Kapitel XVIII – GRAF OTTOKAR CZERNIN UND DIE CLEMENCEAU – ODER SIXTUSAFFAIRE

DIE ANFÄNGE CZERNINS

Ottokar Czernins ehrgeizige Pläne verwirklichten sich am 22. Dezember 1916, als ihn Kaiser Karl zum Minister des ku.k. Hauses und des Äußeren ernannte. Mit 44 Jahren stand er auf hoher Position, wie Feldmarschälle oder Ministerpräsidenten Österreich–Ungarns. Der konstitutionelle Träger Österreichisch–ungarischer Außenpolitik führte auch die Agenda des allerhöchsten Hauses. Am Beginn der Regierungszeit Kaiser Karls tauchte der alte Plan eines eigenen Ministeriums für das allerhöchste Haus wieder auf, ohne auch diesmal verwirklicht zu werden. Rein optisch stand der Außenminister dem Kaiser am nächsten. Der alte Glanz der Staatskanzler Kaunitz und Metternich fiel auf den Vorsitzenden des gemeinsamen Ministerrates und ersten Beraters der Krone in innenpolitischen Angelegenheiten. Das Ausland betrachtete ihn als Ministerpräsidenten Österreich–Ungarns.
Graf Ottokar Czernin von Chudenitz war eine repräsentative Erscheinung, von großer gesellschaftlicher Wirkung. Standesbewußt, faszinierend nobel und elegant war er ein hervorragender Redner. Seine Sprache war einfach und angenehm anzuhören, Hofmannsthals Deutsch der Wiener Gesellschaft. Czernins diplomatische Berichte lasen sich anschaulich und lebendig, seine Vorschläge und Prognosen waren phantasievoll, seine politischen Ideen realitätsfremd. Der Graf, mehr intuitiv–emotional als intellektuell veranlagt, war berechnend und illusionär, in sich widersprüchlich, zäh und beharrlich im Festhalten seiner Vorschläge, konsequent ehrgeizig bei der Verfolgung seiner persönlichen Ziele. Skrupellos strebte er nach Macht. Zeitgenossen und Historiographen überliefern sein Bild kontroversiell. Bis heute existiert keine wissenschaftlich stichhaltige Biographie, nur die Analyse seiner Außenpolitik durch Ingeborg Meckling. Deshalb soll hier versucht werden, mit Hilfe unbekannter und erst kürzlich zugänglicher Dokumente Persönlichkeit und Politik des Außenministers aus Werdegang, politischen Ideen und Rechtfertigungsschriften zu erfassen. In ihnen liegt der Schlüssel zu seinem Konflikt mit Kaiser Karl, zur bis jetzt rätselhaften “Clemenceau–Sixtusaffaire” und zur kontroversiellen Darstellung seines Bildes.
Der Vater, Graf Theobald Czernin von Chudenitz, Herr auf Dimokur (Dimokoury bei Podebrad) und Vinar (bei Prag) führte den Zweig seiner Familie bis ins böhmische Mittelalter, zu den Premislidenkönigen zurück. Er war k.u.k. Geheimer Rat und Hofrat bei der Allgemeinen Hofkammer, Großgrundbesitzer und Major. Die Mutter Anna Maria, geborene Gräfin Westfalen und Fürstenberg, verband ihre Kinder mit dem verwandtschaftlichen Geflecht des deutschen Adels.
Graf Ottokar besuchte das Gymnasium in Komotau, absolvierte den Militärdienst als Einjährig Freiwilliger beim Dragonerregiment Nr. 8, dann studierte er einige Semester Jus an der Prager Universität. 1893 dürfte er das Studium abgebrochen haben. Zum Eintritt in den diplomatischen Dienst (13. Februar 1897) legte er sein Leutnantsdekret und drei Staatsprüfungszeugnisse vor. Am 1. Juli 1897 heiratete er Gräfin Maria Karoline Kinsky, die Tochter des reichen Fürsten Karl Kinsky. In den Jahren 1897 bis 1902 widmete sich Czernin nur sporadisch dem diplomatischen Dienst. Kaiser Franz Joseph hatte ihm die Diplomatenprüfung nachgelassen, wie es hieß, auf Protektion des Schwiegervaters. Czernin arbeitete zweitweise an den Botschaften in Paris und den Haag. Wegen der wirtschaftlichen Situation seines Besitzes ging er im November 1902 als Legationssekretär in die Disponibilität. Was hatte ihm die diplomatische Karriere vergraut? Kostspielige Auslandsaufenthalte, Familienangelegenheiten und Krankheit? Nach Czernins Schilderung des diplomatischen Dienstes für Eh Franz Ferdinand dürfte er den Mangel an Studien und Prüfungen empfunden haben. Sein späterer Vorgesetzter im Außenministerium, Ludwig von Flotow, stellte lapidar fest, die Zeit in Paris und Den Haag hätte in Czernin nicht die geringste Spur hinterlassen.
Der politisch Interessierte wurde 1903 Mitglied der Partei des “Verfassungstreuen Großgrundbesitzes “und Abgeordneter im böhmischen Landtag. Die Partei fürchtete die Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechtes, das, von Kaiser Franz Joseph gefördert, ihre Vertretung im Abgeordnetenhaus gefährdete. Ottokar Czernin versuchte, das allgemeine, gleiche Wahlrecht für Cisleithanien zu verhindern. Über Vermittlung von Heinrich Clam–Martinic wandte er sich an den Thronfolger Eh Franz Ferdinand, mit dessen Gemahlin, Sophie, Herzogin von Hohenberg, geborener Gräfin Chotek, Czernins Frau verwandt war. Am 19. November 1905 überreichte er in Konopischt (Konopiste) seine politische Broschüre “Das österreichische Wahlrecht und das Parlament”, deren Resümee er dem Thronfolger vortrug. Das allgemeine, gleiche Wahlrecht wende sich gegen die Dynastie, es sammle alle Parteien des Reichsrates in ihren negativen Zielen gegen die Kirche, gegen Habsburg und gegen Österreich. Die Parole der Prager Wahlrechtsdemonstration, “Hoch die Republik !” und “Nieder mit dem Kaiser !” formiere sich gegen die Stützen des Staates, gegen Armee und konservative Elemente. Jeder Konsens mit den demokratischen Parolen schwäche die Armee, löse die sprachliche Einheit der Truppen auf, schleuse das “sozialdemokratische Gift” in sie ein. In Konsequenz drohe mit der Revolution das Schicksal Ludwigs XVI. Czernin befürchtete die Entmachtung des Kaisers, die Trennung Ungarns von Österreich, die Auflösung des Herrenhauses und die Abschaffung des § 14 innerhalb von zehn Jahren. Die k.u.k. Armee würde Nationalarmeen weichen müssen. Czernin riet, den “Gordischen Knoten an der Leitha” mit dem Säbel zu zerschlagen, das Wiener Parlament mit Waffengewalt auseinanderzujagen. Reformen in der Donaumonarchie müßten von der Anpassung des Proportionalwahlrechtes an die geänderten Verhältnisse ausgehen. Deshalb ersuchte er den Thronfolger beim Kaiser zu intervenieren. Eh Franz Ferdinand schien mit Czernins Ideen übereinstimmend und versprach, den Kaiser zu bitten, die Einführung des Wahlrechtes zu verschieben. “[...] Aber mehr kann ich nicht machen . Das übrige ist Sache der Herren !! Sie müssen sich selbst wehren und den Staat verteidigen, [...]“entschied er. Czernin setzte an das Ende seines Gedächtnisprotokolls den Eindruck Franz Ferdinands aus der Nähe: “[...]Der Erzh[erzog] ist politisch wenig,[sic!] speziell wahlrechtlich gar nicht gebildet, hat aber eine frappant schnelle Auffassung. Sein Programm ist neronisch–brutal, der Haß gegen Ungarn eine Monomanie, liebt den deutschen Kaiser, ohne es eingestehen zu wollen; der Erzh[herzog] ist ein ganz merkwürdiges Gemisch von verblüffender Offenheit und Mißtrauen und dem Wunsch zu kaptivieren[...], zu gefallen.[...]Ich halte ihn für viel weniger klerikal, als man behauptet. Vergöttert seine Frau und seine Kinder! (Hübscher Zug). Sie ist [...]”
In weiterer Folge betätigte sich der böhmische Graf als politischer Journalist. Er plädierte für eine Verschiebung parlamentarischer Macht, schlug vor, die Rechte des Reichsrats zu beschneiden, jene des böhmischen Landtages zu erweitern. Seine Ideen zur “Wiedergeburt Österreichs” entsprachen dem Absolutismus des 18. Jahrhunderts: Der Kaiser, beraten von einem Gremium aus Vertretern aller Parteien (Staatsrat), sollte allein die Verfassung beschließen, die Staatsreform selbst durchführen und die Grundlagen eines neuen Parlaments legen. Im Programmentwurf für den “Verfassungstreuen Großgrundbesitz” (23. 12. 1906) sprach sich Czernin für religiöse Toleranz, für die Förderung des nationalen Friedens und für ein Dreikuriensystem im böhmischen Landtag aus (Deutsche, Tschechen und Großgrundbesitzer).
In diesem Jahr 1906 begegnete Czernin beim Fürsten Max Egon von Fürstenberg in Donaueschingen den deutschen Kaiser. Einen Monat später war er mit seiner Gemahlin in Kiel von Wilhelm II. auf die Jacht “Hamburg” geladen. Amikal zog ihn der Kaiser nach dem Dinner in einer Schiffsecke ins Gespräch. Die Themen waren: Rußland, seine Auflösung in Einzelstaaten, die Sozialdemokratie, die Gefahr einer bolschewistischen Revolution, ihr Überspringen auf Österreich. Schließlich sprach man über künftige Umwälzungen, über die Wirtschaftseinheit von Trans–und Cisleithanien, die Handelsunion mit Deutschland. Ganz Europa müsse sich wirtschaftlich einigen, um mit Amerika konkurrieren zu können.
Damals befaßte sich Czernin mit der Wahlreform und mit föderalistischen Konzepten zur Umformung Österreich–Ungarns. Er ritt Attacken gegen die Sozialdemokraten und die “ganz erbärmliche Judenpresse” Österreichs. 1908 hatte er “Grundgedanken einer Verfassung für die habsburgische Monarchie” publiziert, den Auszug dieser Broschüre dem Thronfolger “zu Füßen” gelegt und damit seine Beziehung zu ihm gefestigt. In der Folge entstand ein freundschaftliches Verhältnis. Czernins Schrift war auf Mentalität und politische Tendenzen Franz Ferdinands abgestimmt. Denn der Thronfolger, der am 8. Jänner 1908 gegen die ungarischen Verfassungsgarantien protestiert hatte, bereitete damals sein Thronwechselprogramm vor. Czernin stellte fest, die geltende ungarische Verfassung verurteile Franz Ferdinand zu einem unduldsamen Schattenkönigtum. Er schlug vor, per Staatsstreich eine Militärdiktatur wie 1849 zu errichten und die ungarische Königskrönung zu verweigern. Die Herrschaft der Magyaren sollte mit dem allgemeinen, gleichen Wahlrecht gebrochen, das Budapester Parlament (Reichstag) nach Wien verlegt und in das Zentralparlament des Reiches integriert werden. Die alten ungarischen Land–und Magnatentafeln blieben als Landtag bestehen. Czernin stellte sich das Wiener Zentralparlament wie den Berliner Reichstag vor, dessen Kompetenzen sich auf die Bewilligung von Rekrutenaushebungen, auf Reichssteuern und Handelspolitik beschränkten. In Ungarn war die Macht des Adels zu brechen, der Landtag auf die Breite und Vielfalt der in Ungarn lebenden Nationen zu stellen (Kroaten, Serben, Rumänen, Ruthenen, Slowaken).
Anders programmierte Czernin die Reform Cisleithaniens (Länder der deutschen Krone), zwei bis drei Jahre nach der Errichtung der ungarischen Militärdiktatur gedacht. Die Verfassung von 1867 war zu sistieren, eine neue zu oktroyieren. Czernin setzte auf die moralische Wirkung der ungarischen Unterdrückung, sie würde alle Erwartungen übertreffen. Anders als in Ungarn, wäre in Cisleithanien das allgemeine, gleiche Wahlrecht wieder abzuschaffen und dem Adel eine bedeutendere Rolle zuzuweisen. Der Adel sei bereit, die Rechte des Herrschers zu verteidigen, müßte aber seine aus dem Absolutismus stammende übertriebene Loyalität überwinden und dem Kaiser widersprechen können. Czernin plädierte für eine Steuerreform, um die ärmere Bevölkerung gegen revolutionäre Tendenzen zu immunisieren. Die Verantwortlichkeit der gemeinsamen Minister (Kriegs–Außen–und Finanzminister) sei zu verändern, die separaten Finanz–und Landwehrministerien Cis–und Transleithaniens aufzulösen.
Als Themen zukünftige Außenpolitik nannte Czernin: die europäische Einigung, die Auflösung der internationalen Politik in Wirtschafts- und Handelspolitik und den Dreibund. Czernin sah künftige Auseinandersetzungen im adriatischen Raum kommen; er prophezeite den Kampf um Triest. Das Schutz–und Trutzbündnis mit Deutschland müsse im Hinblick auf Italien verstärkt, die Rivalität um die mitteleuropäische Vorherrschaft auf italienische Ziele abgelenkt werden. Nach dem Tod Franz Josephs käme der Krieg mit Italien. Wilhelm II. wäre der natürliche Bundesgenosse des nächsten Kaisers. Czernin verkannte weder die deutschen Interessen in Ungarn, noch die Agitationen der Alldeutschen, die Österreich nach dem Muster Sachsens und Bayerns in das deutsche Kaiserreich integrieren wollten. Mitteleuropa sei mit einem großen Gebäude zu vergleichen, dessen zwei Türme, die staatsrechtliche Unabhängigkeit von Habsburger–und Hoherzollernherrschaft symbolisierten. Das Dach des gemeinsamen Hauses wäre die Handelsunion Deutschlands mit Österreich–Ungarn. Der wieder errichtete Kirchenstaat würde die Spannungen innerhalb Italiens ausgleichen, die italienischen Probleme lösen.
Dieses Elaborat verfehlte nicht seine Wirkung auf Gedankenwelt und Seelenzustand des Thronfolgers. Er dankte von ganzem Herzen für das großartige Exposé dieses “schwarz–gelben Österreichers, “[...]das ihn ungemein interessierte, fesselte und wahre Freude vermittelte[...].” Czernin hatte Terrain gewonnen. Er agitierte im weiteren gegen Baron Beck und erhielt Zustimmung zu seinen Leitartikeln in “Bohemia” und “Vaterland.” Eh Franz Ferdinand fand Czernins Betrachtungen immer großartig, packend, richtig, österreichisch–patriotisch und hervorragend geistreich geschrieben. Czernin zielte auf den magyarischen Chauvinismus und auf die Forderungen nach Demokratie. Er wetterte gegen Sozialisten, Freimaurer und Juden und verteidigte den Adel; gleichzeitig geißelte er dessen mangelnde geistige und politische Potenz: “[...]das Herrenhaus wird so wie so hinter Eurer kaiserlichen Hoheit herlaufen wie ein dressierter Pintscher.[...]”
1909 sollte sich Czernin über verschiedene Persönlichkeiten, die er für Staatsaufgaben geeignet hielt, äußern. Erstmals erscheint in den nachgelassenen Papieren des Thronfolgers der äußerst kritische Zug Czernins. Er gefiel sich fast nur im Negativen, minderte die in Frage Stehenden herab und erzeugte den Eindruck von der alleinigen Kompetenz des Schreibers. Auch vor eigenen Familienmitgliedern machte er nicht halt.
1910 zogen sich die Fragen des Sprachengesetzes, des böhmischen Ausgleichs und der Fusionierung der böhmischen Adelsparteien durch Czernins politische Gespräche mit dem Erzherzog. Der politische Schüler Franz Ferdinands war auf die Konzepte des Thronfolger zur Umformung der Habsburgermonarchie in ein Großösterreich eingeschwenkt. An der Wende von 1910 zu 1911 dürfte ihn Franz Ferdinand für kommende Staatsaufgaben reif betrachtet haben. Czernin wollte “Minister des kaiserlichen Hauses” werden, eine Art persönlicher Minister, dem der künftige Kaiser und König blind vertrauen könne. In seine Kompetenz würde die Rangfrage der Herzogin von Hohenberg, die Verhandlungen vor der ungarischen Krönung und die Präsenz im gemeinsamen Ministerrat fallen. Die Agenda des allerhöchsten Hauses wären aus dem kombinierten Ministerium herauszulösen, der neue Minister sollte auch die Leitung des politischen Nachrichtendienstes für den Monarchen sowie Spezialaufgaben erhalten. Er würde den zukünftigen Kaiser und König vor den Unannehmlichkeiten mit den Ungarn schützen. Ein neuer Reichskanzler? Die Diskussion darüber verlief bis Mitte 1911. Der Thronfolger, scheinbar schon gewillt, die Wünsche Czernins zu erfüllen, ließ dessen Vorschläge [auch über die ungarische Frage] von den Professoren Gustav Turba und Heinrich Lammasch (nach Czernin ” Buchdeckel und Gelehrte, die alle demagogisch erkrankt sind,”) prüfen. Sie beurteilten Czernins Pläne ähnlich vernichtend wie Oberst Brosch , der Leiter der Militärkanzlei Franz Ferdinands. Dessen Argumente enthüllten so scharf Czernins Unkenntnis der Verfassung, daß das Thema für Franz Ferdinand nicht mehr zur Diskussion stand. Der Eh ließ nun Czernin 1912 durch Kaiser Franz Joseph zum Herrenhausmitglied ernennen. Czernins “Maiden Speech” schien dem Thronfolger zu gefallen, während sie Josef Redlich treffsicher und gar nicht unfreundlich als mäßig originellen Leitartikel einstufte. Die Rede war blaß, unoriginell und nichtssagend, der Redner aufgeregt und viel weniger forsch als in seinen Briefen an den Thronfolger. Czernins große Beharrlichkeit scheint das neue Ministerium des kaiserlichen Hauses noch nicht abgeschrieben zu haben, Franz Ferdinand dem Grafen jedoch ausgewichen zu sein. Der Gekränkte, der angeblich alles Widrige, Unangenehme vom künftigen Herrscher abhalten und auf sich selbst nehmen wollte, plante in sogenannter Opfergesinnung sich jetzt ganz aus der Politik zurückzuziehen und sang und klanglos aus Landtag und Herrenhaus zu verschwinden. Im August 1913 überlegte Franz Ferdinand Czernins Wiederverwendung in der Diplomatie, dessen scharfe Kritik von 1909 plötzlich Früchte trug. Der Eh wünschte, Czernin zum k.u.k. Gesandten von Bukarest zu bestellen. Jetzt nach dem zweiten Balkankrieg sollte er Rumäniens Geheimabkommen mit der Donaumonarchie–es bestand seit 1883 und war 1913 erneuert worden–auf die Haltbarkeit überprüfen und festigen. Der Außenminister Graf Berchtold konnte diesen Wunsch nur erfüllen. Doch im Herbst 1913 entsprach die Position eines Gesandten nicht mehr den Plänen Czernins, der widerwillig und nur auf ein Jahr unter normalen Urlaubsbedingungen annahm. Danach sollte ihn sein Bruder Otto in Bukarest ersetzen. Er selbst wünschte, nach dem Rücktritt Berchtolds Außenminister zu werden und schloß mit diesem im Oktober 1913 ein geheimes Abkommen. Berchtold äußerte sich dazu eher indigniert: “[...]Er [Czernin] ist anhaltend unzufrieden, fürchtet, sich dort nicht zu bewähren und vorzeitig abzunützen. Will, wenn es absolut sein muß, bloß provisorisch auf ein Jahr hingehen, überdies unter genau umschriebenen Bedingungen. Eine Primaballerina von Weltruf könnte nicht umsichtiger und anspruchsvoller ihr Engagement bewerkstelligen[...]” Czernin selbstkritisch genug und zutiefst ängstlich, fürchtete die Spannung zwischen seinen großartig und kritisch vorgebrachten Vorschlägen und ihrer Durchführung. Die Ungarn bekämpften sofort seine Ernennung. Sie hatten die politischen Broschüren von 1908 und 1910 nicht vergessen. Jetzt erwartete er, von ihnen innerhalb von sechs Monaten unmöglich gemacht zu werden. Der damalige Ministerpräsident Graf Tisza, magyarischer Chauvinist, sicherte sich den direkten Einfluß auf die Außenpolitik. Er rettete Czernin vor den Anfeindungen im ungarischen Reichstag und verlangte sein Ehrenwort, “[...]daß ich keine Anstrengungen machen würde, um eine der Wiener und Pester Politik entgegengesetzte in den Sattel zu heben, und ich erklärte mich einverstanden hiermit, vorausgesetzt, daß der Erzherzog Thronfolger diese Lösung akzeptiere[...].” Jetzt war eben der Gesandte Czernin nur “Beamter,” der auf die “Staatsmaschine” Rücksicht nehmen mußte, während er wenige Monate vorher Franz Ferdinand aufgefordert hatte, dem Grafen Tisza und der magyarischen Clique, der “Pestbeule am Körper der Monarchie,” den Herrn zu zeigen.
Die erste Jahreshälfte 1913–1914 war von Konflikten mit dem Außenministerium erfüllt. Flotow äußerte sich zu den Kämpfen, die Czernin mit den “Halbgöttern” des Hauses am Ballplatz auszufechten hatte, später eindeutig und nachsichtig. Der neue Gesandte verstand sich, obwohl jetzt nur “Beamter”, doch als Exponent des Thronfolgers, er versuchte sofort, gegen die Weisungen des Ministeriums eigene Außenpolitik zu machen. Er erlebte die rumänische Bevölkerung als “austrophob” und glaubte, sie mit der Veröffentlichung des Geheimabkommens umstimmen zu können. Graf Tisza war nicht gewillt, die nationalen Forderungen der Rumänen in Siebenbürgen zu erfüllen, die Rückwirkung ihrer Irredenta auf Rumänien zu stoppen. Im Jänner 1914 machte er auf dem Verordnungsweg nur kleine, substanzlose Zugeständnisse, die leicht wieder zurück genommen werden konnten. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges unterschätzte Czernin die Spannungen Österreich–Ungarns mit Italien, die russische Kriegsgefahr wie die Agitationen von Russen und Franzosen in Rumänien zugunsten der Entente. Er berichtete von dem Vorschlag Nikolai Philippescus, Siebenbürgen an Rumänien anzuschließen und das neue Großrumänien in die Donaumonarchie zu integrieren. Was zum Programm des Thronfolgers paßte, jedoch an der Haltung Tiszas scheiterte. Czernin schlug dann vor, das Bündnis Österreich–Ungarns mit Bulgarien zu lösen, um mit Serbien und Rumänien einen neuen Balkanbund zu begründen. Über diesen Ereignissen und Plänen geschah der Mord von Sarajewo. Czernin hatte seinen Schutzherrn, dem er sein Herz ausschütten konnte, verloren.
Es war nicht möglich, im Ersten Weltkrieg Rumänien als neutralen Bündnispartner zu erhalten. Nach dessen Kriegseintritt auf Seiten der Entente (August 1916), entstand über Wunsch des damaligen Außenministers Baron Burián ein Rotbuch. Der zuständige Ressortchef, Dr. Rudolf Pogatscher, hatte darin Czernins Gesandtenberichte verarbeitet und “frisiert.” Er ließ Kompromittierendes weg und machte Czernin “im Interesse des Dienstes” zum glänzenden, vorausblickenden Diplomaten, der er keineswegs war. Czernin selbst brachte seine Ernennung zum Außenminister mit diesem Rotbuch in Beziehung. Tatsächlich steuerte das Memorandum vom 12. Juli 1916 seine Karriere. Berchtold hatte Czernins “Gedanken über die Beendigung des Krieges” dem Thronfolger Erzherzog Carl Franz Joseph überbracht. Das deutsche Auswärtige Amt besaß die Kopie. Czernin hatte die Überlegenheit der Gegner erkannt. Er befürchtete bei längerer Kriegsdauer den Zusammenbruch der Zentralmächte.
CZERNIN, DER MINISTER.
Nach der Thronbesteigung Kaiser Karls hatte der neue Obersthofmeister Prinz Konrad Hohenlohe, Ottokar Czernin “in den Sattel gehoben”. Heinrich Clam–Martinic, engster Freund des neuen Außenministers, wurde Ministerpräsident. Verschiedentlich betrachten die Historiker die Berufung Czernins als Konsequenz seiner Stellung im Mitarbeiterkreis Erzherzog Franz Ferdinands. Dies erscheint aus heutiger Sicht unrichtig. Kaiser Karl brauchte zur Umsetzung seiner Föderalisierungspläne einen außenpolitischen Repräsentanten, der friedenswillig war und nicht den chauvinistischen Magyarismus vertrat. Dieser neue Minister mußte ein gleich gutes Verhältnis zu Deutschland wie zu Böhmen haben , um die Tendenzen der slawischen Exilregierungen zu paralysieren. Auf den ersten Blick schien Ottokar Czernin in die Strategie Kaiser Karls zu passen. Indessen verkannte der junge Monarch die Persönlichkeit Czernins und dessen politische Ideen und Abhängigkeiten. Auch schätzte ihn Berchtold!
Der neue Minister war gegenüber dem älteren Franz Ferdinand respektvoll gewesen, hatte sich als “politischer Schüler” beinahe untertänig verhalten und die Konzepte für ein “Großösterreich” akzeptiert. Den viel jüngeren Kaiser Karl, der angeblich “[...]von den fundamentalsten Grundsätzen einer Verfassung keinen blassen Schimmer[...]“hatte, behandelte er von oben herab. Czernin fühlte sich als Mentor und suchte, den eigentlichen Berater der jungen Majestät, Arthur Polzer–Hoditz, auszustechen. Er wollte dem “[...]armen, kleinen Kaiser, der besonderer Obsorge bedürfe[...],” helfen.
Czernins innenpolitische Pläne, die mit Clam über ein Jahrzehnt diskutierte Verfassungsänderung in Böhmen per Oktroy durchzusetzen, scheiterten rasch am Ausbruch der Russischen Revolution.
In der Außenpolitik schien der Minister seine großen Aufgaben zu kennen, der Kaiser erwartete den “allerschleunigsten” Friedensschluß. Die Deutschen waren in ihren Kriegszielen zu mäßigen, zum Frieden zu motivieren, in eigenen Verhandlungen über Elsaß–Lothringen positiv zu beeinflussen. Wenn mit ihnen nichts lief, sollte mit der Entente ein österreichischer Separatfrieden geschlossen werden. Die deutschen Botschafter, Wedel und Nostitz, erkannten sofort die Schwachstelle: Czernin war kein geschulter Diplomatund man stand mit ihm über seine Verwandtschaft auf gutem Fuße. Czernins erste außenpolitische Mission, Deutschland vom erweiterten U – Bootkrieg abzubringen und den Krieg der USA mit Österreich – Ungarn zu verhindern, mißlang. Nachdem man Österreich–Ungarn durch ein faît accompli in den uneingeschränkten U–Boot Krieg hineingezogen hatte, bestand die Möglichkeit, den Zweibund zu lösen. In der damaligen Situation war das praktisch undurchführbar. Vermutlich nützte Czernin deshalb nicht die Chance, die der amerikanische Botschafter Frederic Penfield bot, um den Krieg Österreich–Ungarns mit Amerika zu vermeiden. Der Minister orientierte sich in der Folge an Kaiser Wilhelm II. und an Reichskanzler Bethmann Hollweg, später an Hindenburg, Ludendorff, Richard von Kühlmann und Graf Hertling wie am Grafen Tisza und an Prinz Gottfried Hohenlohe dem k.u.k. Botschafter in Berlin. Auf Wunsch Bethmann Hollwegs riet er am 17. Februar 1917 mit einem Brief an Kaiserin Zita zur Friedensouverture des Prinz Sixtus, die Kaiser Karl schon gestartet hatte. Beim Besuch der beiden Parmabrüder in Wien verhielt sich der Minister jedoch diplomatisch: Czernin “[...] sollte aber den Verhandlungen nicht beiwohnen. Er behielt sich ein Tor offen. Geht alles gut, ist es auch für ihn gut, da er die Anregung gegeben, geht alles schlecht, so kann er alles ableugnen, da er ja nicht dabei war[...],”so sein Bruder Otto Jahrzehnte später. Im Notfall konnte man die “unterlassene Ministerinformation” ausspielen, was er im Verlauf der Ereignisse auch unternahm.
Prinz Sixtus stellte Czernin als schlechten Bluffer dar und kritisierte sein Benehmen. Trotzdem dürfte der Minister damals überlegt haben, das deutsche Bündnis zu lösen. Die wiederholte Bemühung, Deutschland zum allgemeinen Frieden zu motivieren und diesen zu vermitteln, scheiterte im Frühling wie im Sommer 1917. Er war nicht erfolgreich: der Versuch, die Friedensresolution des Deutschen Reichstages für einen Frieden ohne Annexionen und Kontributionen auf der Basis des “status quo ante” zu beeinflussen, mißlang. Auch konnte er die Kriegszielbesprechungen in Wien und Berlin (1. und 2.,14. und 15. August 1917)–Czernin drohte damals mit der Auflösung des deutschen Waffenbundes–nicht zugunsten Österreich–Ungarns führen. Seine Intervention beim deutschen Kronprinzen mit darauffolgendem Handschreiben Kaiser Karls vom 20. August 1917, war vergeblich. Die deutschen Militärs wollten sich nicht für einen raschen Friedensschluß entscheiden. Am Abend vor seinem Geburtstag, er war der 16. August 1917, hatte Kaiser Karl Czernin und Gottfried Hohenlohe mit dem Goldenen Vlies ausgezeichnet. Dieser höchste Orden mit seiner Bindung an den Kaiser und an die Dynastie sollte sie anspornen, der Donaumonarchie in loyalen Verhandlungen den raschen Frieden zu bringen. Wenige Tage später erreichten Kaiser Karl warnende Mitteilungen des Grafen Adalbert Sternberg: der Außenminister habe Kritik an der Amnestie geäußert, jedem der sie hören wollte . Der Herrscher überlegte, den Minister wegen seiner groben Unloyalität unmittelbar nach der Vliesordensverleihung zu entlassen. Im Tratsch der Diplomaten “[...]hetzten die Parma Damen und der Klerus gegen den Minister[...]” und Polzer brachte bereits den Grafen Tarnowski als neuen Außenminister ins Gespräch. Im strengen Bemühen um Objektivität konnte sich Kaiser Karl nicht entschließen, Czernin zu entlassen. Hatte er doch an der Friedenspolitik des Außenministers bis zu diesem Zeitpunkt nichts auszusetzen.
Ende August 1917 war Czernin bereits im Einfluß des neuen deutschen Außenministers Richard von Kühlmann, der mit England über Marqués de Villalobar Geheimkontakte entrieren wollte, die Initiative Papst Benedikts XV und Pacellis beiseite schob und die österreichischen Gespräche mit Frankreich vereitelte. Kühlmann konnte Czernin von seinem Treffen mit dem französischen Minister Painlevé abbringen und auf die deutschen Konzepte fixieren. Man rätselte über die Motive dieses außenpolitischen Kurswechsels. War es die Aussichtslosigkeit, sich von Deutschland zu lösen und dessen Drohung Böhmen zu besetzen? Hatte die Amnestie die Wandlung hervorgerufen? Schließlich kehrte der von Czernin bekämpfte Karel Kramar in die Politik zurück und agitierte für den tschechischen Nationalstaat. Nach Forschungen von Christine Kosnetter–Möcker hatte Gottfried Hohenlohe, der Schwiegersohn des vom Armeeoberkommando enthobenen Erzherzogs Friedrich, am 30.09.1917 den Vliesordensbruder Czernin zur Anschlußpolitik Österreich–Ungarns an Deutschland motiviert. Bereits am 11. September 1917 hatte der ruthenische Abgeordnete Graf Nikolay von Wassilko zu Erzberger geäußert, Czernin wäre der beste deutsche Botschafter in Wien.
Seit damals verschlechterte sich die Beziehung Czernins zu Kaiser Karl zunehmend. Der Kaiser, der die positive Kooperation des Außenministers mit Papst Benedikt XV. wünschte und auf den raschen Friedensschluß drängte, war bereit, zu Galizien auch Schlesien an Deutschland abzutreten. Doch Czernin unterstützte bereits die Pläne Kühlmanns und erfüllte die Wünsche Tiszas. Kühlmann arbeitete an der deutsch–österreichischen Militärkonvention, er umging den päpstlichen Friedensappell.
Graf Tisza, seit 1913 Czernins “Busenfreund”, bekämpfte unnachgiebig alle Versuche zur Föderalisierung der Donaumonarchie. Er forderte den Sturz des Kabinettsdirektors Polzer–Hoditz, der die Donaukonföderation leidenschaftlich verfocht. So war seit September 1917 Graf August Demblin Czernins Vertreter am kaiserlichen Hof. Er ließ sich von seinem Chef auf die negative Beurteilung des Kaisers fixieren, informierte geschickt und betrieb den Sturz Polzers. Am 22. November 1917 konnte der Minister unter Androhung der eigenen Demission die Beurlaubung des Kabinettsdirektors durchsetzen. Czernin hatte den kritischen, intellektuell überlegenen Gegner aus der Nähe Seiner Majestät mit militärischen Erpressungen entfernt, um sich des Kaisers zu bemächtigen.
Angeblich plante Czernin, zuerst im Osten Frieden zu schließen; dann wollte er zurücktreten. Nach dem Einzug der DOHL in Paris und Calais wäre England bedroht, wären die Alliierten zum Frieden „inter pares“ bereit. Erst jetzt müßte Deutschland mit aller größter Anstrengung zum Frieden bewegt, vor Beginn der Friedensverhandlungen der Vertrag von London (26. April 1915) revidiert werden. Am 17. November 1917 lehnte Czernin bereits jeden Sepatatfriedensversuch ab. Er verglich ihn mit“[...]einem Mann,[...] der sich aus Angst vor dem Tode erschießt. [...]Die deutschen Generale werden [...]dafür sorgen, daß Österreich zum Kriegsschauplatz wird. Wir beenden also damit den Krieg nicht, wir wechseln bloß den Gegner und liefern einzelne bisher noch hiervon verschonte Provinzen, so Tirol und Böhmen, der Kriegsfurie aus, um schließlich doch zertrümmert zu werden.[Hervorhebung d. d. Vfin ] Auf der anderen Seite können wir vielleicht in einigen Monaten den allgemeinen Frieden zusammen mit Deutschland haben–einen erträglichen Verständigungsfrieden–,wenn die deutsche Offensive gelingt. Der Kaiser verhielt sich [bei diesem Gespräch]mehr schweigend. In seiner Umgebung zieht der eine rechts, der andere links; wir gewinnen dabei nichts bei der Entente und verlieren immer mehr an Vertrauen in Berlin. Wenn man zum Feinde übergehen will, so möge man es machen,[...]aber fortwährend Verrat zu posieren, ohne ihn durchzuführen, kann ich nicht für eine kluge Politik halten”.
Im Oktober 1917 hatte Czernin überlegt, wegen eines Konfliktes mit Wilhelm, II. und wegen gegensätzlicher Auffassungen zur deutschen Militärkonvention seinen Rücktritt anzubieten, was er unter dem Einfluß Reverteras unterließ. In einem Brief an Kaiser Karl kritisierte er indirekt die Amnestie, prophezeite die Revolution. und wiederholte alte Topoi, die sich in seinen Briefen an Franz Ferdinand finden. Kaiser Karl ließ, um politische Geheimnisse zu sichern, den Minister im Amt. In den Couloirs der Diplomaten handelte man wieder den ehemaligen k.u.k. Botschafter in Washington, Graf Adam Tarnowski, als seinen Nachfolger. Czernin führte die Friedensverhandlungen mit Rußland und der Ukraine persönlich. Er kooperierte mit Kühlmann und erfüllte mit der Abtretung des Cholmer Landes die Intentionen Hindenburgs und Ludendorffs.
DIE CLEMENCEAU ODER– SIXTUS -AFFAIRE.
Um Weihnachten 1917 unternahm Kaiser Karl selbst vertrauliche Friedensschritte, Czernin war davon zum Teil informiert worden. Als Mitte Jänner 1918 in Wien, dann auch in Böhmen große Streiks ausbrachen, erwachte im Außenminister das Trauma seiner Jugend. Revolutionsängste und Untergangsvisionen versetzten ihn in große Erregung. Er wurde gereizt, fahrig, sprunghaft, nervös, vergeßlich, unsicher, oberflächlich und hysterisch. In diesem Zustand forderte er von Kaiser Karl die Entlassung des Ernährungsministers, den Sturz des österreichischen Ministerpräsidenten Seidler und vorbereitende Strategien für einen Revolutionsausbruch. Kaiser Karl, der nach Ausgleich und Konsens mit der unter dem Krieg schwer leidenden Bevölkerung strebte, sabotierte Czernins Bemühungen. Daraufhin dürfte der Minister den Stab über Kaiser Karl und seine Politik gebrochen haben. Er begann mit geheimen Vorbereitungen, um ihn zum zeitlich begrenzten Regierungsverzicht zu veranlassen und eine Regentschaft einzusetzen. Kaiser Karl selbst berichtet von Intrigen der Erzherzogin Isabella, sie war die Schwiegermutter von Prinz Gottfried Hohenlohe, beim spanischen Hof. Czernin sicherte sich die Zustimmung der Statthalter und Provinzgouverneure für Maßnahmen bei einem Putsch. Sein Plan reifte dann in Rumänien zum Entschluß. Denn Kühlmann hatte ihn noch in Brest Litowsk von den geheimen österreichischen Separatfriedensgeprächen Lammasch–Herron informiert, die ihm Kaiser Karl verschwiegen hatte. Lammasch, der Todfeind Czernins, sollte in einer künftigen Donaukonföderation Außenminister werden! Daneben gab es die lauten Proteste der Polen gegen die Abtretung des Cholmer Landes, die Kompensation für den Friedensvertrag mit der Ukraine. Der polnische Regentschaftsrat unterbrach sogar die Beziehungen zum Habsburgerstaat. Czernin fürchtete um Position und Popularität. Am 28. Februar 1918 konnte er die Zustimmung des Herrenhauses zu seiner deutsch orientierten Politik gewinnen. Nicht der Verständigungsfriede und das Konzept der Féderation danubienne, wofür Lammasch in seiner damaligen Rede kämpfte, erhielten das Votum der Herren; sie begehrten begeistert den Sieg–und Diktatfrieden nach den militärischen Illusionen Hindenburgs und Ludendorffs. Czernin hatte vor der ersten Kammer des Reichsrats über die politischen Ideen Kaiser Karls gesiegt. Während er wiederholt mit seiner Demission spielte, erhielt das junge Kaiserpaar Ende Februar oder anfangs März 1918 in Baden die vertrauliche Nachricht von einem bevorstehenden Staatsstreich. Es begann, Papiere zu verbrennen. Vorsichtig setzte auch die Propaganda Czernins, Kaiser Wilhelms II. und der Obersten Heeresleitung ein: Kaiser Karl würde Deutschland verraten.
Czernin war nach Rumänien gefahren, wo man den Vorfrieden von Buftea verhandelte . Sobald das Verhandlungsergebnis feststand, wünschte er, den Delegationen Österreich–Ungarns, Rechenschaft über die Außenpolitik zu geben und seine bei den Nationalitäten ins Wanken geratene Position zu festigen. Wegen der Osterferien konnten die Delegationen nicht mehr einberufen werden. Nun wünschte Czernin, den Wiener Gemeinderat zu informieren. Am Ostersonntag (31.03.1918) übergab er dem Kaiser das Typoskript seiner angekündigten Rede. Kaiser Karl dürfte den Text nicht oder nur “diagonal” gelesen haben. Es ist sicher, daß sie Czernin und nicht Demblin dem Kaiser in Baden vorgelegt hatte. Der Außenminister hielt diese Rede dann am Osterdienstag, den 02. April 1918, im Ministerium “am Ballplatz” zum großen nachträglichen Mißfallen des Kaisers. Die Delegation des Wiener Gemeinderates ersuchte um die Erklärung der allgemeinen politischen Lage, Czernin antwortete ausführlich. Sein Text war so abgefaßt, daß er “vor den Kulissen” informierte und “hinter den Kulissen” den Kaiser kritisierte. Bis heute wurde diese Rede nur selektiv rezipiert. Das Kaiserpaar, wie zeitgenössische Zeugen–z.B. Graf Revertera–standen ausschließlich unter dem Schock der Provokation Frankreichs.
Czernin behandelte zuerst die Friedensschlüsse im Osten, hob ihre wirtschaftlichen Vorteile für Österreich hervor und verteidigte den Diktatfrieden mit Rußland. Dann kam er auf den Krieg im Westen und auf die Separatsfriedenstendenzen der USA zu sprechen, strich die Bündnistreue Kaiser Karls zu Deutschland hervor und erwähnte die angeblich verspätete Übermittlung seiner, Czernins, Rede vom 24. Jänner 1918 an Wilson. Der Außenminister identifizierte sich mit der deutschen Politik und mit dem Beginn der Westoffensive. Sie resultiere allein aus dem französischen Chauvinismus. “[...]Gott ist mein Zeuge, daß wir alles versucht haben, was möglich war, um die neue Offensive zu vermeiden. Die Entente hat es nicht gewollt. Herr Clemenceau hat einige Zeit vor Beginn der Westoffensive bei mir angefragt, ob ich zu Verhandlungen bereit sei und auf welcher Basis. Ich habe sofort im Einvernehmen mit Berlin geantwortet, daß ich hiezu bereit sei und gegenüber Frankreich kein Friedenshindernis erblicken könne als den Wunsch Frankreichs nach Elsaß–Lothringen. Es wurde aus Paris erwidert, auf dieser Basis sei nicht zu verhandeln. Daraufhin gab es keine Wahl mehr.[...]” Das war falsch. Graf Czernin selbst hatte Reverteras Friedenssondierungen, die nicht auf Clemenceaus Initiative und nur mit seinem Einverständnis geführt wurden, gestoppt.
Schließlich behandelte der Minister das besiegte Serbien. Er trug die Utopie vom letzten Balkankrieg vor und propagierte als Friedensziel der DOHL das moralische Recht und die physische Kraft, um den Frieden zu erzwingen. Schließlich geißelte er die “nach Frieden winselnden” Kriegsverlängerer und Defaitisten. Goethe modifizierend, apostrophierte er den Kaiser selbst, dann die Annexionisten, Alldeutsche, gewisse politische Führer des tschechischen Lagers, die “Dreikönigsdeklaration”, wie “die Masaryks” in Österreich. Sie hätten den österreichischen Staatsgedanken verleugnet, Teile Ungarns beansprucht und mit dem feindlichen Ausland unter dem Schutz der Immunität verhandelt. Czernin rief zum Kampf gegen den Hochverrat auf. Zu diesen innenpolitischen Themen hätte er die Zustimmung von Ministerpräsident Seidler benötigt, auf die er aus naheliegenden Gründen verzichtete.
Die politischen Wirkungen von Czernins Rede waren explosiv und irreparabel. Der Minister hatte vor der Weltöffentlichkeit innenpolitische Krisen der Donaumonarchie preisgegeben, geheime Separatfriedensgespräche mit Frankreich verlautbart, es beschuldigt, den Frieden verhindert und die Offensive erzwungen zu haben ! Clemenceau erhielt Czernins Rede während einer Frontinspektion. Er quittierte sie mit der Bemerkung, Czernin lüge. Zwischen dem 03. und 10. April folgte ein Pressekrieg. Schrittweise gab Czernin die Friedenssondierungen von Armand–Revertera und Smuts–Mensdorff preis. Als Clemenceau verdeckt auf die Verhandlungen des Prinzen Sixtus vom Frühling 1917 anspielte, dementierte der Minister.
Am 08. April 1918 erschien Graf Nikolaus Revertera am Ballhausplatz. Er wünschte Aufklärung über die offizielle Bekanntgabe seiner geheimen Sondierungen. Als Motiv für das diplomatisch ganz unübliche Verhalten nannte Czernin den Sturz Clémenceaus. Revertera war der Ansicht, “dass die Action das geradezu entgegengesetzte Resultat zeitigen würde. Leider behielt ich recht.”
Am 09 April 1918 erreichte Czernin in Bukarest die Nachricht, Clémenceau habe den Sixtusbrief in die Diskussion gebracht. Es folgte ein höchst dramatisch inszeniertes Hugh–Gespräch mit Kaiser Karl, der entsprechend seiner Abmachung mit dem Prinzen, die Friedenssondierung zu leugnen beabsichtigte. Der Minister, vereinbarte mit dem Kaiser, “[...]Seine Majestät war damit sehr einverstanden und wiederholte, wie es seiner Gepflogenheit entsprach, < in einem brief an prinzen von parma ist niemals etwas politisches gestanden>“[Hervorhbg d.d.Vfin]. Noch bevor Czernin in Wien den Grafen Wedl informieren konnte, kannten die Deutschen die Hintergründe seiner überstürzten Abreise. Am 10. April bezichtigte er Clemenceau öffentlich der Lüge. Am 11.April war er mit Dr. Gratz und mit den beiden Ernährungsministern bei Kaiser Karl in langer Audienz. Man beschloß, die Kopie des fraglichen Sixtusbriefes zu kontrollieren. Die geheimen Papiere, im Schlafzimmer der Kaiserin in Sicherheit gebracht, waren erst am Nachmittag des 11. April verfügbar. Die Kopie, die Kaiserin Zita in der bewußten Kiste gefunden hatte, war jedoch nicht die Abschrift des nach Paris übermittelten Autographs, sondern ein erster Entwurf. Darin hieß der zur Disposition markierte Satz, Kaiser Karl halte die französischen Rückforderungsansprüche auf Elsaß–Lothringen als nicht gerecht. Am 12. April publizierte Clemenceau zum Beweis seiner Wahrheitsliebe den Originaltext des kaiserlichen Autographs. Dort war der fragliche Passus umformuliert:“[...]daß ich mit allen Mitteln und unter Anwendung meines ganzen persönlichen Einflusses bei meinen Verbündeten die gerechten Rückforderungsansprüche Frankreichs mit Bezug auf Elsaß–Lothringen unterstützen werde[...].” Der Text war mit Zusätzen über Belgien und Rußland erweitert. Inzwischen hatte ein “Kobold” am Quai d`Orsay Papiere auf dem Schreibtisch Clemenceaus vertauscht. Dort lag anstatt des letzten Kommuniqués der Verhandlungen von Revertera–Armand eine Kopie des Sixtusbriefes ! Seine Publikation stellte Kaiser Karl und Czernin bloß. Beide erschienen als Verräter am deutschen Bündnis!
Die Situation war unkorrigierbar, die Konfrontation Kaiser Karls mit Czernin am Nachmittag des 12. April 1918 sehr peinlich. Welche Fassung des Sixtusbriefes, die Wiener oder die Pariser, stimmte mit dem Original überein ? Herrscher und Außenminister wußten es beide. Nun begann eine Art von Machtkampf um Wahrheit oder Lüge: Czernin suchte den Kaiser zu erpressen. Würde Kaiser Karl die richtige Fassung des Sixtusbriefes zugeben, würde er, Czernin, sofort Berlin verständigen, das angeblich zum Einmarsch in Österreich bereit wäre. [Die Reaktion Wilhelms II. beweist die Unsinnigkeit dieser Drohung. Denn der deutsche Kaiser beschloß, das Dementi Kaiser Karls zu glauben.] Im Verlauf der weiteren Unterredung erkundigte sich Czernin bei Kaiser Karl, ob er sich an den zweiten Sixtusbrief vom 09. Mai 1918 erinnere. Er fehlte im Schlafzimmer der Kaiserin und war im Außenministerium aufbewahrt worden! Kaiser Karl verneinte mit Entschiedenheit: der Stress von Frontreisen und Alltag–er empfing täglich bei hundert Personen –hatte diesen zweiten Brief, zu dem die Gegenzeichnung Czernins erfolgt war, verdrängt. Seltsamerweise zog jetzt der Außenminister ein eigenhändig beschriebenes Blatt aus seiner Tasche, in dem der Kaiser sein Ehrenwort geben sollte, daß er nur einen Brief an den Prinzen Sixtus von Bourbon geschrieben habe, daß die dem Minister des Äußeren übergebene Copie des Briefes wortgetreu und authentisch wäre und daß Prinz Parma nicht ermächtigt war, der französischen Regierung diesen Brief zu zeigen. In dem Schriftstück wurde Belgien gar nicht erwähnt. Der Absatz über Elsaß–Lothringen wäre in dem Entwurf Clemenceaus gefälscht.” Also: Czernin hätte den ersten Entwurf des Sixtusberiefes nachträglich erhalten, sonst nichts gewußt und den zweiten Sixtusbrief nicht gegengezeichnet! Kaiser Karl sollte das öffentliche Dementi, das dem Hugh–Gespräch vom 09.April 1918 entsprach, ehrenwörtlich bestätigen. Der an den Verhandlungen beteiligte Minister, wollte es schriftlich haben, daß Kaiser Karls Brief an Prinz Sixtus ein Privatbrief und keine Staatsangelegenheit gewesen sei. Als sich der Kaiser entrüstet weigerte, dieses Ehrenwort zu unterschreiben, drohte der Minister wieder mit dem deutschen Einmarsch. Gleichzeitig sicherte er zu, das Schriftstück ausschließlich der Familienüberlieferung dienend, in seinem Schreibtisch aufzubewahren. Beim Ringen des Kaisers mit Czernin drohte dieser schließlich mit Selbstmord. Dazu Kaiser Karl:”[...]ich gab ihm dies Ehrenwort, weil ich sah, daß Czernin damals nicht ganz normal war[...]und weil die von ihm angedrohte Bekanntgabe des Inhaltes an Deutschland zu einem schweren Conflikt mit diesem Staat geführt haben würde, wenn nicht zu einem Krieg, und ich schließlich auch die Verhandlungen mit dem Deutschen Kaiser über Elsaß–Lothringen–Galizien nicht der hiesigen Öffentlichkeit verraten konnte.” Als die Audienzen jenes Freitags (12. April 1918) vorbei waren, versuchte Kaiser Karl telephonisch, Czernin von der Veröffentlichung des Kommuniqués abzubringen, das Demblin bereits, dem Ehrenwort entsprechend, formuliert hatte. Der Kaiser dürfte an die Ministerverantwortlichkeit appelliert und von Czernin verlangt haben, die volle Verantwortung für den von ihm verursachten Vorfall zu übernehmen. Der Außenminister sollte öffentlich zu dem Friedensversuch durch Prinz Sixtus stehen und den Kaiser “decken”, dessen verfassungskonformes Verhalten bestätigen. Czernin lehnte ab. Er drohte wieder mit Selbstmord und das Kommuniqué ging hinaus.
In einem offenen Telegramm an Kaiser Wilhelm II. prangerte Czernin die Unwahrheiten Clemenceaus an und ließ Kaiser Karl seine vollständige Solidarität mit den deutschen Kriegszielen versichern. Redlich bezeichnete diese Depesche als “[...]die tiefste Demütigung des Hauses Habsburg[...]” Andere sprachen von einem „Vasallentelegramm”.
“Gf Czernin, den ich heute besuchte, war sehr elegisch und einsilbig,” telegraphierte Wedl nach Berlin. Die gegenwärtige Situation sei günstig, um die Militärkonvention und andere Bindungen zu verankern, Die Lage könnte sich bald ändern, denn, wie Wedl aus “guter Quelle” wüßte, arbeite das Haus Parma am Sturz des Ministers. In Wahrheit arbeitete Czernin am Sturz des Kaisers. Am Samstagmorgen, den 13. April 1918, fuhr er zur Audienz nach Baden.Kaiserin Zita notierte dazu in ihre Tagebuch: Der Kaiser hatte nach der Aufregung der letzten Tage einen Herzkrampf erlitten, “konnte ihn[Czernin] nicht gleich empfangen, bat mich, ihn anzuhören. Ich spreche mit ihm von 10 Uhr bis 11 ¾ [...]Vorschlag: um die Brüder zu retten[...]muss S[eine ]M[ajestät] erklären, er leide an zeitweiligen geistigen Lücken; er ziehe sich von der Regierung zurück, da er in so einem Anfall den Clem[enceau] Brief geschrieben habe. Cz[ernin] wird der , Regent, der aber nichts zu sagen hat, Erzherzog Eugen; sie verhandeln einen Anschluss an Deutschland und wenn alles perfect ist, kann S[eine] M[ajestät] als gesund erklärt werden. S[eine] M[ajestät] lehnt kathegorisch ab. Zuerst durch mich, dann steht er auf und kommt nochmals selber sagen. Als ich Refus überbringe, schlägt er [Czernin] Selbstmord à trois vor. Als er sagte, er wisse die Clem[enceau Fassung] sei die richtige, sagte ich ihm: < Dann geben Sie mir das gestrige Schriftstück[Ehrenwort]zurück!> Er weigerte sich, sagend, er bräuchte es, um seinen Kindern einen ehrenvollen Namen zu hinterlassen.” Der Kaiser wies Czernins Zumutung ab, sich “als halb geistesgestört à la Kaiser Ferdinand erklären zu lassen und sich nach Reichenau oder Brandeis in volle Einsamkeit zurückzuziehen”. Czernin , noch immer nach dem “Minister des kaiserlichen Hauses” strebend, wähnte sich jetzt am Ziel.
Bei dieser Audienz hatte Kaiser Karl dem Vorschlag, einen Kronrat einzuberufen, zugestimmt. Czernin wollte klären, wer den Kaiser im Verhinderungsfall vertrete und die Regentschaftsfrage prinzipiell regeln. Nach dem Tagebuch Demblins fand dieser Ministerrat mit den drei gemeinsamen Ministern und den beiden Ministerpräsidenten unter dem Vorsitz des Kaisers am 14. April 1918 um 11 Uhr im Kaiserhaus statt; Demblin führte das Protokoll. Während einer Pause des Ministerrates gingen der Kaiser und Czernin ins Nebenzimmer “[...] Furchtbare Scene mit Cz[ernin],” notierte Kaiserin Zita: “Er versucht, den Kaiser nochmals zum Rücktritt zu bewegen. Als das nicht gelingt, bekommt er eine Crise des nerfs, weint, und gibt plötzlich seine Demission, die S[eine ]M[ajestät] sofort annimmt[...].” Nach Abschluß des Ministerrates jubelte Czernin, “[...] die Bürde los zu sein[...]. ” Trotzdem scheint er gehofft zu haben, der Kaiser würde ihn bitten, noch einige Wochen weiter im Amt zu bleiben. Der Kronrat war “im Sande” verlaufen.
Kaiser Karl beendete die “Clemenceau–Sixtusaffaire”, wie er es am 09. April 1918 angekündigt hatte. Das öffentliche Kommuniqué des Außenministeriums hielt fest: “[...]Die letzten Ausführungen Herrn Clemenceaus ändern nichts an der Wahrheit der bisherigen Erklärungen des k.u.k. Ministeriums des Äußern.”[...] Weder Prinz Sixtus von Bourbon, noch eine andere spezielle Persönlichkeit würden einer Fälschung beschuldigt.”[...]da vom k.u.k. Ministerium des Äußern nicht festgestellt werden kann, wo die Unterschiebung des falschen Briefes erfolgt ist[...] wird die Angelegenheit als beendet erklärt[...].” Im persönlichen Telegramm an Wilhelm II. lehnte es Kaiser Karl ab, mit Frankreich noch über die Anschuldigungen Clemenceau`s zu diskutieren.”[...] Unsere weitere Antwort sind meine Canonen im Westen[...]” Spottend schrieb der deutsche Kaiser an den Rand: des Telegramms: “Die sind fort und ohne Munition.” Kaiser Karl zeigte General von Cramon das Konzept des Sixtusbriefes, dann unternahm er die verschobene Reise nach Budapest. Er war sich der Vertrauens–und Identitätkrise, die nun die Bevölkerung erfaßte, sehr bewußt.
Kaiserin Zita fragte sich, warum Kaiser Karl Czernin damals nicht hatte verhaften lassen. Die “[...]Polizei weigerte sich. [Die] Presse wagte es auch nach seinem Abgang nicht anders zu schreiben, als er befohlen hatte[...],”
Da niemand Geeigneter zur Verfügung stand, übertrug der Kaiser das Außenministerium dem von ihm selbst 1916 enthobenen Baron Burián. Als loyaler Diplomat, konnte er ohnehin nur mehr den ganz deutsch orientierten Kurs, den Graf Czernin bewußt gelenkt und mit seiner Stellung bezahlt hatte, fortsetzen. Die gleichzeitig ausgebrochene ungarische Regierungskrise, die zum Rücktritt des Ministerpräsidenten Wekerle führte, war ohne Zusammenhang mit den Ereignissen um die Sixtusaffaire. Die Vorsprache von Erzherzog Friedrich bei Kaiser Karl entdeckte nur Czernins Absicht, den Erzherzog für die angestrebte Regentschaft als Strohmann zu benützen.
Inzwischen war um die Demission des Grafen Czernin ein nationaler und internationaler Pressewirbel ausgebrochen. Czernins Popularität war auf Gelder zurückzuführen, mit denen er die Presse gekauft hatte. Es brach ein “Czernin- Kultus” aus. Die Stadt Wien hatte ihm das Ehrenbürgerrecht verliehen, in Salzburg und Innsbruck wurden nach seiner Entlassung schwarzen Fahnen ausgehängt. In der verwirrten und verwirrenden Diskussion um die Mission des Prinzen Sixtus sparte Czernin nicht mit Andeutungen. Der Abenteurer der großen Welt spielte mit dem kaiserlichen Ehrenwort, das er angeblich nur für seine Familienüberlieferung brauchte.
Tatsächlich war auch Czernins Drohung mit der Erschießung der beiden Parma Prinzen, womit der er den Kaiser erpreßt hatte, eine Chimäre.
Am 19 April 1918 erschien der entlassene Minister zur Ausdienz bei Kaiser Karl. Er schied mit den Brillanten zum Stefansorden hoch auszeichnet und belobt aus dem Amt. Konzessionen an die öffentliche Meinung und das Bemühen, den mißglückten Staatsstreich zu vertuschen? Zusammen mit Czernin demissionierte auch der Erste Obersthofmeister, Prinz Konrad Hohenlohe, aus Gesundheitsrücksichten. War er für die katastrophale Verschuldung des Wiener Hofes verantwortlich und scheute er die Konsequenzen? Ihm folgte Graf Joseph Hunyady, womit jetzt alle Hofämter mit Ungarn besetzt waren. Czernin fuhr mit Familie und Personal (insgesamt 14 Personen) nach Abbazia in die Villa Mauritia, um sich zu erholen. In Abbazia begegnete er auch Alois Schönburg. Der entlassene Minister war sehr verärgert und schien bereit zu sein, Konsequenzen aus seinem Rücktritt zu ziehen, was ihm der Fürst entschieden widerriet. Diese Konsequenzen zog Czernin erst 1920, als Prinz Sixtus die Wahrheit über das österreichische Friedensangebot von 1917 in französischen und englischen Zeitungen publizierte.
Zwei Tage nach Czernins Demission besprach Wilhelm II. die politische Situation mit Reichskanzler Hertling, speziell die Vorgänge in Wien. Der deutsche Kaiser machte die ganz unschuldige Herzogin Maria Antonia von Parma, zum Sündenbock, die er als “fanatische Feindin des Hauses Hohenzollern” apostrophierte. “[...]Kaiser Karl wünsche vor Allem(sic!) den Frieden, er sei von größter Angst erfüllt, daß die D[onau]-Monarchie nicht mehr länger werde durchhalten können und habe dabei den Ehrgeiz, der Welt den Frieden zu bringen und dadurch dem Deutschen Kaiser den Rang abzulaufen. Seine Angst mache ihn unaufrichtig, wie die Angelegenheit des Briefes an den Prinzen von Parma beweise, wovon Czernin keine Ahnung gehabt habe. Bei alle dem müßten wir nach Außen jeden Schein der Unstim[m]igkeit vermeiden und an dem Bündniß(!) festhalten[...]” Es war die altbekannte dynastische Rivalität, der Widerstand des Hohenzollern gegen den von Habsburg vermittelten Frieden. Im übrigen war es die Version Czernins zum Friedensversuch des Prinzen Sixtus. Wilhelm II. überlegte nur mehr die Form, in der Österreich–Ungarn zu Militärkonvention, Zoll–und–Wirtschaftsbündnis veranlaßt, tatsächlich der Vasall Deutschlands werden sollte.
In der Clémenceau–Sixtus–Affaire war das Verhältnis der Regierungen zu den Parlamenten international ähnlich. Die beiden Ministerpräsidenten Österreich–Ungarns, Seidler und Wekerle deckten den Kaiser und König. Seidler stellte klar, daß Czernin von den Friedensbemühungen des Prinzen Sixtus gewußt, sie gebilligt, geleitet und jetzt seine Ministerverantwortlichkeit verletzt hatte. Auch Deutschland wäre informiert worden, es hätte der Aktion zugestimmt. Die Regierungen Großbritanniens und Italiens wanden sich mit unehrlichen Tiraden aus der öffentlichen Debatte, Frankreich lehnte sie ab. Die Schweiz bedauerte den Blindgänger in den Friedensbemühungen.
Aus überseeischer Perspektive sah Robert Lansing sehr klar die politischen wie militärischen Folgen dieser österreichisch–französischen Affaire:
„Die Aktion Mr. Clemenceaus zum Brief Kaiser Karls an Prinz Sixtus von Bourbon über Elsaß–Lothringen, die gestern publiziert wurde, ist meiner Meinung nach ein Stück der erstaunlichsten Dummheit, wofür man keine befriedigende Entschuldigung vorbringen kann. Dachte Clemenceau, Graf Czernin als Lügner zu überführen, hatte er wahrscheinlich Erfolg, aber um welchen Preis ! Seine Enthüllung hat Österreich vollständig (mit Haut und Haaren) in die Arme Deutschlands getrieben. Der Kaiser von Österreich hat nun keine andere Wahl, als zu schweigen („to eat his words“) und in eindeutigster Formulierung seine Loyalität gegenüber seinem dominierenden Verbündeten und dessen Zielen zu bekräftigen. Sogar wenn Karl anders handeln wollte, verhinderte das die Dummheit Clemenceaus und die Angst vor Deutschland.
Die geheimen Gespräche mit Lammasch und anderen persönlichen Gesandten (Emissären) des österreichischen Herrschers, welche in der Schweiz geführt wurden, ließen zumindest die entfernte Hoffnung aufkommen, daß im Falle einer deutschen Militäraktion an der Westfront Österreich den Separatfrieden in Betracht ziehen würde. Clemenceau macht den unentschuldbaren Unsinn und gießt Öl ins Feuer. [...] Unglücklicherweise besitzt der “Tiger von Frankreich” keine bessere Kontrolle über seine Impulse, zum Schaden für sein Land und für die Verbündeten Frankreichs.
Es gab immer die Möglichkeit von Ergebnissen, die aus dem evidenten Wunsch des österreichischen Kaisers nach Frieden um jeden Preis resultierten. Diese Möglichkeit hat die Narretei Clemenceaus vernichtet. Durch diese verrückte Handlung wurde Karl gezwungen, mit dem Kaiser [Wilhelm II.] das Los (Schicksal) zu teilen. Alles, was wir getan haben, ist umsonst. Wir können alle inoffiziellen Konferenzen, die wir hatten, vergessen.
Angesichts der krassen Stupidität des französischen Führers müssen wir uns erst an die neue Situation gewöhnen, die er verursacht hat. Erstens ist für mich nicht erkennbar, wie Czernin an der Spitze der österreichischen Regierung bleiben kann, er wird sicher resignieren müssen. Denn entweder wußte er vom Brief des Kaisers und log, oder er besaß nicht das volle Vertrauen seines königlichen Herrn. In jedem Fall muß seine Resignation erfolgen. Er kann nicht anders. Wenn Czernin resigniert, wird Kaiser Karl zweifellos einige Prodeutsche in sein Kabinett berufen. Es kann sogar Burián sein. Das ist die Logik der Situation. Obwohl Czernin in einem bestimmten Ausmaß pro–deutsch war, hatte er zweifellos Sehnsucht nach dem Frieden. Sein Nachfolger wird in radikalerer Form pro–deutsch und zugänglicher für deutsche Einflüsse sein. Wir werden durch den Regierungswechsel einen entscheidenden Vorteil verlieren und keine Möglichkeit haben, uns dem neuen “Premier” geheim zu nähern oder kaiserlichen Einfluß auf den Frieden zu gewinnen. Nur ein militärischer Sieg an der Westfront kann das Tor, das Clemenceau laut und heftig zugeschlagen hat, wieder öffnen. [...]”
In der Vorlage, dann gestrichen:
“Clemenceau und sein persönlicher Stolz gehören auf den Galgen. Er hat den Teufel geweckt und wir können für sein ungezügeltes Benehmen zahlen. Obwohl er in vieler Hinsicht großartig ist, hat er sich selbst als Amateur auf dem Parkett der Diplomatie gezeigt.”
Und Graf Ottokar Czernin, der Vliesritter ?