KAPITEL XVI – DER PROPAGANDAKRIEG: “DIE UNTERDRÜCKTEN VÖLKER ÖSTERREICH–UNGARNS.”

Die Verwirklichung der politischen Ziele von Masaryk und Beneš war im Jänner 1918 ganz ungewiß. Die anglophile Welt schien nach der Niederlage von Caporetto bereit, die Pläne zur Zerstörung Österreich–Ungarns und zur Errichtung des tschechischen Nationalstaates fallenzulassen. Die Friedenssondierungen von Smuts–Mensdorff, die Reden von Lloyd George und Wilson ließen darauf schließen, . Beneš und Masaryk, die beiden Führer der Exiltschechen, waren als harte, unermüdliche Arbeiter rücksichtslos gegen sich selbst, von ihrem Ziel “hypnotisiert” und nicht zu entmutigen. Ihre Wege führten über die Propaganda zur Politik. Sie kannten Repräsentanten und Mitarbeiter von Kriegspropagandabüros und Nachrichtenabteilungen in Rom, Paris, London und der Schweiz, mit einigen von ihnen waren sie sogar befreundet. Auch mit Henry Wickham Steed, dem ehemaligen Auslandskorrespondenten der “Times” in Wien, mit dem schottischen Privatgelehrten Robert William Seton–Watson und mit Clemence Rose, der einstigen römischen und Wiener Korrespondentin der “Morning Post”. Diese protestantischen Journalisten hatten fast ein Jahrzehnt vor dem Krieg in Österreich–Ungarn gelebt und über das Nationalitätenproblem in der Donaumonarchie wie über die Menschen der Reichs–und Residenzhauptstadt berichtet. Geprägt von den Prinzipien des “law and order”, konnten sie die staatlich–religiöse Tradition der katholischen Habsburger kaum ernsthaft begreifen, wenn sie auch manches richtig und interessant überlieferten. Steed stieß sich am Gottesgnadentum Kaiser Franz Josephs, den er denunzierte, es überzogen zu repräsentieren und nur den eigenen Vorteil und jenen seiner Familie zu suchen. Steed kritisierte auch die dualistische Staatsform der Donaumonarchie und die Regierungsform Österreichs mit dem Notstandsparagraphen, den er als konstitutionellen Absolutismus brandmarkte. Er beschuldigte den Kaiser, das ungarische Parlament für eigene Zwecke zu mißbrauchen. Als respektables Kleid würde die Verfassung die Blößen Österreich–Ungarns, den bürokratischen und imperialen Absolutismus, bedecken. Steed sympathisierte mit den Slawen und propagierte Demokratie nach englischem Muster. Selbstkritik von Österreichern, Ungarn und Slawen lieferte ihm die Argumente gegen den Habsburgerstaat, den er, als halb orientalisch, nicht zur westlichen Welt sondern zu Asien gehörend, bezeichnete . Außerordentlich intelligent und als Propagandist hervorragend, tendierte Steed zur Labourparty. Er war mit 31 Jahren Auslandskorrespondent der “Times” und galt im Pressekonzern von Lord Alfred Northcliffe als Experte für Zentraleuropa. Seine Berichtete gingen mit der britischen Außenpolitik konform. Unter dem k.u.k. Außenminister Agenor Goluchowski (1859–19o6) schrieb er freundlich über Österreich–Ungarn. Als sich nach der Annexion von Bosnien–Herzegowina (1908) die Politik Großbritanniens gegenüber der Habsburgermonarchie wendete und der deutsch–britische Konflikt um die Hegemonie in Europa ausbrach, veränderte sich auch Steeds Meinung. Er geriet mit dem neuen Außenminister Graf Alois Lexa von Aehrenthal in Konflikt, attackierte das Nationalitätenproblem, die Magyaren und den Minister selbst. Mit seiner Kritik beeinflußte er auch den um fünf Jahre jüngeren Seton–Watson, der seit 1906 den Großteil jeden Jahres in Österreich verbrachte. Seton–Watson studierte das Nationalitätenproblem in Ungarn und auf dem Balkan und journalisierte unter dem Pseudonym Scotus viator. Er veränderte analog zu Steed seine zuerst positive Haltung in eine kritisch negative Beurteilung der Habsburgermonarchie, angeblich wegen des Agramer Hochverats–und des Friedjungprozesses.
Man begegnete Steed und Seton–Watson in den Salons der Wiener Gesellschaft. Aehrenthal, über Steeds zunehmende Hetze gegen Österreich–Ungarn empört, beschwerte sich in London, so daß der Journalist seinen Posten in Wien aufgeben und nach England zurückkehren wollte. Tatsächlich verließ er Wien als neuer Leiter der Auslandsberichterstattung der “Times” erst 1913 statt 1910. Danach veröffentlichte er sein Buch “The Habspurg Monarchy”, dessen erste Auflage in Österreich wegen der Majestätsbeleidigung Kaiser Franz Josephs verboten wurde.
Steed und Seaton–Watson hatten auch Renner und Masaryk kennen gelernt und den Zugang zum Kreis um den Thronfolger gefunden. Steed gestand sogar Erzherzog Franz Ferdinand die Fähigkeit zu, die Talfahrt Österreich–Ungarns zu stoppen. Unmittelbar nach Kriegsausbruch entwickelten die beiden Briten enge, freundschaftliche Beziehungen zu Thomas Masaryk, den Seton –Watson im Oktober 1914 in Rotterdam begegnete. Seit Frühling 1915 unterstützten sie ihn im Londoner Exil und öffneten ihm ihre Häuser als Stützpunkte für seine Arbeit. Man diskutierte das Programm des “Neuen Europa”, das Seton–Watson in der von ihm gegründeten und selbst finanzierten Wochenschrift “The New Europe” publizierte. Er veröffentlichte darin auch Masaryks haßerfüllten Aufsätze gegen Österreich–Ungarn, gegen die katholische Kirche und zur die Bildung slawischer Nationalstaaten. Der tschechische Philosophieprofessor bekämpfte den Pangermanismus, bezeichnete Österreich–Ungarn als Kolonie Deutschlands und verstärkte die Angst Großbritanniens vor dem Streben der Deutschen nach Weltmacht.”[...]Es wird nur dann möglich sein, Deutschland zu isolieren, wenn Österreich–Ungarn in seine natürlichen Bestandteile aufgelöst wird; Österreich–Ungarn ist der Haupthelfershelfer und Mitschuldige Preußens und des preußischen Deutschlands (sic!)[...]” Europa müßte auf der Basis der Demokratie neu organisiert werden, der “Homo Europeus” sollte sich aus seinem neuen Bewußtsein für den dauernden Frieden entscheiden. Masaryk forderte die sittliche Umerziehung der Völker und definierte die Demokratie als Überwindung der Theokratie. Eine slawisch dominierte Donaukonföderation würde als Barriere, von Südwesten nach Nordosten ziehend, den deutschen Expansionsdrang stoppen.
Seit April 1917 arbeiteten Steed und Seton–Watson beim Britischen Nachrichtendienst für die Kriegspropaganda. Diese “Experten für Mittel- und Osteuropa”. integrierten die Ideen Masaryks und leiteten sie in die Propagandabüros Frankreichs und Italiens weiter.
Ende 1917 und anfangs 1918, als Masaryks Ideen und Ziele unrealistisch zu werden begannen, ermutigten ihn die britischen Freunde, indem sie ihre antiösterreichischen Aktivitäten fortsetzten. Die Strategie zur Verwirklichung der zentraleuropäischen Nationalstaatenbildung erkannten sie im Zusammenschluß der österreichisch–ungarischen Exilvertretungen. Seton–Watson gründete in London am 7./8. Dezember 1917 eine anglo–rumänische Gesellschaft zur Stärkung des rumänischen Nationalitätenbewußtseins. Noch vor Beginn der Friedensverhandlungen von Brest Litowsk versuchte er, ein italienisch–jugoslawisches Abkommen zu initiieren. Denn die Forderungen der Italiener nach Triest und seinem hauptsächlich slowenisch besiedelten Hinterland, kreuzten sich mit den nationalen Interessen des Jugoslawischen Komitees. Im Juli 1917 hatte Steed den “Vertrag von Korfu” vermittelt, der die emigrierten Kroaten, Slowenen und Serben zusammenschloß. Sie anerkannten darin die serbische Regierung. Am 18. Dezember 1917 patronierte Steed die Verbindung von Italienern und “Jugoslawischem Komitee,” um Konzessionen und Kompromisse über die ethnischen Grauzonen des Hinterlandes von Triest zu erreichen. Parallel dazu forderten Nord–und Südslawen im Österreichischen Reichsrat eigenständige Vertretungen bei künftigen Friedenskonferenzen.( 5./6. Jänner 1918 “Dreikönigsdeklaration”).
Seton–Watson protestierte bei der britischen Regierung gegen die Gespräche von Smuts und Mensdorff in Genf. Er argumentierte wie Masaryk: Österreich–Ungarn sei nicht mehr imstande, sich von Deutschland zu trennen, weshalb ein Separatfriede der Entente mit der Donaumonarchie sinnlos wäre. Auch das “Jugoslawische Komitee” protestierte im britischen Außenamt gegen eine mögliche Einbeziehung serbischer und rumänischer Territorien in das Habsburgerreich, ein Thema, das bei den Begegnungen von Smuts und Mennsdorff ventiliert worden war.
Schließlich entrierten Steed und Seton–Watson das Bündnis Italiens mit dem “Jugoslawischen Komitee” (25. Jänner 1918). Sie erhoben das in Caporetto vernichtend geschlagene Italien zum moralischen Führer der Alliierten, unter der Bedingung, sich mit dem Programm “der Unterdrückten Nationen” zu identifizieren und sie zu vertreten. Tatsächlich kamen der italienische Ministerpräsident, Orlando, und der Präsident des “Jugoslawischen Komitees,” Ante Trumbic, im Londoner Hotel Ritz überein, die Opposition Sonninos gegen eine Revision des Londoner Vertrages durch eine gewaltige Propagandaaktion des Corriere de la Sera zu überwinden. Ein neuer Mazzinikreuzzug würde die italienische Einigung beschwören und die Verständigung zwischen Italienern und Jugoslawen ermöglichen.
Am 2. Februar 1918 fand in Mailand eine große Versammlung der Faschisten statt, an der Abgeordnete und Senatoren des italienischen Parlaments teilnahmen. Man schlug vor, die “Unterdrückten Nationen Österreich–Ungarns” zu einem Kongreß nach Rom einzuladen, um die gefürchtete Frühjahrsoffensive an der italienischen Front zu vermeiden. Schließlich fanden am 2. März im Londoner Hotel Savoy Verhandlungen statt, bei denen Seton–Watson und Steed vermittelten und Italiener und Jugoslawen im Torre–Trumbic–Abkommen (7. März 1918) einigen konnten. Damit waren die “Unterdrückten Nationen” institutionalisiert, die nationalistischen Exilvertretungen der Donaumonarchie als Zentren ihrer Nationalstaaten proklamiert. Sie hätten durch ihre Mitarbeit an der Zerstörung Österreich–Ungarns ihre Staatseinheit zu vervollständigen. Deshalb würden sie sich zum Kampf gegen ihre Unterdrücker verbünden. Italiener und Jugoslawen würden ihre vitalsten Interessen gegenseitig anerkennen und das Adriatische Meer jetzt und in Zukunft gegen jeden Feind verteidigen. Künftige Konflikte sollten nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker gelöst und die Rechte der Minderheiten gewahrt werden. Das Torre–Trumbic–Abkommen wurde von jenen Delegierten Kroatiens und Slawoniens angenommen, die im Herbst 1917 den Pakt von Korfu in der Schweiz ratifiziert hatten. Der Kongreß der Unterdrückten Nationen war für den 9. April 1918 in Rom geplant.
Lord Alfred Charles Willam Harmsworth Northcliffe war der erfolgreichste Zeitungsherausgeber der britischen Geschichte und Begründer des modernen Journalismus. “[...] er wußte institinktiv, was das neue, halbgebildete Publikum wollte[...].” Sein Aufstieg erfolgte über Unterhaltungsjournale, Kinder–und Jugendschriften, über “Daily Mail” und “Daily Mirror” bis zur Kontrolle über die “Times”, womit er ein gewaltiges Zeitungsimperium regierte. Northcliffe war Freimaurer. Er benützte die “Times” für seine Kriegspropaganda. Während seiner Separatfriedensbemühungen im Sommer und Herbst 1917 sandte Lloyd George Northcliffe als Leiter der Kriegskommission (War Comission) nach den USA, um Probleme in der Kriegsfinanzierung zu beseitigen. Northcliffe erlebte die enormen amerikanischen Kriegsvorbereitungen, machte Stimmung gegen Österreich–Ungarn und stellte Kontakte der Exilvertretungen zu den US–Bürgern aus der Donaumonarchie her. Er bekämpfte die Antikriegsstimmung vom Herbst 1917 und kehrte dann im November nach London zurück. Damals schien es nach den großen militärischen Verlusten nötig, die Kriegspropaganda der Alliierten zu koordinieren. Man wollte Lord Northcliffe das Amt des Kriegsministers anbieten. Unter dem Einfluß Steeds übernahm er statt dessen die Leitung der Feindpropaganda in der britischen Kriegskommission (The British War Mission). Sein Memorandum vom 24. Februar 1918 an Lord Balfour, das Steed verfaßt hatte, war der erste Vorstoß, den Krieg mit Hilfe der Propaganda zu entscheiden: man müsse bei Österreich–Ungarn ansetzen, um Deutschland zu schlagen. Die Bevölkerung der Donaumonarchie sei weder über den tatsächlichen Kriegszustand noch über die enorme Kriegsgefahr aus den USA wahrheitsgemäß informiert. Vor Beginn der Propaganda müßten die Linien der britischen Politik festgelegt sein. Die Zeit dränge, Deutschland kontrolliere die Presse in der Donaumonarchie. Großbritannien könnte entweder mit Kaiser Karl, mit dem Hof und der Aristokratie für den Separatfrieden arbeiten, oder alle anti–deutsch und pro–alliiert eingestellten Völker des Habsburgerreiches unterstützen und damit die Macht der Herrschenden brechen. Northcliffe (Steed) verwarf die Politik des Separatfriedens, die Habsburger, Opfer des dualistischen Systems, könnten sich nicht mehr von Deutschland lösen. Andererseits könnten auch die Alliierten nicht mehr mit Italien brechen. Die Propaganda für alle anti–deutsch und pro–alliiert eingestellten Völker des Habsburgerreiches brauche weder antihabsburgisch noch gegen den römischen Katholizismus gerichtet zu sein. Die Alliierten sollten die Nationalitäten zum Kampf für Selbstbestimmung und demokratische Rechte ermutigen, jedoch nicht die Begriffe von Selbstbestimmung und Nationaler Autonomie verwenden, denn sie hätten in Österreich einen schlechten Klang. Auch möge man sich nicht über die Zerstückelung Österreich–Ungarns äußern. Northcliffe–Steed resumierten: “[...]Der Krieg kann nicht gewonnen werden, ohne Österreich–Ungarn radikal zu verändern und seine Völker der deutschen Kontrolle zu entziehen. Die Habsburger können sogar dazu gedrängt werden, bei diesen Veränderungen mitzuhelfen, würden die Alliierten die antideutschen Völker wirksam ermutigen. Die Habsburger selbst können keine Veränderung herbeiführen, außer im zunehmend prodeutschen Sinn[...].”Dies könnte die Verwirklichung des Naumann`schen Mitteleuropa Konzeptes bewirken. Northcliffe schlug Lord Balfour vor, über Agenturen der Exilgruppierungen von Tschechen, Südslawen und Polen die antiöstrreichische Propaganda zu führen. Italien sei bereit, sich mit den Slawen und Rumänen der Österreichisch–ungarischen Monarchie zu verbinden und sich vom Vertrag von London zu distanzieren Die alliierte Politik solle eine antideutsch dominierte Donaukonföderation und kleine Nationalstaaten anstreben, die Deutschen Österreichs dürften sich an Deutschland anschließen. Lord Balfour konnte für keines dieser Konzepte entscheiden. Er sah in der Ermutigung der slawischen Nationen eine Vorstufe für die Lösung des Nationalitätenkonfliktes, der entweder zur Transformation oder zum Zusammenbruch der Monarchie führen würde.
Steed hatte damit mehr oder weniger freie Hand, seine politischen Ideen zu verwirklichen. Ihm war aufgetragen, die Feindpropaganda der Alliierten zu koordinieren, was er unter der Bedingung akzeptierte, Seton–Watson in seinen Stab zu bekommen. Von London fuhr er zur Konferenz des Interalliierten Rates nach Paris (20. März 1918), wo er mit Clemenceau und Beneš zusammentraf und den Kongreß von Rom vorbereitete. Am 23. März 1918 reiste er zum italienischen Armeeoberkommando nach Padua. Hier begann er, die Spionage an der italienisch–österreichischen Front neu zu organisieren, um die slawisch sprechenden Regimenter der k.u.k. Armee gezielt mit antiösterreichischer Propaganda zu versorgen.
Serbische Freimaurer des Schottischen Ritus wandten sich in einer Parallellaktion an alle Obersten Räte, Großoriente, Großlogen und Logen. Der Bankier Pera Chreplovitch und der serbische Großindustrielle Georges Weifert ersuchten alle pazifistischen Freimaurer, “[...]im Namen der Serben, Kroaten und Slowenen und aller anderen durch Deutsche, Magyaren, Türken und Bulgaren unterdrückten Nationen [...]nicht durch pazifistische Propaganda [gegen die Fortsetzung des Krieges bis zum Sieg durch die Entente] zu opponieren[...]und damit einen unreifen Friedensschluß herbeizuführen, [...]der in naher Zukunft neue Kriege hervorrufen würde[...].” Das Zirkular hetzte gegen Deutschland, polemisierte gegen Österreich–Ungarn und benützte die Amnestie Kaiser Karls als Beweis für die ungerechte und grausame Behandlung der Slawen durch die k.u.k. Kriegsgerichte. Es zieh die Bulgaren der Massaker an Serben, die Türken der Unterdrückung der Christen, periodischer Massaker an Griechen und Syrern, der Morde an Armeniern und der allgemeinen Bedrohung der zivilisierten Welt.
Steed und Seton–Watson begegneten einander am 6. April 1918 in Rom. Der Kongreß der “Unterdrückten Völker”, fand vom 8–11. April am Kapitol statt. Die Symbolik der Ortes repräsentierte Anspruch und Bedeutung dieser Versammlung. Vom Zentrum des antiken Rom wurde die Neuordnung Europas auf der Grundlage des Nationalismus proklamiert, die Vision eines neuen Römischen Weltreiches als Ergebnis des Krieges beschworen, der päpstlichen Friedenspolitik der Kampf angesagt.
Ziele und Schwerpunkte der Konferenz sind an der Zahl der Teilnehmer, an der Liste der Delegationen und an den gewählten Funktionären abzulesen. Der italienische Senator Francesco Ruffini wurde zum Präsidenten , der italienische Journalist Giovanni Amendola zum Generalsekretär des Kongresses gewählt. Je ein Delegierter aus Italien, Frankreich, England und den USA sowie aus den Vertretungen der “unterdrückten Nationen” (Italiener Tschechen, Jugoslawen, Rumänen und Polen) wurden zu stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Unter den Teilnehmern bildeten 26 Italiener die größte Gruppe, womit sie ihre moralische Führung innerhalb der Entente unterstrichen. Es folgten Tschechen, Rumänen, Polen, Jugoslawen und Serben (zwischen fünf und zwölf Abgeordnete), vier Franzosen, zwei Engländer und ein Amerikaner (Nelson Gay). Dieser lebte in Rom und kam als Beobachter, ohne Instruktionen und kein Vertreter einer speziellen Gruppe, zum Kongreß. Seine nüchternen Berichte unterscheiden sich von der Überlieferung durch Beneš, Steed und Seton -Watson.
Der Kongreß arbeite am 9. und 10 April in vier Kommissionen. Sie berieten über die Propaganda gegen Österreich–Ungarn, über
• den Einfluß auf Militär–und Zivilgefangene,
• ihre Motivierung zum Eintritt in Nationalarmeen, um auf Seiten der Entente gegen Österreich – Ungarn zu kämpfen,
• einen Folgekongreß, der im Oktober 1918 in Paris abgehalten werden sollte
• die Schlußredaktion der Kongreßbeschlüsse.
Die Resolutionen des Kongresses behaupteten die Einigkeit der “Unterdrückten Nationen” im Kampfes gegen das Habsburgerreich, was nicht der Wahrheit entsprach. Das Torre –Trumbic–Abkommen wurde als Pakt von Rom in die Beschlüsse aufgenommen.
Die Delegationen waren selbst ernannte Repräsentanten der Völker des Habsburgerreiches. Sie forderten für jede Nation das Recht auf Selbstkonstituierung, auf wirtschaftliche und politische Selbständigkeit.
Die italienische Regierung hatte freundliche Gesten gesetzt, jedoch offiziell nicht am Kongreß teilgenommen. Sie hielt am Londoner Vertrag von 1915 fest und blieb auf Distanz zum Pakt von Rom. Trotzdem waren die Ergebnisse des Kongresses nicht unbedeutend. Henry Wickham Steed wurde auf mehr oder weniger demokratischem Weg in seiner Propagandamission bestätigt, er hatte den Kontaktschluß zwischen Alliierten und österreichisch–ungarischen Exilvertretungen bewirkt, die Aufnahme der Tschechischen Legion in die italienische Armee ermöglicht. Gegen die politische Unentschlossenheit der britischen und amerikanischen Regierungen, postulierte er die Zerstörung des Habsburgerreiches als Voraussetzung für die mitteleuropäische Nationalstaatenbildung. Er erleichterte den USA die Umstellung ihrer Politik, in dem er die Exilvertretungen, die ihre Landsleute aus dem “österreichisch–ungarischen Völkerkerker” befreien wollten, zu tatsächlichen Repräsentanten ihrer Nationen erhob und sie scheinbar legalisierte.
Steed und Seton–Watson fuhren am 14. April nach Padua, wo sie eine interalliierte Propagandakommission gründeten. Alliierte Offiziere und Vertreter der Exilregierungen sollten gemeinsam den psychologischen Krieg gegen die Donaumonarchie führen. Die slawischen Truppen an der österreichisch–italienischen Front würden in ihren Sprachen vom Kongreß in Rom informiert. Das interalliierte Propagandabüro manipulierte Nachrichten aus der österreichisch–ungarischen Presse und veröffentlichte sie in der Tageszeitung “The Truth” in allen slawischen Sprachen und in rumänisch. 150.000 Exemplare dieser Zeitung und zahllose Flugblätter wurden täglich durch Granaten, Raketen und Flugzeuge über die Frontlinien transportiert. Gefangene Slawen wurden als Kontaktpersonen ausgesucht, um in den gegenüberliegenden Schützengräben Mundpropaganda zu machen und die feindlichen Truppen mit antiösterreichischer Literatur zu versorgen. Rundfunk und Grammophone spielten patriotische Lieder der Tschechen und Südslawen.
Bevor die beiden Engländer nach Paris abreisten, konnten sie die Wirkung des Propagandakrieges beobachten. Das AOK ersetzte im Bereich der 6. Armee die Slawen durch Österreicher und Ungarn.
Am 22. April vereinbarten Seton–Watson, Steed und Beneš mit dem amerikanischen Militärattaché in Paris, an allen Fronten, wo die k.u.k. Armee kämpfte, ähnliche Propagandaaktionen zu starten. Vom Erfolg der Propaganda hing die Anerkennung der Beschlüsse des Kongresses von Rom durch die alliierten Regierungen ab.
Am 30. April 1918 waren Steed und Seton–Watson wieder in London und berichteten Lord Northcliffe vom vollen Erfolg ihrer Unternehmungen. Sie hatten sie selbst finanziert und mit journalistischer Genialität vorangetrieben.