KAPITEL XX – DER WEG ZUR AUFLÖSUNG

(SOMMER UND HERBST 1918)

LETZTE KRIEGSENTSCHEIDUNGEN
Der Hofzug mit Kaiser Karl, Erzherzog Friedrich und General Arz war in der Station Schnalstal, westlich von Meran, eingetroffen. Es war der 12. Juni 1918, man stand vor der Piave Schlacht, der letzten Offensive Österreich–Ungarns. Sämtliche Friedenssondierungen waren ergebnislos verlaufen. Italien hatte die USA nach der verlorenen 12.Isonzoschlacht veranlaßt, Österreich–Ungarn offiziell den Krieg zu erklären, es behauptete seinen Kriegswillen trotz großer Kriegsmüdigkeit. Die militärische Operation war seit Februar 1918 geplant und im AOK diskutiert. Schließlich setzte FM Conrad sein großzügiges Konzept durch, südöstlich von Trient über die Sieben Gemeinden beiderseits der Brenta anzugreifen, das Gebirge zu übersteigen, die Ebene zu gewinnen und die Bahnlinie Verona–Tolmezzo zu trennen. General Boroëvic, der Verteidiger am Isonzo, wollte an der mittleren Piave von Oderzo nach Treviso vorstoßen. Die Offensive, mit einem Ablenkungsangriff am Tonale–Paß, westlich von Trient eingeleitet, konnte wegen des anhaltenden Schlechtwetters erst am 15. Juni beginnen; sie schlug überall fehl.
Kaiser Karl analysierte den Mißerfolg, als er sich mit den gegen ihn und das AOK verbreiteten Anschuldigungen Conrads auseinandersetzte :”[...]mannigfach sind die Gründe, die ihr [der Offensive] Scheitern bedingten; Erstens die Anlage.[..] Es wurde der Anlage des Angriffs zum Vorwurfe gemacht, zu breit zu sein. Dies ist nicht richtig. Der Durchbruchsraum des Hauptangriffes war bei über 20 angesetzten Divisionen 29km. Der Nebenangriff des FM Boroëvic war bei zirka 15 angesetzten Divisionen fast ebenso breit. Dies alles berechnet nach den Befehlen des AOK. Die wirklichen Fehler der Detail Anlage waren, daß die Heeresgruppe FM Boroëvic ihren Nebenangriff durch überängstliche Sicherung der Flanken (Angriff auf Montello und des Corps Csicserics auf Mèolo) breiter machte, als vom AOK befohlen war und daß die Heeresgruppe Conrad übersah, daß dem für die eigenen Verschiebungen so günstigen Walde gegenüber, knapp hinter den feindlichen Stellungen, ebenso ein Wald lag, der es dem Gegner ermöglichte, knapp vor dem Angriff die von uns schön ermittelten und bereits in Karten eingezeichneten Batterien zu verschieben, so daß die gegnerischen Batterien beim Beginn des Angriffs nicht niedergekämpft waren. Außerdem hatte der Feind im Walde uns nicht bekannte Stellungen ausgeworfen und Maschinengewehrnester etabliert. Die erste am Waldrand gelegene Stellung gab der Gegner ziemlich leicht preis und ließ unsere Truppen in den Wald folgen, wo sie sich gegenüber einer wohlausgebauten Stellung sahen, die von der eigenen Artillerie gar nicht beschädigt war und auch, als man sie sah, nur sehr schwer artilleristisch bekämpft werden konnte. Hier verbluteten sich die besten Regimenter. Dies hätte die Heeresgruppe Conrad voraussehen müssen. Zweitens: die Verpflegung. Die Notlage blieb natürlich nicht ohne Rückwirkung auf die Front. Die Verpflegsportionen wurden kleiner und kleiner, der schwere Gebirgskrieg zehrte an den Kräften der Menschen.[...]
Drittens: Munition: Obwohl die Dotationen reichlich waren und für die Offensive genügten, brachten doch die Streiks im Hinterland Unordnung in die Munitionsversorgung.
Viertens: Überlegenheit des Gegners durch bessere Verpflegung und ausgiebigere Munitionierung.
Fünftens: die Ungunst der Witterung. Die Piave führte kurz nach der Flußforcierung solch ein Hochwasser, wie es seit einem Jahrhundert nicht gesehen war; alle Brücken, die zu den kämpfenden Truppen führten, wurden immer und immer wieder trotz heldenmütiger Arbeit der Pioniere zerstört, natürlich war ein Verpflegs–und Munitionsnachschub fast unmöglich. Von dieser Calamität war nur die Heeresgruppe Boroëvic heimgesucht.
Wie bei jeder verunglückten Operation , so auch bei dieser, erfindet die Öffentliche Meinung Gründe für das Mißlingen, die nichts weniger als stichhältig sind. Es wurde behauptet, daß die Führung versagt hat, die österreichische Führung wäre nichts wert, wir hätten Deutsche gebraucht. Dies ist grundfalsch. Bis auf die zwei erwähnten Fehler gab die Führung zu gar keiner Klage Anlaß: alle Führer eiferten im edlen Wettstreit, das Beste zu leisten.[...] Es wurde weiters behauptet, Verrat hätte eine Rolle gespielt. Ich halte überhaupt nichts vom Verrat; bei einer großen modernen Armee sind für eine Offensive so große Vorbereitungen notwendig(besonders Eisenbahnzüge), daß der Gegner sie merken muß. Im weiteren Verlauf der Vorbereitungen merkt der Gegner auch genau die geplanten Einbruchsrichtungen[...]Eine weit verbreitete Legende ist auch, daß wir ungenügend Gasgranaten gehabt hätten und diese bei den italienischen Gasmasken wirkungslos blieben. Die von mir eingeleitete strenge Untersuchung hat ergeben, daß Gasmunition im Verhältnis genügend vorhanden war, daß es dasselbe Gas war, das die Deutschen bei Tolmein benutzt hatten, und daß es an “vielen Stellen” sehr gut gewirkt hätte. Daß “nicht überall” sondern nur an “vielen Stellen” erklärt sich daher, daß das Gas [...]je nach den Windverhältnissen verschieden wirkt.[...]Bei einigen gefangenen Italienern hatte man allerdings eine neuartige französische Maske gefunden, gegen die unser Gas wirkungslos ist. Diese Masken waren aber nur Proben und nicht allgemein eingeführt.
Wozu wurde die Offensive bei allen diesen Widerwärtigkeiten dennoch unternommen? Nach menschlicher Voraussicht waren die Chancen des Erfolges größer als die Möglichkeit eines Mißerfolges. Die Truppe brannte darauf, die Italiener zu schlagen.[...]Die Commandanten waren des Erfolges sicher; noch am Abend vor dem Angriffe meldete die Heeresgruppe Boroëvic, daß sie vollkommen bereit sei und Conrad meldete, daß bis auf kleinere unbedeutende Mängel alles fertig sei.[...]Es wird dem AOK der Vorwurf gemacht, gehetzt zu haben, ein späterer Zeitpunkt wäre für die Offensive günstiger gewesen. Dies ist unrichtig. Die Heeresgruppen meldeten, wie oben erwähnt, daß sie fertig seien [...]Das Merkwürdige bei dieser Offensive war, daß den Nebenoperationen im Anfang voller Erfolg beschieden war, der aber durch den Mißerfolg der Hauptoperationen natürlich auch aufgehoben wurde; so am Monte Grappa, so am Montello und bei Mèolo. Ich nahm die am Montello tapfer kämpfenden Truppen trotz Widerspruches des Korpskommandanten L[udwig] Goinger hinter die Piave zurück, denn die Verluste standen nicht im Verhältnis zum Zweck. [...]Zu dumm ist die Ansicht, daß Arz und meine Anwesenheit an der Front und die hiedurch bedingte Entfernung von Baden das Funktionieren des Befehlsapparates übel beeinflußt hätte. [...]Der Kaiser gehört bei einer so großen Schlacht an die Front und bei der heutigen Leichtigkeit der Verbindungsmittel kann man von überall her eine Schlacht leiten. Die einzige Consequenz, die das AOK aus der verunglückten Offensive zog, war der Abschuß Conrads, warum ist aus Vorstehendem ersichtbar. [Hervorhebungen d. d. Vfin]”
Wir versagen uns, die ätzenden Analysen Conrads, Kanzler des militärischen Maria – Theresien- Ordens, zu erörtern: er schob Kaiser Karl und dem AOK die Schuld an der verunglückten Operation zu. Sich selbst betrachtete er als Sündenbock. Der von ihm übersehene Wald der Gegner, was den Mißerfolg seiner Heeresgruppe auf den Setti Commune verursachte, kommt in seinen Papieren nicht vor. Das große Generalstabswerk “Österreich–Ungarns letzter Krieg” verschlüsselte die Darstellung und ließ den Leser uninformiert. Auch Arz verdeckte die Tatsache.
Am 21. März 1918 hatte die deutsche Westoffensive begonnen; in drei ausgedehnten Etappen suchte sie, Engländer und Franzosen an der Front zu trennen, Paris und Compiègne zu besetzen. Am 5. April 1918 wurde die Eroberung von Amiens und Paris eingestellt, die zeitweise durchbrochene Front wieder geschlossen.
Die Offensive kam auch während der zweiten Etappe (9.-29.Mai 1918) zum Stillstand. Südlich von Ypern war Gelände an der Lys gewonnen, enorme Beute gemacht, Armèntiers genommen und der Kemmelberg erstürmt worden. Erst im dritten Anlauf (27. Mai und 3. Juni 1918) konnten die Deutschen bis zur Marne vordringen, sie blieben aber wieder vor Compiègne stehen. Damals zeichnete sich der österreichisch – ungarische Mißerfolg an der Piave ab (19. Juni 1918). Hindenburg forderte den Abbruch der Offensive und k.u.k. Truppen für die Westfront. Die Ernährungslage in Österreich–Ungarn war so katastrophal, daß Kaiser Karl zuerst bei Wilhelm II. die längst versprochene Lebensmittelaushilfe urgierte und nach der vom deutschen Kaiser wiederholten Zusage die Überstellung von sechs k.u.k. Divisionen an die Westfront befahl.
Die USA hatten die Kriegssituation in Europa sehr genau beobachtet. Staatssekretär Lansing drängte parallel zu diesen Ereignissen den Präsidenten, Österreich–Ungarn aufzulösen. Die alliierte Gegenoffensive setzte zwei Wochen nach der Verkündung der amerikanischen Kriegsziele (4. Juli 1918) unter dem Kommando von General Foch ein. Franzosen, Engländer und Tschechen konnten den Gegner mit amerikanischer Hilfe bis hinter die Vesle, die Flußverbindung zwischen Reims und Soissons, zurückdrängen. Erstmals kamen Tanks [Kampfpanzer]zum Masseneinsatz, eine Waffe, die den Deutschen fehlte. Die Schlachten am Marnebogen (18. Juli 1918) und bei Amiens (8–11. August 1918)wurden zum “schwarzen Tag der deutschen Truppen”, zum Wendepunkt des Krieges.
Die verunglückte Piave–Offensive hatte das Ende der militärischen Kapazität Österreich–Ungarns angezeigt. Noch hielt es seine Fronten.
Wieder fuhr Kaiser Karl, mit Burián und Arz ins Große Hauptquartier nach Spa, um einen gemeinsamen Friedensschritt einzuleiten. Graf Burián hatte nach der Niederlage an der Piave seinen Friedensaufruf an der päpstlichen Vermittlung mit Italien orientiert. Der Außenminister erkannte die Situation: entweder es gelang das Vorgespräch zu Friedensverhandlungen, oder es drohte die Niederlage. Die siegreichen Gegner rechneten mit dem längeren Widerstand der Zentralmächte. Darin lag die Chance zum Gespräch. Burián hatte wenig Hoffnung: doch “[...]das Unvermeidliche war leichter zu tragen, wenn nichts unversucht blieb, um es zu wenden. Es durfte nur ein Schritt ins Auge gefaßt werden, der schlimmstenfalls nichts zu verderben vermochte[...]“. Die beiden Herrscher trafen einander am Fest von Maria Himmelfahrt, parallel dazu konferierten Burián und Paul von Hintze, der neue deutsche Außenminister, sowie Arz und die DOHL. Hindenburg forderte erneut österreichische Truppen, was Arz nicht zugestehen konnte. Die DOHL war nicht friedensbereit, sie wünschte Bedenkzeit und verschob die Entscheidung. Nach Burián wollte sie nach der schweren Niederlage mit Ignoranz die eigene Schwäche verdecken. Kaiser Wilhelm plante, erst nach Stabilisierung der militärischen Situation sich zusammen mit Kaiser Karl an eine neutrale Macht um Friedensmediation zu wenden. Kaiser Karl befürchtete, die Front im Westen würde sich nicht stabilisieren. Käme sie zur Ruhe, wären die deutschen Militärs wieder nicht friedensbereit. Deshalb versuchte er am 27. und 28. August die Könige von Sachsen und Bayern für einen möglichst baldigen Friedensschluß zu gewinnen und konferierte darüber auch in München mit Eugenio Pacelli. Der König von Bayern hatte im Juli 1918 aus Genf eine Friedenssondierung von Professor Herron und dem Journalisten De Fiori erhalten. Sie schlugen vor, Elsaß–Lothringen als autonomen Staat in eine deutsche Föderation aufzunehmen. Wie Kaiser Karl wußte er, daß die Zentralmächte den Krieg verloren hatten.
In präziser Reaktion schrieb Robert Lansing an Wilson (25. August 1918): “[...]Der fortgesetzte Erfolg unserer Waffen, der seit sechs Wochen unvermindert andauert, überzeugt mich, daß die Zentralmächte sehr bald Friedensvorschläge machen werden. Es ist in ihrem Interesse[...]während sie noch ausgedehnte Gebiete besetzt halten, die sie als Tauschobjekte betrachten könnten.[...] Der Gipfel ihres militärischen Triumphes ist erreicht und von jetzt an wird General Foch der Offensive standhalten und die Deutschen zurücktreiben. Unter diesen Umständen müssen wir einen Verhandlungsvorschlag vorbereiten. Ich bin disponiert zu glauben, daß das die Zentralmächte durch die Vermittlung des Papstes, Spaniens, der Schweiz, Hollands oder Schwedens versuchen werden und bezweifle, daß irgend einer von ihnen bereit ist zu handeln. Wenn sie nicht verhandeln, können wir die Annäherung von Österreich–Ungarn erwarten, denn Deutschland ist nicht genug besiegt, um es selbst zu tun. Sobald der Vorschlag von Wien aus kommt, soll er kurz abgelehnt werden. Wir können dann auf Deutschland warten, um direkt Frieden zu suchen, und ich glaube, daß es Deutschlands Regierung unter dem Rat ihrer Militärs unternehmen wird.[...].”
Deutschland zögerte, sondierte allein und inoffiziell bei den USA. Es bestand auf der diplomatisch aussichtslosen Vermittlung der Königin von Holland. Nun zwang Kaiser Karl Burián zum Alleingang. Nach erfolglosen Gesprächen mit Staatssekretär von Hintze in Wien veröffentlichte die k.u.k. Regierung ihre Friedensnote an alle kriegführenden Mächte am 14. September 1918. Es ist als kaiserliches Gegenstück zum päpstlichen Friedensaufruf vom 1. August 1917zu betrachten. Ohne auf Einzelheiten der Redaktionsgeschichte einzugehen, springt neben der komplizierten Diktion von Burián und seinem Ministerium der einfache Stil Kaiser Karls ins Auge, seine nüchterne und pragmatische Beurteilung der Situation, der Hinweis auf das Interesse des Papstes, auf den anwachsenden Friedens–und Verständigungswillen aller Völker, der Vorschlag zum mündlichen und direkten Friedensgespräch. Alle kriegführenden Staaten wurden zu vertraulichen, unverbindlichen Gesprächen über die Grundprinzipien des Friedensschlusses an einen Ort des neutralen Auslandes geladen; zu einem nahen Zeitpunkt, worüber man noch Vereinbarungen zu treffen hätte. Die Note wurde dem Papst, allen neutralen und allen kriegführenden Ländern zugestellt. Es war zum letzten Mal, daß sich die Donaumonarchie an die gesamte Welt wandte. Deutschland war vom Alleingang Österreich–Ungarns mehr als irritiert, man warf Kaiser Karl vor, die Nerven verloren, das Bündnis verraten und den Kriegsausgang negativ beeinflußt zu haben. Gleichzeitig wurde in der Öffentlichkeit die Allianz betont. Die Entente reagierte geschlossen negativ. Robert Lansing befand wie die Note der USA:”[...]nur eine Antwort auf den Vorschlag der österreichischen Regierung: keine Friedenskonferenz”. Damals notierte Lansing nach Informationen von General Pershing: “[...]Wenn es nach zwei Monaten ab jetzt noch ein Österreich–Ungarn gibt, wird es in weniger als acht Wochen bereit sein, einen Separatfrieden zu erwirken. Wenn diese Zeit kommt, wird alles zerfallen, und das Ende wird da sein. Das kann auch ein Traum sein, den ich morgen vergesse, aber heute ist das Ende in Sicht. Es kann tatsächlich vor Weihnachten sein.”
Inzwischen hatte die Invasion der Entente gegen Bulgarien und die Türkei unter den Generälen Franchet d’ Esperay und Allenby begonnen(14. und 19. September 1918). Nach dem Sturz von Radoslawow sondierte die neue bulgarische Regierung Malinow bei den USA.
Zu Beginn der Offensive gegen Bulgarien wandte sich Kaiser Karl vertraulich an Pichon und lancierte das Projekt eines Separatfriedens zwischen Österreich–Ungarn, Bulgarien und der Entente. Gemeinsam mit König Ferdinand bot er den sofortigen Rückzug von Deutschland und die strikte Neutralität an. Die beiden Mächte wünschten Wirtschaftsbeziehungen zur Entente nach dem Muster der Schweiz. Kaiser Karl sagte die Umwandlung Österreich–Ungarns in eine demokratische Staatenkonföderation unter der Führung der Dynastie zu. Er machte Vorschläge für die Lösung der territorialen Probleme Österreich–Italiens, zur austro–polnischen Frage, zum Besitzstand Bulgariens und für eine Renaissance Serbiens. Die beiden Mächte wären mit der Revision der Verträge von Brest Litowsk und Bukarest einverstanden. Sie gingen mit den Signatarmächten und mit den Prinzipien Wilsons in den Fragen von Völkerbund, Schiedsgerichten und Abrüstung konform. Österreich–Ungarn sei bereit, die Rückgabe Elsaß–Lothringens an Frankreich durch territoriale Abtretungen an Deutschland [vermutlich Schlesien] zu kompensieren. Wären die Signatarmächte mit der Integration Rumäniens in eine Donaukonföderation einverstanden, wollte Österreich–Ungarn die rumänisch besiedelten Gebiete Transsylvaniens für ein Großrumänien freigeben kein rumänisches Gebiet an Deutschland abtreten. Nach Abschluß des Separatfriedens mit der Entente, insbesondere mit den USA, würden Österreich–Ungarn mit Bulgarien die eigenen Handelsvorteile abstimmen und in Spezialverträgen fixieren. Haguenin, der als französischer Presseattaché in Bern zum Vermittler gewählt war, vermutete, diese Vorschläge wären unter deutschem Terror entstanden. Er beurteilte sie als anachronistisches Manöver. Der Vermittler antwortete auf Haguenins höhnische Kritik: hätte die Entente das geringste Interesse an diesem Projekt, würde der Kaiser auch veränderten Positionen seine Zustimmung geben. Diesen letzten Friedensvorschlag Kaiser Karls telegraphierte der französische Botschafter in Bern, Louis Clinchant, am 17. September 1918 nach Paris.
Die Frontlinie der Zentralmächte verlief quer durch Mazedonien, vom Golf von Orfano an der Ägäis über die Seen Dojran–Presba und–Ochrida bis zur Adria. Östlich des Vardar (Wardar): standen Bulgaren und Türken Engländern und Serben gegenüber, westlich davon wurden Bulgaren, Deutsche und k.u.k. Truppen von Italienern, Griechen und Franzosen bekämpft. Anfang Juli 1918 hatte das Vorgeplänkel südöstlich des Ochridasees begonnen, Franzosen hatte die Österreicher angegriffen und zurückgedrängt. General Pflanzer– Baltin konnte als Kommandant der Armeegruppe Albanien die Lage stabilisieren. Er hatte mit die Intention, vorzugehen und den Hafen Valona, der in vielen Friedensprojekten von Österreich beansprucht wurde, zu nehmen.
Die Offensive gegen Bulgarien setzte am 15. September 1918, gegen die Türkei, den schwächsten Verbündeten der Zentralmächte, am 18/19. September 1918 ein. Franchet d’ Esperey griff, von Saloniki ausgehend, die Bulgaren östlich des Vardar an. Es gelang ihm, in einem Quadrat von 40 km in das Land einzudringen und innerhalb von 10 Tagen den Krieg gegen sie zu entscheiden. Zu spät und vergeblich wurde deutsche und österreichische Militärhilfe beschlossen. Am 26 September 1918 wußte die Wiener Regierung, daß das Spiel verloren war. Am 27. September mußte Bulgarien um Waffenstillstand ersuchen, einen Separatfrieden schließen und das Bündnis mit den Zentralmächten lösen. Am 3.Oktober dankte König Ferdinand zugunsten seines Sohnes Boris ab. Bulgarien und die Walachei waren ab nun Durchzugsgebiete der Entente. Die Engländer gingen seit 18./19. September 1918 in einer Zangenbewegung von Bulgarien und Palästina gegen Konstantinopel vor. Die Türkei war am 30. Oktober 1918 zum Waffenstillstand bereit.
Die militärischen Operationen auf dem Balkan hatten die Kriegslage Österreich–Ungarns dramatisch verändert: in kürzester Zeit waren die Grenzen Ungarns gefährdet. Die k.u.k. Truppen zogen sich in Etappen auf die Verteidigungslinie hinter die Flüsse Donau–Save–Drina und hinter die Ostgrenze Bosniens zurück. General Kövess von Kövessháza befehligte eine eigene Heeresgruppe mit circa 14 Divisionen, darunter vier bis fünf deutsche.
In diesen dramatischen Tagen erhielt Papst Benedikt XV. über seinen schweizerischen Geschäftsträger Monsignore Maglione das Friedensangebot Buriáns. Der Papst antwortete sofort. Nachdem die Ententemächte bereits abgelehnt hätten, sah er keine Möglichkeit mehr zur Vermittlung:”[...]Wir können sie nur zur Mäßigung veranlassen.[...]” Benedikt XV. riet im Interesse des katholischen Österreich, Kaiser Karl möge sich persönlich an Wilson wenden, er allein werde in dieser internationalen Situation über Krieg und Frieden entscheiden und er wolle den Frieden nur, solange er Präsident sei. Der Kaiser möge an Wilsons Gefühle der Menschlichkeit und Gerechtigkeit appellieren. Seine 14 Punkte unterschieden sich nicht wesentlich vom päpstlichen Friedensappell des 1. August 1917. Kaiser Karl solle mit Ausnahme einiger Detailfragen die Bedingungen Wilsons annehmen. Italien wäre bereit, über nationale Autonomie in der Habsburgermonarchie zu diskutieren, es sei nicht gegen die Unabhängigkeit der Balkanvölker. Im Fall der Abtretung von Elsaß–Lothringen an Frankreich wäre Italien mit einer österreichischen Kompensation deutsch bewohnter Gebiete und mit der Revision des Friedensvertrages von Brest Litowsk einverstanden. “[...]Wird die Initiative Eurer Majestät angenommen, besteht die größte Hoffnung auf einen baldigen Frieden. Hätte der Heilige Stuhl diplomatische Beziehungen mit den Vereinigten Staaten, würden Wir gerne Unseren Vertreter beauftragen, die Vorschläge Eurer Majestät vorzutragen und zu empfehlen, aber andere neutrale Regierungen, besonders der König von Spanien, würden diesen Auftrag übernehmen.[...]” Wie aus diesem Dokument ersichtlich, hatte Benedikt XV. bereits grundsätzlich die italienische Zustimmung zu den Friedensbedingungen Kaiser Karls, die sich auch im Separatfriedensprojekt Österreich–Ungarns und Bulgariens an Frankreich (17. September 1918) finden, erreicht. Mit ihnen war der Kaiser seit August 1917 wiederholt und vergeblich an Deutschland herangetreten.
Gegen amerikanische Stimmen, die Donaumonarchie zu retten, hielt Wilson an seinem Kurs, sie zu zerschlagen, fest. Der US – Geschäftsträger Hugh Wilson äußerte sich zum Fortbestand Österreich–Ungarns verhalten positiv. Herron wies den Präsidenten auf seine oberflächliche Reaktion zum österreichisch–ungarischen Friedensangebot hin, das die berühmten 14 Punkte ohnedies akzeptiert hatte, warnte aber vor einem Kurswechsel. Oberst House, der Vertraute Wilsons, war über die Ablehnung des österreichischen Friedensangebotes empört. Wilson hätte keine Ahnung, “[...]was mit Österreich zu tun sei, wie das Reich zerbrochen werden sollte, wenn es überhaupt zu zerbrechen wäre. Im allgemeinen hätte der Völkerbund solche Probleme zu lösen oder unüberwindliche Schwierigkeiten zu glätten. Wüßten die Nationen, daß sie in einem sie schützenden Verband lebten, würden sie gewillt sein, verschiedene Grenzen und kleinere Territorien zu akzeptieren.” Wilson handelte nach den Vorschlägen Lansings. Nach der Kapitulation Bulgariens hielt er in der New Yorker Metropolitan Opera zur Zeichnung amerikanischer Kriegsanleihen eine philosophisch–politische Rede. Der Präsident kündigte den Kurs der kommenden Monate an und motivierte die Amerikaner zum Patriotismus. Der “allgemeine Wille der Menschheit” habe in der eingetretenen Kriegswende die Einzelinteressen der Staaten verdrängt. Wilson nannte als Voraussetzung für einen “immerwährenden Frieden” die Befreiung der Völker von militärischer Gewalt, die Gleichberechtigung der starken und schwachen Nationen, die Gleichheit von Recht und Privilegien, die Selbstbestimmung der Völker in ihren inneren Angelegenheiten, die Heiligkeit der Interessen der Schwachen wie der Starken. Er .lehnte eine Verständigung mit den Zentralmächten ab, “[...]weil wir schon mit ihnen zu tun hatten, die in Brest Litowsk und Bukarest Partner in diesem Kampf waren. Wir haben uns überzeugt, daß sie keine Ehre haben und die Gerechtigkeit nicht anstreben. Sie[die Zentralmächte] beachten keine Verträge, akzeptieren keine Prinzipien außer Gewalt und ihre eigenen Interessen. Wir können nicht mit ihnen handelseinig werden. Sie haben es unmöglich gemacht. Mittlerweile muß sich das deutsche Volk darüber klar sein, daß wir das Wort jener, die uns den Krieg aufzwangen, nicht akzeptieren können. Wir denken nicht dasselbe und sprechen nicht dieselbe Sprache.[...]” Der Völkerbund, Preis und Garantie des dauerhaften Friedens, könnte erst nach der Entfernung jener Regierung, die Rußland zerstört und Rumänien betrogen habe, gegründet werden. Den Völkerbund müßten unparteiische Gerechtigkeit, gleiche Rechte und gemeinsame Interessen regieren, mit Wirtschaftssanktionen Disziplin und Kontrolle erreicht werden. Die USA wären bereit, ihren vollen Anteil an Verantwortlichkeit für den Frieden der Zukunft und zur Einhaltung von gemeinsamen Abmachungen und Verträgen zu übernehmen. Friedensinitiativen könnten nur mit jedem Sieg über Deutschland zum Schweigen gebracht werden. Die Welt wolle keine von Deutschland aufgestellten Friedensbedingungen, sie wolle den endgültigen Triumph der Gerechtigkeit und faires Handeln.
Inzwischen war die Situation an der Westfront so bedrohlich geworden, daß Ludendorff und Hindenburg, die jahrelang sämtliche österreichische Friedensbemühungen blockiert hatten, plötzlich den Waffenstillstand forderten, während noch Kommissionen über die Lösung der polnischen Frage berieten. Nun wünschte das deutsche Außenministerium für die Einleitung des Friedens “[...]die sofortige Bildung einer neuen Regierung auf breiter nationaler Basis aus freier Initiative Seiner Majestät des Kaisers[...],”das Präsidium des Reichstages und die Parteiführer seien anzuhören, Vorschläge im engsten Einvernehmen mit der Volksvertretung auszuarbeiten. Die neu gebildete Regierung hätte sich an Wilson zu wenden und bei allen kriegführenden Parteien anzuregen, Bevollmächtigte und Delegierte nach Washington zu entsenden. Deutschland (eventuell der Vierbund) nähme die bekannten 14 Punkte an und sei bereit, auch über Elsass–Lothringen zu sprechen. Man verständigte Wien und Konstantinopel und sondierte über den eigenen Botschafter in Bern Geheimkontakte mit Washington. Am 1. Oktober 1918 entstand nach dem Rücktritt des Grafen Hertling die neue deutsche Regierung unter Prinz Max von Baden,. die in der Nacht vom 3. zum 4. Oktober 1918 Präsident Wilson um Frieden und um sofortigen Waffenstillstand zu Lande, zu Wasser und in der Luft ersuchte. Graf Burián hatte nach Rücksprache mit Kaiser Karl, mit den Regierungen Österreich–Ungarns und mit Vertretern der Parlamente dem deutschen Schritt zugestimmt und das österreichische Waffenstillstands–und Friedensangebot über Schweden an Wilson gesandt. Die Türkei schloß sich an.

“AUSTRIA ESSE DELENDAM!”
Bei der Überreichung der österreichisch–ungarischen Note am 6. Oktober 1918 bemerkte Lansing:”[...] Die Antwort wird nicht ermutigend sein[...].” Der Staatssekretär hatte seine Strategie gegenüber Deutschland und Österreich–Ungarn bereits festgelegt, am 7.Oktober formulierte er sie für Wilson, bis jetzt nur auszugsweise bekannt:
Lansing betrachtete die Zentralmächte als noch nicht reif für den Frieden. Wären sie nur zum Rückzug auf das eigene Territorium gezwungen, könnten sie die Armeen neu organisieren und die Unruhen im Land unterdrücken. Die deutsche Militärmacht sei ungebrochen und sehr stark; sie könne noch lang Krieg führen. Auch die Österreicher könnten die Italiener in Schranken halten.
Die politische Situation Deutschlands sei vom Gefühl bestimmt, die militärische Führung hätte versagt, die herrschende Klasse habe die Wahrheit willkürlich unterdrückt, das Volk falsch informiert und trügerische Hoffnungen genährt.
Die Situation Österreich–Ungarns sei verzweifelter und kritischer als jene Deutschlands, gekennzeichnet von der Kriegsmüdigkeit des Volkes, vom ungelösten Nationalitätenproblem, von der Unfähigkeit der Regierung, die ökonomische Lage zu meistern und von der Überzeugung, daß das Reich zerstückelt sei, wie auch immer der Krieg ausgehen werde. In diesem Zustand wollte Lansing die politische Konfusion der Zentralmächte ausnützen, ihre Zivilbevölkerung demoralisieren, deren militärische Widerstandskraft schwächen.
Auf die politische Situation der beiden Reiche müsse verschieden reagiert werden: der Glaube des deutschen Volkes an seine Regierung sei zu erschüttern, seine Moral zu schwächen, es “zum Winseln um den Frieden” zu bringen. Die militärischen Gruppen müßten entmachtet, das Land auf die Grundlagen der Demokratie gestellt werden. Die Rückwirkung auf die Armee würde deren Disziplin vermindern und Ressentiments gegen die militärischen Führer erwecken:”[...], wenn meine Analyse richtig ist, glaube ich nicht, daß wir die deutsche Friedensouverture entschieden ablehnen sollten. Ich habe noch einen Hoffnungsstrahl, daß der Krieg beendet werden kann, wenn die deutschen Kriegsherrn vernünftigen militärischen Forderungen nachkommen und wenn in Deutschland die Demokratie dominierend wird. Später kann es notwendig sein, unsere Taktik zu ändern, aber jetzt scheint mir dieser Kurs weiser zu sein; wenn man ihn annimmt, kann die Diplomatie dem Militär substantiell helfen, den Krieg zu gewinnen.”
Anders als Deutschland sei Österreich–Ungarn unbedingt aufzulösen, um die “Unterdrückten Völker” nicht zu enttäuschen. Nachdem sich die Bedingungen geändert hätten, müsse die Friedensouverture Österreich–Ungarns glatt abgelehnt werden. Das würde allgemeine Verzweiflung hervorrufen, die Moral der Menschen zerstören und die Nationalitäten ermutigten, sich vom kaiserlichen Joch zu befreien. Der Sturz der Regierung würde Chaos und Revolution, die Demoralisierung der Armee, Desertionen , wenn nicht offene Gegensätzlichkeit bewirken, sie noch mehr schwächen.”[...] Mit einem Wort: laßt uns mit der Hoffnung der Deutschen und mit der Verzweiflung der Österreicher und Ungarn spielen. Laßt uns nicht den Eindruck erwecken, daß wir beabsichtigen, das deutsche Reich zu zerstören, laßt uns den Eindruck erwecken, daß wir vor haben, Österreich–Ungarn für immer zu beenden.” Was im Mai 1918 überlegt, wurde im darauffolgenden Oktober verwirklicht: Deutschland wurde so behandelt, daß die Revolution Regierung und Volk voneinander trennte. Österreich–Ungarn, das historische “Patchwork,” wurde in seine Bestandteile zerlegt, die im Entstehen begriffenen Nationalstaaten von der Gesamtregierung gelöst. Während der Diskussion des amerikanischen Senats über die Waffenstillstandsangebote Deutschlands und Österreich–Ungarns, warnte Miles Poindexter vor einem ” unreifen Frieden.” Alle ihm folgenden Redner “echoten” seine Ansicht. Der Begriff des “unreifen Friedens” findet sich in den Schriften der Massonen. Es war vergeblich, daß Papst Benedikt XV. über seinen Delegaten Giovanni Bonzano und über den Erzbischof von Baltimore, Kardinal James Gibbson, die Habsburgermonarchie dem mächtigsten Mann der damaligen Welt empfahl. Auch der Heilige Vater hatte den sogenannten Idealismus Wilsons, an den sich die Besiegten klammerten, nicht ganz durchblickt.
Analog zu Deutschland, das anfangs Oktober 1918 mit einem plötzlichen System–und Regierungswechsel seine Verhandlungsposition gegenüber der Entente zu verbessern suchte, plante auch Kaiser Karl die rasche Umformung der Habsburgermonarchie in einen föderativen Staat.
Die Diskussion um die Donaukonföderation wurzelt in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, sie hat verschiedene Varianten, österreichische, böhmische, ungarische und sozialdemokratische. Kaiser Karl selbst konnte sich , wie schon gezeigt wurde, nur eine föderative Lösung der “Österreichischen Frage” vorstellen. Die Amnestie von 1917, seine diesbezüglichen Pläne und Zusagen bei diversen Friedenssondierungen und sein Verhalten in der Frage der ungarischen Nationalarmee sind Beweis genug. Der Kaiser brauchte zur Umformung des Reiches den Frieden und um sich von Deutschland zu trennen, zumindest die Hilfe der Alliierten bei der Friedenskonferenz. Im Kriegszustand war eine grundlegende Verfassungsänderung undenkbar, sie hätte sofort die Armee, wenn nicht aufgelöst, so doch verändert und in Krisen gestürzt. Je eine Abteilung im österreichischen Innenministerium und im Ministerratspräsidium sammelte Vorschläge, seit 1917 arbeiteten die Mitglieder dieser Büros an Konzepten.
Die Dynamik des Nationalitätenproblems wurde 1918 von den sozialen und wirtschaftlichen Konflikten des Krieges, vom Widerstand gegen militärische Maßnahmen, von der “inneren Front,” intensiviert, Regierung und Staatssystem für Mangelerscheinungen und Fehlgriffe verantwortlich gemacht. Die erfolgreiche Agitation der Exilregierungen, Propaganda und innere Erregung stärkten die subversiven Kräfte. Das vernünftige Kalkül, den Frieden nur in Einigkeit gewinnen zu können, ging im Nationalitäten–und Sozialkonflikt verloren.
Der Friede von Brest Liotowsk und der Monarchenvertrag von Spa beschleunigten die slawischen Nationalstaatsbildungsprozesse. Die Polen reagierten heftig auf den Friedensvertrag mit der Ukraine: Sie sprachen von der “Vierten Teilung Polens” und knüpften Kontakte mit Frankreich und den USA, um einen unabhängigen und freien Nationalstaat zu schaffen. Ihre Exilvertreter fuhren zum Kongreß der “Unterdrückten Nationen Österreich–Ungarns” nach Rom.
Der Monarchenvertrag von Spa (14. Mai 1918) sah zwischen Österreich–Ungarn und Deutschland eine Militär–und Wirtschaftskonvention vor, was die USA zum konkreten Kriegsbeginn in Europa führte. Ihr Entschluß, die Donaumonarchie zu zerschlagen, förderte die tschechische Nationalstaatsbildung. Beneš verhandelte mit England, um die Tschechische Legion an der Seite des Ententeheeres einzusetzen. Seine künftige Armee, damals bei 50.000 bis 80.000 Mann; war aus den russischen Kriegsgefangenenlagern rekrutiert. In den USA schloß Masaryk den Vertrag von Pittsburg. Die Slowakei sollte sich gegen Zusicherung eigener Landtage und autonomer Verwaltung von Ungarn trennen und in die Tschechoslowakei eingliedern.
Am 3. Juni 1918 deklarierte die Entente in Versailles die Entstehung eines unabhängigen Polen, einen Tag später bestätigte sie die Unabhängigkeit der Tschechen und der Südslawen. Kurz danach anerkannte Frankreich den Tschechischen Nationalrat als Provisorium einer künftigen Regierung. Am Jahrestag des Freimaurerkongresses von 1917 übergab Pichon in einer solennen Feier die französische Flagge der Tschechischen Legion. Danach ersuchte Masaryk die USA, den tschechischen Nationalrat anzuerkennen, den Großbritannien Mitte August 1918 legitimierte.
Die Deklaration von Versailles hatte auch den Südslawen ihre Unabhängigkeit von der Donaumonarchie bestätigt, was Italien trotz des Torre Trumbic Abkommens vom Februar 1918 vorerst blockierte. Wegen territorialer Ansprüche auf adriatische Küstenplätze sollte das Südslawenproblem später gelöst werden. Inzwischen nahm die serbische Exilregierung Wilsons 14 Punkte und die Deklaration von Korfu ( Juli 1917) als Grundlage der künftigen Verfassung an.
Max von Hussarek, der Chef der neuen österreichischen Regierung, bemühte sich fortgesetzt, das Nationalitätenproblem zu lösen. Während die Slawen gegen die “deutsche Klammer” des Habsburgerreiches und gegen die magyarische Staatsdoktrin Sturm liefen, startete der deutsche Botschafter Graf Wedel eine breit angelegte Pressepropaganda für den Anschluß Österreichs an Deutschland und vorsichtige Maßnahmen zur Lösung Ungarns von Österreich. Gleichzeitig reklamierten die Ungarn die Nationalarmee, die Trennung ihrer Truppen vom österreichisch–ungarischen Heer.
Polens adeliger Regentschaftsrat, näherte sich aus Angst vor dem Bolschewismus noch im August 1918 den Zentralmächten, indem er die Kandidatenlösung, die deutsch–polnische und die austro–polnische Lösung gegeneinander ausspielte.
Kaiser Karl, seit Mai 1918 um die Befriedung der Südslawen bemüht, scheiterte. Ungarn und Südslawen akzeptierten weder die subdualistische Lösung (einen kroatischen Nationalstaat, der Ungarn unterstellt werden sollte), noch das Zugeständnis der nationalen Autonomie für Slowenen und Serben in Zisleithanien. Im Herbst 1918 war es für sie zu spät. Sobald die Opposition der Italiener gegen einen einheitlichen Staat der Südslawen verstummte und Sonnino seine Forderungen von der Adria nach Südtirol bis zum Brenner verschob, wandten sich viele Südslawen ihrer Exilvertretung zu. Am 2. Oktober 1918 konnte man im gemeinsamen Ministerrat Österreich–Ungarns keine Einigung mehr über das Südslawen Problem erzielen
In diesem Prozeß der Reichsauflösung versuchte Kaiser Karl über verzögerte Parlamentseinberufungen und über die ihm loyal ergebenen Ministerpräsidenten Seidler und Hussarek, die innere Ordnung der Monarchie zu erhalten, Grundlagen für die Friedenskonferenz vorzubereiten. Der Kaiser überlegte damals die Wiedereinführung des § 14, woran die Regierung Seidlers gescheitert war. Nun sollte das Völkermanifest, zu dem der Papst riet, das Kaisertum Österreich, die Länder der deutschen Krone, in einen Bundesstaat umwandeln und “den inneren Evolutionsprozeß” in geordnete Formen lenken. Man kann der Plan für das Manifest bis Anfang September 1918 zurückverfolgen. Am 16. Oktober wurde es erlassen, am 17. veröffentlicht. An der Schwelle zum Frieden verkündete es den Neuaufbau des Vaterlands, dessen Transformation in einen Bundesstaat. Polen, seit dem 7. Oktober 1918 als unabhängiger Staat proklamiert, würde Galizien erhalten. Das Ministerratsprotokoll vom 15. Oktober 1918 fixierte die Grundlinien, nach denen “Die Verfassung des Bundeskaisertums Österreich” zu erlassen waren. Thronfolge und Herrscherrechte blieben unverändert; auf den nationalen Siedlungsgebieten könnten selbständige Staatswesen, ein deutschösterreichisches, ein böhmisches, ein südslawisches und ein ukrainisches, errichtet werden. Die Bukowina und Triest sollten Sonderstellungen erhalten. Das Bundeskaisertum würde von der gemeinsamen Armee, von gemeinsamer Außen–, Wirtschafts–und Verkehrspolitik (Eisenbahnen, Wasserwege) zusammengehalten. Alle anderen Belange fielen in die Autonomie der neu entstandenen Staaten. Die noch existierende gemeinsame Regierung würde den Neuanfang vorbereiten, die bestehenden Einrichtungen bis zum Inkrafttreten der neuen Verfassung aufrecht bleiben. Der Kaiser gewährte Selbstbestimmungsrecht und forderte zur Bildung von Nationalräten auf, die aus den Reichsratsabgeordneten jeder Nation entstehen sollten. Österreich sollte ein Bund freier Völker sein.
Die Nichtrelevanz des Völkermanifestes für Ungarn, die Wekerle gegen die Zusage von Lebensmittellieferungen für Wien “erkaufte”, und diese dann doch nicht einhielt, war verhängnisvoll. Ungarn wollte nur mehr durch Personalunion mit Österreich verbunden bleiben und die kroatische Autonomie selbst lösen. Kaiser Karl, der an die Dynamik des Entwicklungsprozesses glaubte, war von der Einstellung der Ungarn nicht zu sehr beunruhigt; er betrachtete sie als vorübergehend und erwartete die Auswirkung des Manifestes auch auf das Reich der heiligen Stephanskrone.
Zeitgenossen, vor allem Regierungsmitglieder, beurteilten das Völkermanifest als utopisch, als zu spät erlassen und unverkennbar absolutistisch, auch wenn das die Formulierung des Textes vermied. Kaiser Karl, der sich im Druck der Ereignisse dazu entschlossen hatte, war überzeugt, daß nichts so binde, “wie freizulassen”. Er unterschätzte seinen Popularitätsverlust, den abnehmenden Patriotismus, vor allem in den Kronländern, die Wirkungen der Propaganda, die erlahmende Widerstandskraft der Bevölkerung und die Veränderungen im politischen Bewußtsein der Nationen.
Das Begehren der slawischen Nationen, sich selbst vor der Friedenskonferenz zu vertreten, sprach dem Kaiser das Recht ab, Krieg zu erklären und Frieden zu schließen. Streiks, Revolten, Desertionen ignorierten und verhöhnten seine Kommandogewalt, die Konsenslosigkeit von Reichsrat und Regierungen vernichtete seine Exekutivgewalt.
Die Proklamation des Völkermanifestes verkehrte dessen Intention: anstatt die Bindungen zu erneuern, hatte sie der Kaiser selbst gelöst. Man könnte das damals geläufige dictum vom “Mann, der sich aus Angst vor der Tod selbst erschießt” auf diesen kaiserlichen Erlaß anwenden. Doch es war nicht die Angst des Kaisers, die ihn zum Völkermanifest führte, sondern sein erstaunlicher Optimismus, seine Zukunftsvisionen für die Donaumonarchie, die ihn bis zum Tod nicht verließen. Das Manifest legalisierte den Nationalismus im Habsburgerreich. Es ermöglichte Politikern, Abgeordneten und Soldaten, sich ohne große innere Belastungen selbst zu bestimmen und neu zu orientieren. Es unterband den totalen Bürgerkrieg.
Am 18.Oktober 1918 löste sich Böhmen von Österreich, am 19. trennten sich die Südslawen, am 20. die Ungarn, am 21. Oktober bildete sich in Wien der deutschösterreichische Nationalrat.
Der Tschechoslowakische Nationalrat war bereits von allen Mächten der Entente, zuletzt von Italien als provisorische Regierung des neuen Staates anerkannt, die Tschechische Armee kämpfte an der Seite der Entente. Masaryk und Beneš waren mit ihrer perfekten und professionellen Arbeit Amerika verpflichtet. Die tschechoslowakische Unabhängigkeitserklärung, von grenzenlosem Haß gegen die Habsburger erfüllt, paßte sich völlig den Ideen Wilsons vom 27. September an. Sie löste sich aus der soeben proklamierter Föderation des Habsburgerreiches und strebte nach einer Konföderation der freien Nationen Osteuropas. Damals zirkulierte schon in Böhmen eine neue Währung, sie trug nicht mehr das Emblem des Kaisers sondern das Bild des Hradschins, der Prager Burg. Das Programm Masaryks, seit 1916 in der englischen Zeitschrift “Das Neue Europa” wiederholt vorgestellt, erinnert an das mittelalterliche Konzept des Premysliden Königs Ottokar II., an die Vision eines Großreichs von der Ostsee bis zur Adria. Ottokar II. war wegen des unrechtmäßigen Besitzes der babenbergischen Länder Österreich und Steiermark von Rudolf I. von Habsburg bekämpft und 1278 besiegt worden. Masaryk forderte das Recht (von wem? von Wilson oder von der Entente ?) zur Integration der Slowakei in den neuen Staat. Er belastete Österreich–Ungarn, Habsburger und Hohenzollern mit der Schuld an Balkankriegen und Erstem Weltkrieg. “[...]Die Dynastie der Habsburger, aufgewogen durch ein mächtiges Erbe von Verbrechen und Irrtümern, ist eine ständige Bedrohung des Weltfriedens. Wir halten es als unsere Pflicht gegenüber Humanität und Zivilisation, ihren Untergang herbeizuführen. Wir lehnen es ab zu glauben, daß die Kraft der Habsburger und Hohenzollern göttlichen Ursprungs ist; wir weigern uns, das göttliche Recht der Könige anzuerkennen. Unsere Nation erwählte die Habsburger für den Thron von Böhmen aus eigenem Willen und sie setzt sie mit demselben Recht ab. Wir erklären hiermit, daß die Habsburger unwürdig sind, unsere Nation zu führen und leugnen ihre Forderungen, in der Tschechoslowakei zu herrschen. Wir erklären hier und jetzt, daß das Volk eine freie und unabhängige Nation ist. [...]” Die provisorische Regierung verpflichtete sich den Prinzipien von amerikanischer Unabhängigkeitserklärung und Menschenrechten.
Die neue Tschechoslowakei übernahm die volle Verantwortung zur Reorganisation Osteuropas und für die demokratischen und sozialen Prinzipen des Nationalismus. Alle Vereinbarungen und Verträge würden offen und frei ohne Geheimdiplomatie gelöst werden.”[...]Die Demokratie hat die theokratische Autokratie besiegt. Der Militarismus hat sich überholt, die Demokratie ist siegreich. Die Menschheit wird auf der Grundlage der Demokratie reorganisiert. Die Mächte der Dunkelheit haben den Sieg des Lichtes herbeigeführt–das lang ersehnte Zeitalter der Menschlichkeit dämmert. Wir glauben an die Demokratie, wir glauben an die Freiheit und immer mehr Freiheit.”
Tags darauf erhielt Masaryk von den USA Kredite für die tschechische Staatsgründung, auch wenn die gesamte Bevölkerung Böhmens, Mährens und Schlesiens, geschweige denn der Slowakei, mit der Trennung von Österreich durchaus nicht übereinstimmte. Die tschechischen Reichsratsabgeordneten Klofác und Habrmann bekamen österreichische Pässe, um die Kontakte mit den Exiltschechen in Genf aufzunehmen.
Am 19.Oktober 1918, hatte der Sabor(= kroatischer Landtag) in Zagreb die Vereinigung aller Slowenen Kroaten und Serben in einem souveränen demokratischen Staat gefordert und nationale Vertreter bei der Friedenskonferenz verlangt. Man lehnte das Völkermanifest Kaiser Karls ab, trat für den Völkerbund und für allgemeine Abrüstung ein. Den Minderheiten wurde die freie Entwicklung, den Nachfolgestaaten der Handelsverkehr zum Meer zugesagt.
In Ungarn überstürzten sich die Ereignisse. Wekerle benützte das Völkermanifest, das Königreich Ungarn von Österreich zu trennen und ausschließlich seine Verbindung mit der Dynastie zu erhalten. Er wollte das ungarische Nationalitätenproblem mit der sogenannten “kroatischen Autonomie” befrieden, was damals bereits aussichtslos war.
Das Kaiser–und Königspaar war zur Eröffnung der kalvinischen Universität am 23. Oktober 1918 in Debrecen eingetroffen. Die nationalen Delirien Ungarns hatten sich innerhalb von zwei Tagen soweit gesteigert, daß das Parlament in Budapest in Turbulenzen geriet, weil man zur Begrüßung des Königs in Debrecen anstatt des ungarischen Hymnus die österreichische Volkshymne (“Gott erhalte”) gespielt hatte. Als der König in Gödöllö eingetroffen war, erhielt er die Meldung vom Revolutionsausbruch in Fiume. Die kroatisch–serbische Mannschaft des IR 79 hatte den Startschuß zur Revolution in Kroatien und Slawonien abgegeben. Das steirische Assistenzbattaillion LstIB 153 konnte die rebellischen79er erst nach Ankunft weiterer Truppen entwaffnen. Am 24. Oktober früh fiel dann die Revolte in sich zusammen.
Wekerle hatte im Sturm des Budapester Parlaments demissioniert. Die “Vereinigte Opposition” ungarischer Parteien unter Graf Mihály Károlyi wartete auf ihre Stunde. In der Nacht vom 23. zum 24. Oktober bildete Károlyi in seiner Budapester Wohnung einen ungarischen Nationalrat, dem seine eigene Partei, die Radikalen unter Oskár Jászi, die Sozialdemokratische Partei Ungarns und Politiker anderer Gruppierungen angehörten. Man propagierte allgemeine, gleiche, geheime Wahlen, radikale Bodenreformen, die Trennung von Deutschland und den sofortigen Friedensschluß. Armee und Zivilbevölkerung waren von diesem Programm wie elektrisiert. Károlyi forderte zum Schutz der Grenzen den Abzug der ungarischen Truppen von der Front, ihre Entfernung aus der noch kämpfenden k.u.k. Armee. Vergeblich bemühte sich der König um ein ungarisches Konzentrationskabinett. Er mußte zur Angelobung der neu gebildeten österreichischen Regierung Lammasch nach Wien fahren und ließ seine Kinder, die am 24. Oktober 1918 nachgekommen waren, in Gödöllö zurück. Damit wollte er seine Bereitschaft demonstrieren, nach Ungarn zurückzukehren Inzwischen brach am30. Oktober 1918 in Budapest die Revolution aus. Prinz René von Bourbon von Parma konnte sie im allerletzten Moment wohlbehalten nach Schönbrunn zurückbringen.
Erzherzog Josef, von der Tiroler Front zurückbeordert und als “homo regius” mit der Regierungsbildung in Ungarn betraut, scheiterte. Graf János Hadik war einen einzigen Tag an der Macht: der bereits bestehende Soldatenrat setzte unter Drohung mit Revolution Károlyis Ernennung zum Ministerpräsidenten durch. Ein Großteil der Budapester Garnison stand auf seiner Seite, die in Budapest stationierten Bosniaken waren gegen die Revolution kaum gerüstet, weshalb der König gegen die Anwendung bewaffneter Gewalt entschied.
Seit Mitte Oktober rechnete man in Wien mit größeren Streiks der Arbeiter und Eisenbahner. Hunger und Teuerung erzeugten Unruhe. Der bulgarische Sonderfriede stimulierte. Leutnant Dr. Julius Deutsch aus dem Kriegsministerium, schon im Jänner 1918 als bolschewistischer Drahtzieher der Unruhen in Wien tätig und verdächtigt, agitierte gegen militärische Vorkehrungen des Stadtkommandanten von Wien. Deutsch und seine Vertrauensmänner hetzten in den Kasernen des Hinterlandes für die Befehlsverweigerung. In seine Agitation, für die er selbst die volle Verantwortung übernahm, waren Tausende von Deserteuren mit einbezogen. Sie hatten sich in Wien versteckt und arbeiteten aus dem Untergrund. Julius Deutsch sollte “im Fall der Notwendigkeit auch mit Gewalt die Habsburgerregierung ” stürzen. Sicherheitswache und Militärassistenzen waren in Bereitschaft, der Stadtkommandant war noch Herr der Lage. An diesem 21. Oktober versammelten sich alle deutschen Reichsratsabgeordneten im Niederösterreichischen Landhaus, um die künftige staatliche Ordnung des deutschen Volks in Österrreich selbst zu bestimmen, “[...]einen selbständigen deutsch–österreichischen Staat zu bilden und seine Beziehungen zu den anderen Nationen durch freie Vereinbarungen mit ihnen zu regeln[...].” Der neue Staat beanspruchte die Gewalt über das ganze deutsche Siedlungsgebiet, auch in den Sudetenländern, den Zugang zum adriatischen Meer und die Vertretung bei den Friedensverhandlungen. Ein 20–gliedriger Vollzugsausschuß hatte Verfassung und Wahlordnung vorzubereiten, verschiedene Ausschüsse, für Verwaltung, Ernährung, Volkswirtschaft und Kriegswirtschaft zu wählen. Er betrachtete sich als Repräsentant Deutschösterreichs gegenüber den alten k.u.k. Regierungen (Österreich–Ungarn und Österreich) wie auch für die kommende Friedenskonferenz.
Inzwischen hatte die amerikanische Regie für den Untergang der Habsburgermonarchie zwei strategisch wichtige Maßnahmen gesetzt. Nelson Page, der US–Botschafter in Rom, forderte von Orlando und Sonnino eine militärische Offensive in Tirol. Die Italiener wollten sie nicht beginnen und wenn, nur mit amerikanischer Hilfe. Es bedurfte der Intervention Viktor Emanuels III. und verschiedener Gespräche mit Frankreich, damit sich General Diaz gegen seine militärische Einsicht dazu bestimmen ließ. Man wählte den 24. Oktober, den Siegestag der Zentralmächte bei Flitsch–Tolmein, zum Tag des Angriffs. Der österreichische Generalstabschef Arz, seit Anfang Oktober Kaiser Karl zu Frieden und Waffenstillstand drängend, hatte zum sofortigen Beginn der Verhandlungen eine österreichische Kommission unter General der Infanterie Viktor Weber Edler von Webenau in Trient bereitgestellt. Die Bitte Kaiser Karls an Benedikt XV., gegen die italienische Offensive zu intervenieren (23. Oktober), konnte der Papst nicht mehr erfüllen.
Der Angriff bei Vittorio Veneto war die Revanche für die 12. Isonzoschlacht und die Fortsetzung der Piaveschlacht vom Sommer 1918. Noch verteidigten 1½ Millionen Mann der k.u.k. Armee die Südgrenze der Monarchie gegen eine Übermacht von Italienern, Engländern, Franzosen, Tschechen und Amerikanern. Sie kämpften vier Tage mit bewundernswerter Tapferkeit, heldenhaft. Erst als sie die Nachrichten aus dem Hinterland über den Zerfall der Monarchie erreichten, begannen sie den Gehorsam zu verweigern. Magyaren und Slowaken wollten an der italienischen Front nicht weiter kämpfen, bei einem tschechischen Schützenregiment brach eine Schießerei aus. Der Stimmungsumschwung war nachhaltig: die Ungarn verlangten den Rücktransport, um die eigenen Grenzen schützen zu können. Erzherzog Josef und General Arz ersuchten am 27. Oktober 1918 den Kaiser, die Waffenstillstandsverhandlungen einzuleiten.
Amerikas zweiter Schachzug gegen Österreich–Ungarn war das vorläufige Ignorieren des Waffenstillstands–und Friedensangebotes vom 4. Oktober 1918. Während Lansing mit den Deutschen Noten wechselte (8., 14. und 23. Oktober), erhielt Österreich vorläufig keine Antwort. Davon alarmiert und schwer beunruhigt versuchten Kaiser Karl und Burián, Graf Gyula Andrássy, und der ehemalige österreichische US–Botschafter, Graf Adam Tarnowsky in Bern an Engländer, Franzosen und Amerikaner heranzukommen. Alle Vermittlungsversuche Skrzynskis waren umsonst, die USA erwarteten die schnelle, unbedingte, unmittelbare Kapitulation. Lansing antwortete am 18. Oktober nach Wien: man könne nicht mehr auf der Basis der Rede Wilsons vom 8. Jänner 1918 verhandeln. Die Ereignisse hätten Haltung und Verantwortung der Amerikaner verändert: der Punkt 10 der 14 Punkte Wilsons sei hinfällig, denn zwischen dem tschechoslowakischen Nationalrat, als de facto kriegführender Regierung und den Zentralmächten sei Kriegszustand. Auch würden die USA die nationalistischen Ansprüche der Jugoslawen auf ihre Freiheit von Österreich–Ungarn als gerecht erkennen. Nicht mehr die bloße Autonomie der Völker der Donaumonarchie sei die Basis für den Frieden, die Völker selbst sollten als Mitglieder des Völkerbundes ihre Bedingungen nennen. Es ist klar, warum die USA erst jetzt antworteten: Lansing wartete die Proklamation Masaryks vom 18. Oktober 1918, das Ende der tschechischen Staatsbildung innerhalb der Entente, ab, um das Habsburgerreich in die Knie zu zwingen.
Unter dem Eindruck des militärischen Zusammenbruchs und der zivilen Unabhängigkeitsaktionen löste Kaiser Karl am 27. Oktober das deutsche Bündnis, dann stellte der neuen Außenminister das Sonderfriedensangebot des zerfallenden Habsburgerreiches an die USA. Andrássy akzeptierte, daß die USA die Unabhängigkeit von Tschechen und Jugoslawen anerkannten.
Nochmals versuchte Wien ein Gespräch in der Schweiz. Prinz Alfred Hohenlohe–Schillingsfürst, Legationssekretär in Bern, konnte das Separatfriedensgesuch an die USA heranbringen und die Unabhängigkeit Österreich–Ungarns von Deutschland betonen. Im Namen der Menschenrechte, wofür Wilson ja eintrat, ersuchte er um Hilfe gegen die bolschewistische Gefahr gegen den Hunger, der Österreich in schrecklichster Form bedrohte und warnte vor der chaotischen Entwicklung. Die laufende Offensive sei nutzloses Blutvergießen, sie ermögliche keine größeren Konzessionen, denn die Kapitulation Österreich–Ungarns wäre beabsichtigt und vollständig. Die rückkehrenden Truppen seien eine große Revolutionsgefahr.
Gleichzeitig warnte Masaryk vor dem Separatfriedensangebot Österreich–Ungarns. Wilson sollte nicht mit der noch bestehenden k.u.k. Regierung verhandeln, sondern nur mit den einzelnen Völkern in der Habsburgermonarchie . Es ist signifikant, daß die Tschechische Republik in Prag erst einen Tag nach der Lösung des deutsch–österreichischen Waffenbundes, am 28. Oktober 1918, ausgerufen wurde.
Am 29. Oktober 1918 sagten sich die Südslawen endgültig los. Sie erklärten den Gesetzesartikel I von 1868, den kroatisch–ungarischen Ausgleich, für aufgehoben und proklamierten den SHS–Staat als souveränen Nationalstaat der Slowenen Kroaten und Serben.
In Ungarn vereidigt Erherzog Josef am 31. Oktober 1918 Károlyi, den tags darauf der König von seinem Eid entband. Dann legten Károlyi und sein Kabinett vor dem Nationalrat ihren Eid auf “Ungarn und auf das ungarische Volk” ab. Am 31. Oktober 1918 wurde Graf Stefan Tisza, der damals lebende “größte Ungar” um 5 Uhr nachmittags im Stiegenhaus seiner Villa hinter dem Budapester Stadtwäldchen von drei revolutionären Soldaten erschossen. Auf der Straße begrüßte man diese Nachricht mit Eljenrufen.
Tschechische Staatsbildung und Agitationen der Sozialdemokraten verstärkten die innere Gärung Zisleithaniens, es begann die Auflösung der Einheit in Verwaltung, Wirtschaft und Sprache, zuerst sichtbar im Post- und Eisenbahnverkehr, dann in den Wirtschaftsverbindungen zwischen Böhmen und Österreich. In der Verwaltung behaupteten sich schon die Nationalsprachen, Kompetenzen und Eide alter und neuer Amtsträger überschnitten sich.
Die Regierung Hussarek war sich spätestens seit dem Waffenstillstandsgesuch an die USA bewußt, daß sie, weil ohne Konsens mit dem Reichsrat, demissionieren müßte. Nun kamen für eine neue Regierung die Pazifisten Lammasch, Redlich und Meindl, die sich 1917 /18 in den Friedensbemühungen mit Amerika engagiert hatten, in Betracht. Hussarek hatte wenig Erfolg, Vertreter der einzelnen Parteien für ein neues Ministerium zu gewinnen.
Am 22. Oktober 1918 zerfiel die Bukowina, die Zeitungen forderten den deutschösterreichischen Reichsrat zur Regierungsbildung auf. Die Demission Hussareks war nötig. Lammasch versuchte am 26. Oktober 1918 mit einem Teil der alten Minister sein Kabinett zu bilden. Sollte es noch politische oder nur verwaltende Funktionen haben? Lammasch verstand es als “Exekutivkomittee der Nationalregierungen in Österreich.” Es sollte die Nationalstaaten anerkennen, die Nationalregierungen einsetzen, die Ernährung sichern, die Friedenskonferenz vorbereiten und einen sofortigen Waffenstillstand herbeiführen. Das letzte kaiserliche Ministerium war dazu bestimmt, die Ordnung aufrecht zu erhalten und die alte Monarchie zu liquidieren und die Zentralverwaltung in die Verwaltung der Nationalstaaten zu übertragen, Grundlinien für eine Donaukonföderation zu schaffen. Unter diesen Auspizien wurden Lammasch und seine Minister in der Wiener Hofburg am 28. Oktober 1918 von Kaiser Karl angelobt. Keine Partei wollte sie noch unterstützen und an sie binden. Denn eines war bald klar: Österreich war zahlungsunfähig, bankrott.
Vor der zweiten Sitzung des deutsch–österreichischen Nationalrates sanken auf der Rampe des Parlaments die schwarz gelben Fahnen. Am Nachmittag trat im Niederösterreichischen Landhaus die provisorische Nationalversammlung zusammen. Sie betrachtete sich als Trägerin der gesamten Staatsgewalt Deutschösterreichs. In bewußter Unterscheidung zu den kaiserlichen Regierungen führte der Staatsrat die Geschäfte, die Staatssekretäre hatten Ministerfunktionen. Die Diskussion, bei denen die Abgeordneten Sylvester, Ellenbogen, Mataja und Pantz hervortraten, bewegte sich um das Selbstverständnis des Staates. Vor dem Hintergrund des Selbstbestimmungsrechtes forderte die Nationalversammlung die Auflösung der Österreichisch–ungarischen Monarchie und die volle Selbständigkeit des Staates Deutschösterreich, den sie als ihren Souverän betrachtete. Sie wollte ihn bei Wilson notifizieren, um Waffenstillstand ansuchen und ihn so lang vertreten, bis eine konstituierende Nationalversammlung auf der Basis des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts zusammentreten könnte. Die Staatsform war noch unentschieden, die Sozialdemokraten forderten die Republik.
Die deutschösterreichische Nationalversammlung erklärte sich für allein berechtigt, über Frieden zu verhandeln und Frieden zu schließen. Sie akzeptiere die Grundsätze Wilsons gemäß seinen Reden vom 8.Jänner und 4. Juli und seiner Note vom 18.Oktober 1918, die Auflösung des historischen “Patchworks”. Die Nationalversammlung war bereit, ihre Beziehungen zu den neuen slawischen Staaten “durch freie Vereinbarungen[...] zu regeln”, forderte aber die Abgrenzung der deutschen Gebiete Böhmens, Mährens und Schlesiens und ihre Anerkennung als Bestandteil des Staates Deutschösterreich. Würde man mit den Vertretern der tschechischen Nation nicht überein kommen, müßten die betroffenen Bevölkerungen unter der Aufsicht von Beamten neutraler Staaten und unter der Kontrolle des Völkerbundes selbst bestimmen. Dr. Sylvester protestierte gegen das Waffenstillstandsangebot Andrássys an Wilson (27.Oktober 1918). Die Nationalversammlung wäre davon weder informiert, noch konsultiert und nur übergangen worden, obwohl sie sich als alleinige Vertreterin der Außenpolitik des neuen Staates, speziell bei den Friedensverhandlungen, betrachtete. Die Abgeordneten sagten sich nicht nur von der Österreichisch–ungarischen Monarchie los, sie distanzierten sich auch von einer zukünftigen Donaukonföderation und unterstellten diesem Konzept das alleinige dynastische Interesse. Freiherr von Pantz, Redner der Deutschnationalen, betrachtete die Antwortnote Andrássys sogar als “ausgesprochenen Bündnisbruch” gegenüber dem Deutschen Reich. Uninformiert und politisch unbegabt schloß er: “[...]Wenn das gelingt, was England zu beabsichtigen scheint, die Deutschen Österreichs in eine Donauföderation hineinzudrängen (!) und ein mitteleuropäisches Portugal aus dieser Donauföderation zu machen, laufen die Deutschen Österreichs Gefahr, für alle Zeiten vom übrigen Deutschtum Europas abgesprengt und entnationalisiert (!) zu werden. Wir lehnen daher den Gedanken der Föderation, den Gedanken des Bundesstaates mit aller Entschiedenheit ab und sehen die Zukunft des deutschen Volkes und des deutschösterreichischen Staates nur im Anschlusse an das Deutsche Reich. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen–Heil Rufe (!) )[...]” Am selben Tag notifizierte der Staatsrat Deutschösterreich bei Wilson, mit der Bitte um Waffenstilllstand und um die Teilnahme an der Friedenskonferenz.
“[...]Nachmittags Sitzung der deutschösterreichischen Nationalversammlung im Landhaus unter ausserordentlicher Volksbeteiligung[...]“, notierte Wieser, noch Mitglied der kaiserlichen Regierung. “[...]Reden auf die Republik, gegen die Dynastie, zahlreiche Beteiligung von Offizieren. Den Offizieren werden die Kokarden abgerissen, Waffen werden abgerissen. Ich selbst sah von den vielen tausend Menschen nichts. Ich erkundigte mich, ob der Zugang zum Ministerpräsidium frei ist und kam um ½ 7 Uhr unangefochten dorthin. Wir hörten dann nur, wie die abziehenden Massen uns ein Pfui bringen[...].” “[...] Aber fast unglaublich erscheint der rasche Zerfall der Armee im Hinterland und auch die anti–dynastische Strömung, die sich sofort in Wien zeigte”, schrieb der noch Sektionschef Hans Loewenfeld–Russ, jetzt Staatssekretär für Volksernährung, an seinen Vater “[...]Die Offiziere nahmen freiwillig die Kokarden ab und entfernten die Rosetten. [...]Kaiserliche Adler wurden von den Geschäften abgenommen, die Soldaten tragen ihre Medaillen verkehrt, mit dem Kaiserkopf nach innen. Wien hatte Angst. Die Haustore sind geschlossen. Dort, wo keine Rolläden sind, sind die Auslagen mit Brettern vernagelt, die Tore beim Burgtor sind geschlossen.[...].” In weniger als acht Wochen war Lansing ans Ziel gekommen. Die deutsch–österreichische Nationalversammlung lag vor den USA auf der Erde, das hungernde Volk war unruhig, bedrückt und verzweifelt. Jetzt konnte das Friedensdiktat überlegt werden. Auf der Basis des Selbstbestimmungsrechtes?