KAPITEL V – DAS FRIEDENSANGEBOT DER ZENTRALMÄCHTE

Kurz nach der Veröffentlichung des Friedensangebotes der Zentralmächte vom 12. Dezember 1916, setzte fieberhaft diplomatische Tätigkeit ein. Beneš, dessen Überlieferung wir folgen, gibt zu, daß die Ausgangsposition der Mittelmächte sehr gut war. An den Hauptfronten unbestreitbar siegreich, kannten sie die Müdigkeit der Alliierten und die Sorge russischer Regierungskreise vor der nahenden Revolution.

Die Drohung Deutschlands, bei Ablehnung des Friedensangebots den verschärften U–Bootkrieg, speziell gegen Großbritannien einzusetzen, war seit 10. Dezember 1916 bekannt, die Entente reagierte auf diese Drohung negativ. Wie der k.u.k. Außenminister Burián vorhergesehen hatte, war es die allgemeine, nicht konkrete Formulierung der Note, die diese Reaktion hervorrief.[i]

Am 18. Dezember 1916.erschien die Note Woodrow Wilsons, auch sie erregte das Mißfallen der Alliierten. Die Presse kritisierte sie scharf und meinte, die USA würden den Friedensschritt der Zentralmächte begünstigen.[ii] Am 22. Dezember 1916 sandte die Schweizerische Regierung eine Friedensnote an die Alliierten; am 29. Dezember schlossen sich die skandinavischen Staaten der Aktion Wilsons an. Beneš war von geheimen Friedensverhandlungen zwischen Deutschland, Frankreich und Rußland unter Beteiligung deutscher und holländischer Sozialisten informiert. Die Exiltschechen fürchteten Friedensverhandlungen und einen raschen Friedensschluß.[iii] Sie starteten in Paris, Rom und London scharfe Pressekampagnen gegen die Friedenstendenzen der Mittelmächte. Auch wußten sie von Kriegsinteressen der USA. Angeblich hätte Wilson die amerikanische Öffentlichkeit nur auf die Kriegsgefahr aufmerksam machen wollen.[iv]

In Paris verhandelte man über die Antwort auf das Friedensangebot der Zentralmächte und übersandte sie den neutralen Staaten am 30. Dezember 1916, dem Krönungstag Karls IV. zum  König von Ungarn.[v] Die Entente bezichtigte ihre Gegner, den Krieg mutwillig begonnen zu haben. Das Friedensangebot wolle nur die Kriegesentwicklung beeinflussen und einen deutschen Frieden aufzwingen. Die Zentralmächte suchten,”[...]vor den Augen der Welt im voraus neue Verbrechen zu rechtfertigen: Unterseebootkrieg, Deportationen, Zwangsarbeit und gewaltsame Aushebung von Staatsangehörigen gegen ihr eigenes Land, Neutralitätsverletzung[...].” Die Entente wollte sich mit diesem bedeutungslosen und unaufrichtigen Vorschlag nicht befassen, sie rechtfertigte ihre Position mit dem Überfall Deutschlands auf Belgien. Deutschland würde, während es”[...]zur Welt von Frieden und von Menschlichkeit spricht[...]“belgische Bürger zu Tausenden in die Sklaverei führen[vi]. Die Passagen über die verletzten Rechte der Nationalitäten in dieser Note buchte Beneš als Erfolg seiner Agitation [vii]

Empörung und Niedergeschlagenheit hatten die Zentralmächte noch vor dem 05. Jänner 1917, dem Datum der offiziellen Notenwechsels, erfaßt.[viii] Während Kaiser Karl und sein neuer Außenminister, Ottokar Graf Czernin, die Antwort der Alliierten zwar als unerfreulich, jedoch als nichtssagend betrachteten, und darin Möglichkeiten fanden, den Friedensfaden ” fortzuspinnen ,” hatte Ludendorff einen Armee–und Flottenbefehl konzipiert, von dem Kaiser Karl erwartete, er werde die Friedensmöglichkeit zerstören. Deshalb ersuchte er Wilhelm II, die Brücken zu einem Verständigungsfrieden noch nicht definitiv abzubrechen Wilhelm II. sah auf dem bisher beschrittenen Weg kein Weiterkommen. “[...] Ich fürchte, daß die Stimmen der Entente, die uns für die Friedensaktion innere Schwäche unserer Völker als Ursache unterschoben haben, sich von neuem und sehr eindringlich erheben werden, wenn wir weiteres Entgegenkommen zeigen[...].”Die Armee- und Flottenbefehle waren bereits formuliert, um die “eiserne Abrechnung” fortzusetzen. [ix]

Damals machte der Graf Czernin seinen Antrittsbesuch in Berlin (5.–6.Jänner 1917).[x] Thema der Gespräche war die erwartete Erklärung Deutschlands über den verschärften U–Bootkrieg, den seine Bundesgenossen mitzutragen hätten. Czernin sollte den deutschen Waffenbruder davon abbringen, auch der deutsche Reichskanzler Bethmann Hollweg wollte sich nicht so rasch zur Verschärfung des Krieges entschließen[xi] und die Antwort der Entente auf die Friedensangebot abwarten.[xii] Nun war sie negativ und die deutsche Regierung wie Kaiser Wilhelm II. waren bereit, Hindenburg und Ludendorff nachzugeben. Graf Czernin konnte sich weder mit seinem Vorschlag zum Verständigungsfrieden durchsetzen, noch die deutsche Regierung zum Widerstand gegen die DOHL motivieren. [xiii]

In Europa schätzte niemand die Einmischung Wilsons in die militärische Auseinandersetzung. Am 24. Dezember 1916 hatte die deutsche Regierung Wilson geantwortet und eine Delegiertenkonferenz der kriegführenden Staaten an einem neutralen Ort vorgeschlagen.[xiv] Kaiser Karl und die österreichisch–ungarischen Regierung hatten den Text genehmigt, man wartete auf die Zustimmung der Kabinette von Sofia und Konstantinopel. Die Alliierten akzeptierten den Plan Wilsons zur Gründung  einer Liga der Nationen[xv], wollten jedoch zuerst eine für sie günstige politisch–militärische Situation herbeiführen. Die Erklärungen der Mittelmächte widersprächen der Realität, was die Verantwortung für Vergangenes wie die Bürgschaften für die Zukunft beträfe. Die Entente nannte nun ihre Kriegsziele:

¨       Wiederherstellung Belgiens, Serbiens und Montenegros,

¨       Kriegsentschädigungen,

¨       Räumung der besetzten Gebiete Frankreichs, Rußlands und Rumäniens.

Sie forderte:

¨       die Rückgabe “[....] der Provinzen und Gebiete, die früher den Verbündeten durch Gewalt ohne den Willen ihrer Bevölkerung entrissen worden sind,

¨       die Befreiung der Italiener, Slawen, Rumänen, Tschechen und Slowaken von der Fremdherrschaft, die Befreiung der Bevölkerungen, die der blutigen Tyrannei der Türken unterworfen sind und

¨      die Entfernung des Osmanischen Reiches aus Europa.[...]“[xvi]

 

Beneš hatte die Formulierung zum Nationalitätenproblem selbst verfaßt. [xvii] Zufrieden stellte er fest: “[...] Zum ersten Mal formulierten die Alliierten klar, feierlich und zusammenfassend ihr politisches Kriegsprogramm. Zum ersten Mal sagten sie theoretisch und praktisch, wie sich die Reorganisation Europas nach dem Kriege dachten. Zum ersten Mal gaben sie durch eine grundsätzliche Bezeugung kund, welchen Sinn und welche Bedeutung der Weltkrieg hatte.  [... ] Unsere Frage, die nun zu den Kriegszielen der Alliierten gehörte, wurde durch die feierliche Erklärung sachlich und formell ein internationales Problem, das nicht mehr innerhalb des Habsburger–Reiches auf dem innenpolitischen Wege gelöst werden konnte.[...]“[xviii]

Grand Orient und Grande Loge de France veranstalteten in Paris vom 14.-16. Jänner 1917 gemeinsam den Kongreß der Massonnerien der alliierten Nationen. Seine 26 Teilnehmer, unter ihnen auch Delegierte aus Portugal, Serbien und Belgien, erklärten sich mit der Sache der Alliierten solidarisch. Nur der Sieg der Alliierten könne den Pazifismus durchsetzen und auf den Prinzipien der Freimaurerei eine friedliche Weltordnung errichten. Man beschloß, in Paris vom 28.-30. Juni 1917 einen internationalen Freimaurer–Kongreß abzuhalten und die Resolutionen an die verschiedenen Logen in den neutralen Ländern zu senden.[xix]

Während die Entente und deren Freimaurerlogen Kriegsziele und Friedensordnungen diskutierten, suchten Kaiser Karl und Papst Benedikt XV. den deutschen Militarismus zu mäßigen und eine vom Geist des Christentums getragene Friedensordnung vorzubereiten.[xx] Als die Kriegszieldebatte losbrach,[xxi] wandte sich Kaiser Karl an Papst Benedikt XV. und erklärte, nie an territorialen Besitzerwerb gedacht zu haben. Nur die Verteidigung von Sicherheit und Integrität des ihm anvertrauten Reiches motiviere ihn zur Fortsetzung des Krieges. Der Kaiser ersuchte den Papst, sich für die Anbahnung eines gerechten Friedens einzusetzen.[xxii]

Benedikt XV. gratulierte am 16.Jänner 1917 Wilhem II. zum 58. Geburtstag,[xxiii] und versuchte, ihn zu motivieren, trotz der Ablehnung des Friedensagebotes die offiziellen Friedensbemühungen der Zentralmächte fortzusetzen. Der Papst fand die Prinzipien Wilsons von der Freiheit der Meere, von der Freiheit und Unabhängigkeit der kleinen Staaten, von der schrittweisen Abrüstung und den Vorschlag, in Zukunft Aggressionen nicht mehr mit Waffen auszutragen, als gute Grundlage vollständige und definitive Friedensverhandlungen zu beginnen. Seine sarkastischen Randbemerkungen auf diesem Brief dokumentieren bereits den Grad der Abhängigkeit Kaiser Wilhelms II von der DOHL. [xxiv]

Jetzt mußte Österreich–Ungarn dem verschärften U–Bootkrieg formal zustimmen. General August von Cramon, der Verbindungsoffizier zwischen Kaiser Wilhelm II., der Deutschen Obersten Heeresleitung und Kaiser Karl, überliefert die zwiespältigen Einstellungen innerhalb der Donaumonarchie. Kaiser Karl und Czernin lehnten den U–Bootkrieg ab, Generalstabschef Conrad und Großadmiral Haus befürworteten ihn. Deshalb arrangierte Cramon den Besuch des deutschen Staatssekretärs im Auswärtigen Amt, Arthur Zimmermann, und des Chef des Deutschen Admiralstabes, Henning von Holtzendorff, in Wien. Conrad hatte noch vor dem Besuch der beiden Herren Hindenburg zugesagt, Kaiser Karl umzustimmen, denn “das Heil”sei in der gegenwärtigen Lage nur im entschlossenen Kampf zu erwarten.[xxv]

Am Vormittag des 20. Jänners 1917 fand dann in Wien unter dem Vorsitz von Kaiser Karl eine Beratung statt, an der Zimmermann, Holtzendorff, die beiden Ministerpräsidenten Tisza und Clam–Martinic, Czernin, Großadmiral Haus und Feldmarschall Conrad teilnahmen. Außer den Marineadmiralen Holtzendorff und Haus, so Czernin, war niemand für den verschärften U–Bootkrieg. Kaiser Karl, der in die Debatte nicht eingriff, wollte seine Entscheidung später bekanntgeben.[xxvi] Unmittelbar nach der Besprechung, hatte von Holtzendorff allein Audienz bei Kaiser Karl. Der junge Monarch war sehr ablehnend und wollte sich nicht dem verschärften U–Bootkrieg anschließen. Als alle Argumente und alle Drohungen Holtzendorffs an der grundsätzlichen und kategorischen Weigerung des Kaisers abprallten, stand der Admiral auf und erklärte, es käme auf die Zustimmung Seiner Majestät ohnedies gar nicht mehr an: ” [...]dieBefehle seien bereits frühmorgens abgegangen,die U–Boote schon ausgefahren und getaucht. Es bestünde keine Möglichkeit mehr, sie selbst bei Zuhilfenahme der Radiotelegraphie zu verständigen. Übrigens dürften zur Stunde schon mehrere Schiffe versenkt sein.[...]“[xxvii]

Am Nachmittag dieses Tages fand im k.u.k. Ministerium des Äußeren am Ballhausplatz unter dem Vorsitz Czernins zum selben Thema eine weitere Besprechung statt, an der die k.u.k. Ministerpräsidenten,. die Admiräle mit Holtzendorff und Haus  die Marineattachées Deutschlands und Österreich–Ungarns, Freiherr von Freyberg und Graf Hieronymus. Colloredo–Mannsfeld teilnahmen. Laut Protokoll garantierte Holtzendorff, “für den Erfolg.”[xxviii] Deutschland hoffte, Amerika von seiner Teilnahme am Krieg abzuhalten, war aber auf sein Eingreifen gefaßt und vorbereitet. Doch hielt man es für unwahrscheinlich, daß die Vereinigten Staaten einen Bruch mit den Zentralmächten riskieren würden.[...]” Zudem sei Mr. Wilson ein Pazifist”.[xxix] Großadmiral Haus schloß sich der Argumentation der Deutschen Marineleitung rückhaltlos an. Im übrigen sei in der Adria seit geraumer Zeit seitens der Entente der rücksichtslose U–Bootkrieg im Gange. Es würden Transport–und Lazarettschiffe torpediert. [xxx]

Die österreichisch- ungarische Zustimmung fiel im Kronrat am 22. Jänner 1917. Das Protokoll zeigt wieder der Zwiespalt von Militärs und Ministerpräsidenten. Tisza zögerte. Ausschlaggebend waren die Erklärungen von Conrad und Kriegsminister Krobatin, die Teilnahme am U–Bootkrieg sei zur Entlastung der Fronten und zur  Unterbindung von Nachschub an Munition und Rohmaterial aus Amerika  unumgänglich. Kaiser Karl resümierte “[...] daß Allerhöchst ihm von allen an dem gemeinsamen Ministerrate beteiligten Herren geraten werde, den deutschen Vorschlag auf rücksichtsloses Einsetzen des U–Bootkrieges anzunehmen, [...]“[xxxi]Davon ganz unbefriedigt, konzipierte Kaiser Karl am folgenden Tag wieder ein eigenhändiges Schreiben an Wilhelm II. Er teilte mit, Holtzendorff, Zimmermann und die eigenen militärischen Berater hätten zwar seine “großen Bedenken” gegen die Eröffnung des unbeschränkten U–Bootkrieges zerstreut. Trotzdem möge Kaiser Wilhelm die Verschärfung des U–Bootkrieges noch nicht bekanntgeben und die persönliche Besprechung der beiden Monarchen, die am 26. Jänner 1917 in Pleß stattfinden sollte, abwarten. Diese Demarche war ohne Ergebnis.[xxxii]

Auch Czernin berichtet von der Sorge Kaiser Karls vor den Auswirkungen dieser schwerwiegenden Entscheidung: ” Wir wußten jedoch, daß Deutschland bereits definitiv entschlossen wäre, unter allen Umständen mit dem verschärften U–Bootkrieg einzusetzen, daß daher alle unsere Argumente keinen praktischen Wert mehr haben könnten. Es blieb daher zu überlegen, ob wir uns anschließen sollten oder nicht.[....] Es war dies wieder einer jener Fälle, welche beweisen, daß, wenn ein Starker und ein Schwacher gemeinsam Krieg führen, der Schwache nicht einseitig aufhören kann, es sei denn, er mache die völlige Schwenkung und trete zu dem früheren Verbündeten in den Kriegszustand. Letzteres wollte niemand aus der damaligen Regierung, und so gaben wir schweren Herzens unsere Zustimmung.”[xxxiii]

Am 22. Jänner 1917 hielt Woodrow Wilson seine zweite Friedensrede im Senat und behandelte die Antwortnoten der kriegführenden Mächte auf seine Friedensvorschäge vom 18. Dezember 1916. Verschiedentlich wird interpretiert, Wilson wollte damals die USA politisch und militärisch aus der Isolation führen.[xxxiv] Er plädierte für das Kriegsende, für einen Weltfrieden, dem die gesamten Menschheit, auch die Amerikaner, zustimmen könnten. Der Weltfriede dürfe nicht die militärischen Auseinandersetzungen beenden, um neuerlich in einen Kampf um das Mächtegleichgewicht auszuarten. Wilson sprach vom Sieg der Gleichheit der Völker und des Rechtes. Die Ruhe des Geistes, der Sinn für Gerechtigkeit, Freiheit und Recht seien Vorbedingungen für den Weltfrieden. dessen Voraussetzungen in

  • der Freiheit der Meere
  • dem  Zugang eines jeden Volkes zum Meer
  • der Rüstungsbegrenzung zu Land und zu Wasser
  • der weltweiten Anwendung der Monroe–Doktrin lägen. Keinem Volk sollte die Regierungsform aufgezwungen werden, jedes Volk sein Selbstbestimmungsrecht haben.

Zur Freiheit der Meere sollte eine Friedenskonferenz stattfinden.[xxxv]

 

Trotz  des Versuchs vom deutschen Botschafter in Washington, Graf Johann Heinrich Bernstorff, Verhandlungen mit dem Präsidenten zu beginnen, setzte der verschärfte U–Bootkrieg am 01.Februar 1917 ein.[xxxvi]

Damals verfügte Kaiser Karl verschiedene personelle Veränderungen, am spektakulärsten war die Umbesetzung des Kriegsministeriums und der Austausch des Generalstabschefs, Conrad von Hötzendorf, gegen General Arthur Arz von Straußenburg.

Die Entlassung Conrads war ein altes Thema, das der Kaiser schon als Thronfolger mit Franz Joseph erörtert hatte.[xxxvii] Beim Regierungsantritt ließ Kaiser Kaiser keine Zweifel aufkommen, daß er das AOK nicht nur formell selbst führen würde. [xxxviii] Conrad, nun zum Feldmarschall ernannte, hatte sich vom Gegner zum Freund der DOHL gewandelt, vielleicht, weil es ihm mißlungen war, auf Befehl Kaiser Karls das Abkommen über den Gemeinsamen Oberbefehl vom 06. September 1916 zu revidieren.[xxxix]

Der Widerstand Conrads gegen die Befehle Kaiser Karls hatte beim Kronrat von 22.Jänner 1917 den Gipfel erreicht, als er aller Teilnehmer zum verschärften U–Bootkrieg motivieren konnte und dem jungen Kaiser die eigene Ohnmacht zu Bewußtsein brachte.

Die Enthebung Conrads, von der ihn Erzherzog Friedrich am 21.Februar1917 informierte, wurde mit 27.Februar 1917wirksam. Conrad wollte sich zurückziehen. Kaiser Karl konnte ihn dann doch bewegen, das Heeresgruppenkommando Tirol mit Sitz in Bozen zu übernehmen. Er sollte , auf ein Nebengeleise geschoben, die Italiener täuschen. Denn man plante, den Italienkrieg nun hauptsächlich am Isonzo zu führen.[xl] Bald nach der  Kommandoübernahme in Tirol empfing der Feldmarschall den Journalisten Karl Friedrich Nowak, den er seine Memoiren anvertraute,die 1919 als böses Pamphlet erschienen.[xli]

Rückblickend äußerten sich beide, Kaiser Karl und Conrad, über denn 27. Februar 1917. Conrad bemerkte zu seiner Entlassung:”[...]Und je mehr sich die Tätigkeit Kaiser Karls auf innenpolitischem, außenpolitischem und militärischem Gebiet in der Folge entfaltete, desto begreiflicher wurde es mir, daß mich der Kaiser entfernte, denn er wußte nur zu gut, daß er bei den meisten seiner Maßnahmen auf meinen Widerstand stoßen würde, so insbesondere bei dem Verhalten gegenüber Deutschland, den Anknüpfungen mit Frankreich und der lockeren, zersetzenden Zügelführung im Innern der Monarchie[...]“.[xlii]

Kaiser Karl schrieb ohne Ressentiment: ” Conrad war ein zweifellos sehr fähiger General; er war auch vor dem Krieg von der ganzen Armee vergöttert. [...]Ein Hauptfehler des Feldmarschalls war sein gänzlicher Mangel an Menschenkenntnis, wodurch es kam, daß er immer von seiner Umgebung schlecht beraten wurde und das AOK in allen personellen Angelegenheiten große Schnitzer machte und voreilig Existenzen ruinierte. [...] Das Wort < nur im Angriff liegt das Heil >hat vielen braven Soldaten unnütz das Leben gekostet. In politischen Sachen war Conrad, vielfach auch durch seinen Mangel an Menschenkenntnis ein großer Dilettant; er war stark deutschorientiert; dabei schwebte ihm eine Art Trialismus vor: Österreich–Ungarn–Südslawien bei Unterdrückung der anderen Nationen. Er hatte für die Tüchtigkeit der deutschen Armee eine unbegrenzte Hochachtung, was ihm kein Soldat übelnehmen wird, dabei aber kränkte er, vielleicht unbewußt den Stolz der eigenen Armee[...]“.[xliii]

Auf Conrad folgte Freiherr Arthur Arz von Straußenburg, ein gänzlich unpolitischer General, den Kaiser Karl schon lange als Nachfolger im Auge hatte.[xliv] Da Arz nicht auf der “operativen Höhe” Conrads stand, berief Kaiser Karl Alfred von Waldstätten, zum Chef der Operationsabteilung. Arz und Waldstätten blieben bis zum Ende des Weltkrieges auf ihren Posten.[xlv] Die Zustimmung Österreich–Ungarns  zum verschärften U–Bootkrieg, hauptsächlich von Conrad lanciert, sollte sich als schwerer Fehler und als Bumerang erweisen.

 

[i] Burián, 140 -154, speziell 150 – 151; Beneš, 132.
[ii] Beneš, 133.
[iii] Beneš, 135.
[iv] Beneš, 138; ähnlich die Oberste Heeresleitung : Ludendorff, Urkunden, 351-352.
[v] Beneš, 138-139.
[vi] Ludendorff, Urkunden, 321; Scherer -  Grunewald, 1, 653 (Nr. 451): Bern, 1916 Dezember 31: Le Département politique (suisse) à la Légation de Suisse.
[vii] Ludendorff, Urkunden, 319-321;  Scherer- Grunewald,1, Nr. 651-652 (451): Bern, 1916 Dezember 31: Le Département politique (suisse) à la Légation de Suisse; in anderer Übersetzung; bei Beneš, 139. “[...] Sie versichern noch einmal, daß ein Friede nicht möglich ist, solange nicht Gewähr besteht für die Wiederherstellung (réparation) der verletzten Rechte und Freiheiten, für die Anerkennung des Grundgesetzes der Nationalitäten und der freien Existenz der kleinen Staaten, solange nicht eine Regelung sicher ist, die geeignet ist, endgültig die Ursachen zu beseitigen, die so lange die Völker bedroht haben, und die einzig wirksamen Bürgschaften für die Sicherung der Welt zu geben.[...]“
[viii] Scherer – Grunewald, 1, 654 (Nr. 453): Wien, 1917 Jänner 1: Wedel an AA; l. c., 654 – 655 (Nr. 454): Berlin, 1917 Jänner 2: Bethmann Hollweg an Wilhelm II.; l. c., 655 (Nr. 455): Pless, 1917 Jänner 2: Grünau an AA.
[ix] Scherer – Grunewald, 1, 656 – 657 (Nr. 456): Pless, 1917 Jänner 2: Grünau an AA , l. c,, 660 – 661 (Nr. 459): Pless, 1917 Jänner 4: Grünau an AA.
[x] Meckling, 14.
[xi] Ludendorff, Urkunden, 312; ders., Kriegserinnerungen, 84-89; Mommsen, War der Kaiser, 239 . 240.
[xii] Ludendorff, Urkunden, 315 – 317.
[xiii] Meckling, 14; die deutsche Entscheidung zur Führung des verschärften U–Bootkrieges fiel am 9. Jänner 1917: Ludendorff, Urkunden, 322-324.
[xiv] Ludendorff, Urkunden. 318.
[xv] 12. Jänner 1917
[xvi] Ludendorff, Urkunden, 324-325.
[xvii] Beneš, 142-146.
[xviii] Beneš, 147; Zeman, 124. “[...] Die Antwort der Alliierten an Präsident Wilson klang in bezug auf das Habsburgerreich ziemlich  radikal, doch konnte man sie auf verschiedene Wege auslegen. Abgesehen, von dem direkten Hinweis auf die ” Befreiung” einiger Völker, einer Ergänzung zu der geforderten ” Achtung für die Nationalitäten”, deutete sie, wenn sie auch ursprünglich für Präsident Wilson bestimmt war, die Linien an, auf denen sich  die Diskussion über die Zukunft der Donaumonarchie und die dynastiefeindliche Ideologie des Krieges bewegen würde[...].”
[xix] UR, Nr. 29; Heise bringt unmittelbar nach dem Titelblatt eine Karte, die ” In den geheimen Zirkeln der englisch sprechenden Welt” zirkulierte und eine zukünftige ” aus einem Weltkriege und seinen Folgen hervorgehende Gestaltung Europas” zeigt.
[xx] Zur österreichischen Kriegszieldiskussion : Protokoll des Ministerrates für gemeinsame Angelegenheiten unter dem Vorsitz von Kaiser Karl, Baden, 1917 Jänner 12: Komjáthy, 440 – 452, dort 451:”[...] Seine Majestät geruhen sodann die Diskussion dahin zu resumieren, daß in der polnischen Frage der status quo aufrecht zu erhalten sei, daß unser Hauptkriegsziel die Erhaltung der Integrität der Monarchie bilde, daß ferner Serbien weitgehende Existenzmöglichkeiten gesichert werden müssen und daß schließlich eine Annäherung an Rußland angestrebt werden solle[...].”
[xxi] Zur Kriegszieldebatte: Hekele, Kriegszielpolitik, 276-282; Komjáthy, 440-452.
[xxii] UR, Nr. 30; vgl. unser Kapitel X..
[xxiii] Der 58. Geburtstag Kaiser Wilhelms II. war am 27. Jänner 1917.
[xxiv] Scherer – Grunewald, 1, 676-677 (Nr. 470): Rom-Vatikan, 1917 Jänner 16: Benedikt XV. an Wilhelm II. vgl. dort die Anm. 3-7:” erst siegen”; ” [...] der Vatikan und Wilson sind anscheinend gleich weltfremd und utopisch”; ” Sancta simplicitas.”; “[...] Comme le Saint – Siège n `a pas trouvé les moyens à amener la paix et a laissé à  M. Wilson la priorité d`action pacifiste.”[...] ” Sehr dürftig und schwach für den  <Statthalter Christi> auf Erden. W[ilhelm].” Dazu auch: Mommsen, War der Kaiser, 239 – 240.
[xxv] Hoyer, 141; Cramon – Fleck, 174 – 175; Gegendarstellung bei Werkmann, Deutschland als  Verbündeter 122 – 124 mit unrichtigen Daten.
[xxvi] Czernin, 161.
[xxvii] Polzer–Hoditz, 273-274.
[xxviii] Czernin, 165.
[xxix] Czernin, 164.
[xxx] Czernin, 164-167.
[xxxi] Komjáthy, 452 – 458. Nach Broucek, Manuskript in AGL: Kaiser Karl von Österreich als Inhaber des Allerhöchsten Oberbefehls, 83, ohne Angabe der Provenienz, drohte Conrad damals mit dem Rücktritt.
[xxxii] Hoyer, 141 – 142.
[xxxiii] Czernin, 167 – 168; dazu auch Musulin, 291, von seiner Audienz bei Kaiser Karl im Jänner 1917:”[...]Der Monarch unterbrach mich und sagte: < Auch ich halte dafür, daß die Erklärung des unbeschränkten U–Bootkrieges unsere Situation gefährden und meine Bemühungen um den Frieden, den ich so heiß ersehne, schädigen wird. Ich habe bis zur letzten Stunde alles getan, um den U–Bootkrieg zu verhindern. Ich habe aber schließlich , entgegen meinem Gefühle und meiner Einsicht nachgeben müssen.[...]“.
[xxxiv] Meckling, 32 – 34.
[xxxv] Papers of Woodrow Wilson, 40, 533 – 539; Ludendorff, Urkunden, 336-340, 341 – 351;Link, Wilson, 5, 265- 268.
[xxxvi] Ludendorff, Urkunden, 341-349; Scherer- Grunewald,1, 680 (Nr. 472): Washington, 1917 Jänner 23: Bernstorff an AA; l. c., 681 – 683 (Nr. 474): Berlin, 1917 Jänner 27: Zimmermann an die Botschaft in Washington; l. c., 684 – 685 (Nr. 475): Washington, 1917 Jänner 27: Bernstorff an AA; l. c., 485 – 487 (Nr. 476): Berlin, 1917 Jänner 29: Bethmann Hollweg an die Botschaft in Washington.
[xxxvii] UR, Nr.21.
[xxxviii] Conrad, Private Aufzeichnungen, 87-88.
[xxxix] Broucek, Manuskript in AGL: Kaiser Karl von Österreich als Inhaber des Allerhöchsten Oberbefehls, 80.
[xl] Conrad, Private Aufzeichnungen, 53, 73-76, 87-88, 248-249, 258- 261, 267; Rauchensteiner, 428- 432; Hoyer, 108-146.
[xli] Nowak, Weg zur Katastrophe,  XXIX-CXXIX.
[xlii] Conrad, Private Aufzeichnungen, 88.
[xliii] UR, Nr. 213.
[xliv] UR, Nr. 21.
[xlv] Regele, 53–222; Arz, 124–125; Conrad, Private Aufzeichnungen, 242.