierten, zu Ministern. Auch Hegedüs erschien vor S.M. und leistete seinen Eid. Der König heftete ihm Lehárs Goldene Tapferkeitsmedaille an die Brust und ernannte ihn zum Armee- Oberkommandanten, “[...]um, wie S.M. begründete, die anderen ungarischen Generale mitzureißen.[...] “Derselbe Hegedüs informierte, nachdem er mit den Osztenburg -Truppen, (sie waren jetzt zum königlichen Garderegiment ernannt), nochmals den Eid geschworen hatte, die Vertreter der Entente von der Ankunft des Königs. Er ersuchte sie, nachdem er den König nach Budapest begleiten würde, für die Sicherheit in Sopron zu sorgen. Die drei Züge mit Truppen und Königspaar konnten erst am 22. Oktober um 4 Uhr früh abfahren, sie brauchten bis Györ (Raab) neun Stunden! Um 13 Uhr war dort großer Bahnhof mit Ehrenkompagnie, Defilé, Militärmusik, Eljenrufen, Vereidigung der Garnison, die sich dem König anschloß. Ihr Kommandant, General Lörinczy, hatte Horthy die Ankunft der Majestäten gemeldet. Daraufhin informierte Außenminister Bánffy Hohler. Er ersuchte ihn und seine Kollegen, die Protestnote der Entente vom 1.[2.] April 1921 gegen eine habsburgische Thronbesteigung zu wiederholen. Die Vertreter der Kleinen Entente hatten schon bei Hohler ihre Proteste deponiert, sie sprachen von der “Bedrohung des Friedens in Zentraleuropa”. Hohler ging mit seinen Kollegen zu Horthy. Er war keinesfalls so selbstsicher wie damals zu Ostern und”[...] sagte mehrmals, die Schwierigkeiten seiner Position wären für ihn beinahe zu groß, um damit fertig zu werden. Ich [Hohler]und meine Kollegen unterließen nichts, den Gouverneur von der Schwierigkeit der Lage zu beeindrucken. Wir waren von seiner Seriosität und der seiner Regierung beim bevorstehenden Coup ganz überzeugt.”
Horthys Situation war wirklich fatal. Er hatte in Budapest fast keine Truppen, der König war mit Militär und Gegenregierung im Anrollen und sollte am Abend des 22. Oktobers in Budapest ankommen. Schon in Györ wurde ihm der Protest der Großen Entente gegen seine Anwesenheit in Ungarn gemeldet. Dann befahl Horthy, die Eisenbahnschienen aufzureißen, um das Vorankommen des Königstrains zu stoppen. Er sandte den Kultusminister Prälat Vass und Oberstleutnant Ottrubay, der einst im Stab des Erzherzogs Carl Franz Joseph verwendet worden war, mit der Protestnote der Entente zum König. Der Zug war schon in Komarom. Auch hier war die Garnison zum König übergegangen. Vass wurde nicht empfangen und mußte bis Tata mitfahren. Die Eisenbahnschienen waren bereits überall repariert, die Züge fuhren über nacht weiter und waren am Sonntag, den 23. Oktober 1921 um 6 Uhr früh in Biatorbagy, unweit von Budapest. Horthy, Betlen und Bánffy, berieten. Sie rechneten damit, arretiert und aufgehängt zu werden. Bánffy, voller Angst, hatte sich schon beim französischen Hochkommissar einquartiert, um vielleicht davonzukommen. Horthy war zum bewaffneten Widerstand entschlossen. Er rekrutierte Studenten der technischen Universität von Budapest, die er nicht einmal mit Uniformen ausrüsten konnte und erzählt ihnen, um sie zu motivieren, der irregeleitete König würde als Anführer von Tschechen anrücken. Als der Zug des Königs in Budaörs angekommen war, hörte man Schüsse von Kelenföld. Um die Zeit vor dem Weiterfahren zu nützen, fand dort auf den Schienen vor dem Zug eine eindrucksvolle Feldmesse statt. Danach verabschiedete sich General Hegedüs unter dem Vorwand, militärische Situation in Kelenföld zu besichtigen. Tatsächlich fuhr er mit dem Auto nach Budapest ins Ministerpräsidium zu Bethlen, wo er sich als Parlamentär ausgab, der einen Waffenstillstand verhandeln wollte, und traf dabei um 10 h45, mit den Hochkommissaren zusammen . Ihnen erzählte er, daß er keinen Eid auf den König abgelegt und sich geweigert habe, das Kommando über die Königstruppen anzunehmen. Er wolle den Bürgerkrieg zu bannen.
General Lehár war weder ein Prinz Eugen noch ein Pilsudski. Er wollte den König und die Königin keiner Gefahr aussetzen und nicht, wie ein anderer Offizier vorschlug, durch die Plänkeleien der Studenten nach Budapest weiter fahren. Er entschloß sich zum Frontalangriff. Zu Mittag gab es schon Verletzte, um 14 Uhr war Regimenter aus Budapest und aus der Provinz, die Gömbös rasch mobilisiert hatte, in Kelenföld und Hegedüs brachte aus Budapest die Nachricht Horthys, er sei zu seinem großen Bedauern gezwungen “[...] sich an die Spitze seiner Truppen zu stellen und S.M. bis zum letzten Blutstropfen Widerstand zu leisten.[...]” Als die Situation ernst wurde, die Gegenseite schoß mit Artillerie, befahl der König Lehár, das Feuer einzustellen. Es kam zu einem sehr merkwürdigen Waffenstillstand, den die Truppen Horthys entrierten, während der König und die Königin in einer Lokomotive bis Török – Balint vorfuhren, um die Front zu inspizieren. Man vereinbarte Waffenruhe über Nacht, um den Truppen eine Ruhepause zu geben. Hegedüs, an den weiteren Verhandlungen beteiligt, legte mit General Shvoy die Demarkationslinie zu Gunsten der Truppen Horthys fest und verkürzte den Waffenstillstand um drei Stunden, von acht Uhr auf fünf Uhr früh. Dann ersuchte er um die Enthebung vom Kommando, denn zwei seiner Söhne würden auf der anderen Seite kämpfen. Der Verrat war ihm perfekt gelungen.
Am Montag , den 24. Oktober 1921 sollten Lehár und Gratz frühmorgens auf der Csisser Csarda mit dem ” feindlichen” FML Sárkány weiter verhandeln, als die Truppen Horthys nach dem vorverlegten Ende des Waffenstillstands vorgingen, die Osztenburg Truppen, als Rebellen behandelten, gefangen nahmen und den ersten der drei Königszüge beschossen. Der König stand auf dem Bahnhof, er begriff, die Partie war zum zweitenmal verloren: Er war gekommen, um die zersplitterten Ungarn zu einigen, das Land zu konsolidieren und Mitteleuropa gegen den Bolschewismus zu schützen. Jetzt kämpften Ungarn gegen Ungarn, für und wider den König und den Reichsverweser. “[...]Am besten ist wohl, sich gefangen nehmen zu lassen[...].” Alles bestieg eilig die Züge, die nun nach Tata zurückfuhren. Graf und Gräfin Franz Esterházy waren als Begleitung für das Königspaar im Zug mitgekommen. Jetzt stellten sie ihr Schloß in Tata (Totis ) dem König zur Verfügung. Dort befahl der König Lehár und Osztenburg die Flucht, den Truppen, sich zu zerstreuen. General Hegedüs verabschiedete sich mit einem dreifachen “Eljen” auf den König und auf die Königin. Ein letzter Abend und eine letzte Nacht im prächtigen adeligen Rahmen, noch bewacht von Osztenburgs Soldaten, schon gesucht von sechs Hejjas – Mordbuben, die den König angeblich im Auftrag Horthys beseitigen sollten. Sie wiesen ein Papier mit seiner Unterschrift vor. Am Dienstag, den 25. Oktober, zogen die Wachen vor dem Esterházyschen Schloß auf, der König war der Gefangene der Regierung Horthys.
Die internationalen Telegraphen – und Telephonapparate kamen seit dem 22. Oktober 1921 nicht mehr zum Stillstand. Die Nachricht von der zweiten Rückkehr König Karls nach Ungarn echauffierte Diplomaten und Regierungen der Großen und der Kleinen Entente, besonders die Vertreter der Eidgenössischen Konföderation. Sie fühlten sich vom Kaiser und König hintergangen, geprellt und nachträglich belogen. Er hätte das Asylrecht mißbraucht und sein Wort gebrochen, obwohl er sich nie zu den Aufenthaltsbedingungen geäußert oder sie mündlich oder schriftlich bestätigt hatte. Er hätte die Bedingungen eben nur angehört, so die Version aus Hertenstein. Die Mutter des Kaisers und die zurückgebliebene Entourage bekamen es zu spüren: innerhalb von 14 Tagen mußten sie die Schweiz verlassen und waren ausgewiesen. Die kaiserlichen Kinder übersiedelten mit Erzherzogin Maria Theresia und ihren Betreuern nach Schloß Wartegg, die Residenz in Hertenstein wurde aufgelassen.
Beneš ergriff wie immer in der Habsburgerfrage die Initiative: er erklärte dem britischen Vertreter Sir George R. Clerc , die Anwesenheit von Kaiser und König Karl in Ungarn sei ein “casus belli.” Die Tschechoslowakei würde mobilisieren und 50.000 Mann(!) zu den Waffen rufen, zwei Tage später sollten dann 3000 Mann an der Grenze zu Ungarn stationiert werden. Nun, die ungarische Regierung war ganz demütig und gehorsam. Hohler berichtete, sie wolle die Absetzung und Ausweisung des Königs. Die Kleine Entente hatte bei Bánffy schon protestiert, die Serben befürchteten Schwierigkeiten bei der Räumung der Baranya, sie hatten kaum Truppen zur Verfügung ( bei 3.500). Im übrigen wollte Rumänien nur diplomatische Methoden, keine Militäraktionen anwenden, während Italien sich mit den Serben soldarisch erklärt hatte.
Der britische Außenminister forderte von der ungarischen Regierung ” to frustrate coup d´ etat and arrest Karl”. Er beschwerte sich in Bern über die ungenügenden Maßnahmen der Schweiz, den “Frieden in Zentraleuropa” zu erhalten . Die französische Regierung stimmte den sehr energischen Aktionen Curzons zu, sie war bereit, die alliierten Maßnahmen mitzutragen. ( Pater Cölestin hatte also recht behalten). Am 24.Oktober traf in London die Nachricht aus Budapest ein, Horthy habe seine “mentale Krise” überwunden. König Karl habe sich gefangennehmen lassen, Teile seiner Truppen hätten sich ergeben, auf die geflohenen anderen würde Hejjas bei Györ warten. Bánffy fragte Hohler:” Waren Sie mit der Opposition der ungarischen Regierung zufrieden?” Er schlug vor, Karl in Übersee zu internieren. Beneš erklärte, so lange, als König Karl nicht gefangen und dethronisiert wäre, sei der Zwischenfall nicht beendet . Am 24. Oktober versammelte sich in Paris wieder die Botschafterkonferenz, bei der sich die schweizerische Regierung wegen der Flucht des Kaisers und Königs entschuldigte. Sie wälzte die Schuld auf ihn, er hätte sein Wort gebrochen. Die Botschafterkonferenz bekräftigte ihr Verbot vom 1. April der habsburgischen Thronbesteigung in Ungarn und forderte dessen Regierung auf, Konflikte mit den Nachbarn zu vermeiden. Am selben 24. Oktober protestierten die Vertreter der Kleinen Entente bei Briand gegen die Rückkehr König Karls nach Ungarn. Sie forderten die Durchführung des Vertrags von Trianon und die nötigen Maßnahmen zur “Erhaltung des Friedens in Zentraleuropa”. Nun diskutierten die Alliierten das Exil des Kaisers. Die Vorschläge von den Exilorten reichten von Westindien, über Malta, Pianore, England bis zur Tschechoslowakei. Sie illustrieren die damalige politische Mentalität. Der Kaiser sollte per Schiff an einen Ort weit im Meer gebracht werden (“to fetch him away”), wo ihn eine lokale Regierung überwachen könne und die Lebenshaltungskosten nicht zu aufwendig wären. Natürlich wollte niemand dafür zahlen.
An diesem 24. Oktober hatte sich die ungarische Regierung mit Genehmigung Hohlers entschlossen, den König zunächst ohne seine politischen Ratgeber (Andrassy, Gratz, Rakovsky und Boroviczény), dann nach dem königlichen Protest wieder gemeinsam mit ihnen im Benediktinerkloster Tihany auf einer Halbinsel des Balatons (Plattensees) zu internieren. Die dort lebenden Patres betrachteten den König und sein Gefolge als ihre Gäste, für die sie ihre Zimmer räumten. Andrassy, Gratz ,Rákovsky und Boroviczény, die angeblichen Anstifter des “Königsputsches”, sollten in der Nebenvilla (Hevessy – Villa) untergebracht werden. Seit der Rückfahrt von Kelenföld nach Tata(Totis) beschäftigte sie die Frage, sollten sie dem König zum Thronverzicht oder zur Dethronisation raten? Der König war entschieden gegen die Abdankung: “Das werden sie nie erleben!”
Am 26. Oktober kam das Kaiserpaar mit den Verhafteten in Tihany an. Die kleine Abtei glich jetzt einer befestigten Kaserne. Die ungarische Regierung ließ sie am folgenden Tag von Entente – Offizieren kontrollieren, um ihre Korrektheit, besser gesagt ihre Unterwerfung unter die Siegermächte und die Kleine Entente, zu demonstrieren. Graf Imre Csáky und Sektionschef Kánya waren als Vertreter des Außenministers angekommen, der König sollte die Abdankungsurkunde signieren. Er empfing sie nicht.
Am 27.Oktober war sich die Botschafterkonferenz klar: Ex – Kaiser Karl sollte interniert, von der britischen Donauflotille nach Konstantinopel und vom Kapitän des Kreuzers S.M. “Cardiff” nach Madeira gebracht werden. Curzon ließ in Lissabon anfragen, ob die Portugiesische Regierung mit einer Residenz des Kaisers in Madeira einverstanden wäre. Sie hätte keine Kosten zu befürchten. Vor Beginn der Botschafterkonferenz telegraphierte Beneš an Briand. Er ersuchte um eine definitive Entscheidung in der Ungarnfrage bevor Briand in die USA reiste, um die Absetzung aller Habsburger, die Durchführung des Vertrags von Trianon und die Entwaffnung Ungarns nach Möglichkeit unter der Kontrolle der Alliierten. Um seines Erfolges gewiß zu sein , wandte sich Beneš auch an Philippe Berthelot. Der noch Generalsekretär des französischen Außenministeriums, Habsburgerfeind und damals Großmeister des Grand Orient de Paris sollte zusammen mit Briand die Habsburgerfrage nach den Vorgaben von Beneš entscheiden.
Am 28. Oktober schrieb Herzogin Maria Antonia, die Mutter von Kaiserin Zita, an Papst Benedikt XV. Sie ersuchte um seine Intervention für die gefangenen Anhänger von Kaiser und König Karl in Ungarn, und bemerkte sehr informiert:”[...]Auch diesmal hat es Gott zugelassen, daß die vereinigten freimaurerischen Kräfte gesiegt haben und ihren leidenschaftlichen Haß gegen sie[Karl und Zita] mobilisieren. Beide befinden sich in einer sehr schwierigen Situation, da die Regierung sie auf jeden Fall zur Abdankung zwingen will und ihre Anhänger mit den härtesten Bedingungen bedroht, wenn sie nicht nachgeben.[...]Sie können für ihre Person die härtesten Opfer auf sich nehmen, aber es ist schrecklich daran zu denken, daß sie auch ihre Anhänger opfern müssen, wenn sie widerstehen[...]“Herzogin Maria Antonia ersuchte den Papst, das gefangene Königspaar wissen zulassen, daß er an sie denke und ihnen seinen Segen übersende.
Der Ministerpräsident Graf Bethlen wollte den König , nachdem er Csáky und Kánya nicht empfangen hatte, schriftlich zur Abdankung motivieren, Kardinal Csernoch, der am 28. Oktober nach Tihany fuhr, hatte abgelehnt, den König zur Renunziation zu bewegen. Aucher hielt eine Dethronisation für günstiger, da “[...] eine Renunziation des Königs die Kriegsgefahr, die Invasion der Feinde kaum verhindern kann, nachdem die verbündeten Mächte seine formelle Dethronisation fordern.[...]” Der Kardinal war von einer Audienz beim Königspaar sehr beeindruckt. Der König war ergraut, die Königin schmal, müde und deprimiert. Beide sprachen gelassen und sehr klug, ihr Glaube war unerschütterlich Sie waren vom letzten Erfolg ihrer Sache überzeugt. Nach den Erklärungen des Kardinals von der schwierigen politischen Situation Ungarns, vom drohenden militärischen Eingriff der ausländischen Mächte , erklärte der König [...] er würde es nach seinem Königseid als strenge Pflicht betrachten, die heilige Stephanskrone zu verteidigen und sei bereit, deshalb Schicksalsprüfungen auf sich zu nehmen.” Der König übergab dem Kardinal zwei Protestnoten, die eine an die ungarische Regierung gegen seine bevorstehende Auslieferung an den Kommandanten der britischen Donauflotille, die andere an die ungarische Nationalversammlung gegen den bevorstehenden Dethronisationsbeschluß. Er ersuchte um ihre Publikation, die erst unter politischem Druck Mitte Dezember 1921 erschien.
Wir folgen dem Tagebuch Gratz: “[...] Montag, 31.Oktober . Vormittag melde ich mich nicht zur Audienz.- Ich werde aber dorthin berufen. – Königin:< Sie haben gewiß lange keine Zeitungen gelesen und werden neugierig sein, was darin steht>. Sie giebt(sic!) mir Zeitungen, die ich durchfliege. – Königin:< Es heißt, daß man uns nach Madeira bringen wolle. Wissen Sie etwas über die dortigen Verhältnisse?> – Ich:< Wenig, ich weiß nur, daß es ein gesundes Klima haben soll, da es von englischen Lungenkranken viel besucht wird.>- Königin:< Aber es ist von der Heimat so weit entfernt!>[...]” Gratz verfaßte am selben Tag eine Erklärung des Königs zum Thronverzicht. “[...]König einverstanden.- Schreibt Erklärung ab und unterzeichnet sie.- Majestäten halten mich zum Thee zurück. Königin serviert. Abends 7 Uhr wird König und Königin nach Baja geführt. – Vor der Abreise lassen sie mich rufen. – Sie sind bereits umgekleidet. – Einige Worte – Daneben mir und den anderen. Kurz darauf tritt die Wache ins Gewehr. Autos werden angekurbelt. Dann alles ruhig.[...]” Das Königspaar wird nach Baja gebracht, am 2. November, Allerseelen, Gratz mit dem Auto” mehr als Mitreisender als als Gefangener”, ins Budapester Landesgericht. Dort “[...] Wiedersehen mit Andrassy, Rakovsky, Sigray, Broroviczeny, Beniczky[...].”
Am 3. November wurde der Nationalversammlung der Entwurf für das Dethronisationsgesetz von König Karls IV. vorgelegt. Schon die Einleitung wies auf den politischen Druck der Siegermächte und der Kleinen Entente, die sich ohne Rücksicht auf den Vertrag von Trianon in die inneren Angelegenheiten Ungarns einmischten, auf den politischen Zwang zu diesem Gesetzesbeschluß hin. Am 4. November, dem Namenstag des Königs, begann die Diskussion über die vier Artikel: Die Souveränität König Karls sei erloschen, die Pragmatische Sanktion ungültig. Die Nation nehme das Recht der freien Königswahl an sich und beharre auf der ursprünglichen Staatsform des Königreiches. Die Neubesetzung des Thrones sei auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Die Nationalversammlung betrachtete sich gemäß dem Artikel 2, des Gesetzes 1 vom 29. Februar 1920 weiter als rechtsgültige Repräsentantin der Souveränität des ungarischen Staates und beauftragt, die höchste Macht im Staat in der Zukunft zu regeln. Die Diskussion war leidenschaftlich. Graf Appony wollte den Völkerbund anrufen, dessen Satzungen die Große und Kleine Entente verletzten, Anhänger des Königs und Anhänger Horthys stritten heftig miteinander, Beneš beobachtete mit Argusaugen und behauptete, der Artikel 3 des Gesetzentwurfes ließe ein Tor für die habsburgische Restauration offen. Nun stellten sich Große und Kleine Entente hinter Beneš, sie forderten von der ungarischen Regierung eine Erläuterung zu diesem Artikel 3. Bánffy hielt in einer eigenen Note die in das Gesetz nicht einbezogen wurde, fest, die ungarische Regierung verpflichte sich, niemals Habsburger für den ungarischen Thron zu präsentieren,. Am Sonntag, den 6. November approbierte die Nationalversammlung mit den Stimmen von Kleinen Landwirten, Unabhängigen und anderer Parteien dieses Gesetz. Man betrachtete es als ” chiffon de papier,” das die Legitimität der Nationalversammlung in frage stellte. Nuntius Schioppa schilderte ausführlich die innere Situation Ungarns. Er ließ vom prominenten Kanonisten , dem Jesuiten Lajos Tomcsány , ein Gutachten für den Heiligen Stuhl über die Gültigkeit des Dethronisationsgesetzes machen. Tomcsány stellte das Majestätsverbrechen der ungarischen Regierung fest. Obwohl der König alle Bedingungen der ungarischen Verfassung erfüllt hatte, hätte ihn die Regierung den Feinden überantwortet. Da die Minister Horthys das Universum Ius Hungaricum verletzten und verdrehten, ihre Treueide brachen, sei das Dethronsiationsgesetz ungültig, Karl IV. weiter ungarischer König.
Weniger streng hielt es Kardinal Csernoch. Unmittelbar vor der Dethronisation Karls IV. wandte sich Horthy an ihn, eher verschlüsselt. Die unerwartete Rückkehr des Königs hätte bei den Katholiken antiprotestantische Strömungen gegen die mehrheitlich aus Protestanten bestehende Regierung hervorgerufen. Der Reichsverweser erwartete vom ungarischen Katholikentag ( 28. Mai bis 1. Juni 1922) das Wiederaufleben konfessioneller Spannungen, gesellschaftliche Konflikte und Probleme bei der Konsolidierung Ungarns.
Der Kardinal antwortete am 6. November, dem Tag des Dethronisationsbeschlusses, dem Reichsverweser. Die Kirche sei an Fragen der Tagespolitik, die weder Glaubensinhalte noch moralische Grundsätze berührten, desinteressiert. Er kenne Horthys Grundsätze und hielte ihn für die “Säule der ungarischen Konsolidierung” (Während seiner Audienz in Tihany hatte der Kardinal bemerkt: fiele Horthy mit seiner Regierung, bräche eine Katastrophe herein, das Land würde neuerlich vom Bolschewismus bedroht. ) Der Primas ermutigte Horthy, das Land mit “kräftiger und gerechter Hand” zu führen und versicherte ihn bereitwillig seiner Unterstützung, sofern Freiheiten und Rechte der römisch- katholischen Kirche unverletzt blieben. Damit war Horthy, der den gekrönten König mit Artillerie beschießen, gefangen nehmen und den Feinden ausliefern ließ, vom Koronator legitimiert, war und die Distanz von Kirche und Staat auf den Punkt gebracht. Der ungarische Nationalismus hatte die Übernationalität des Habsburgerreiches besiegt.