KAPITEL XXII – INCIPIT WILSON

Am 4. Dezember 1918 schiffte sich Woodrow Wilson nach Europa ein. Der Präsident wurde von seiner Gattin, von Staatssekretär Lansing, von den Botschaftern Amerikas, Frankreichs und Italiens, von Leibarzt, persönlichem Sekretär, Stenographen, Beamten des Weißen Hauses, Journalisten und Universitätsprofessoren begleitet. Die Professoren, Kollegen der Universitäten Yale, Havard, Princeton, galten als Experten für moderne Europäische Geschichte, für Wirtschaftsgeschichte, für Geschichte Osteurops und der Balkanstaaten. Der Präsident reiste mit dem Truppentransporter “George Washington,” der eigens für diese Fahrt adaptiert worden war. Das meiste war voller Symbolik: der Name des Schiffes–man erinnere sich an die Rede Wilsons am Grabe Washingtons vom 4. Juli 1918 –und die Anzahl der Schiffe, die es geleiteten: mit der “George Washington” stachen 11 Zerstörer in See. Die Reise dauerte 9 Tage , der Präsident erholte sich dabei von seiner Erkältung und bereitete sich auf die Pariser Friedenskonferenz vor. Er plante, nur einen Monat in Europa zu verbringen. Oberst House, sein europäischer Vertreter und Vertrauter, berichtete von drei Londoner Vorkonferenzen–sie hatten u.a. die Verurteilung Kaiser Wilhelms II. durch ein Kriegstribunal erörtert–und legte Wilson das Programm des Staatsbesuches vor.
Am Freitag, den 13. Dezember 1918 hatte die “George Washington” den bretonischen Hafen Brest erreicht. Das Einlaufen bei herrlichem Wetter und ruhiger See dauerte von 9 Uhr vormittags bis 15 Uhr: 9 Kriegsschiffe führten den Empfangsconvoy von 40 Zerstörern und 2 französischen Kreuzern an, französische Äroplans kreisten über ihnen. Hafen und Stadt von Brest waren in den Farben Frankreichs und der USA geschmückt. Verteidigungsminister Pichon und General Pershing kamen zum Empfang aufs Schiff. An Land hieß der Bürgermeister von Brest den Friedensbringer willkommen, der dann durch ein Spalier amerikanischer Truppen und bretonischen Volkes in bunten Trachten zum Bahnhof fuhr. Der Jubel dauerte bis in die frühen Morgenstunden. Wilson wurde von der französischen Regierung unter Führung Poincarés und Clemenceaus am Samstag, den 14. Dezember um 10.00 Uhr in Paris wie ein regierender europäischer Monarch begrüßt. Der Zug von Staatskarossen führte durch den Arc de Triomphe über die Champs – Elysées zum Palais Murat, der Residenz Wilsons. Die Anspielung auf Napoleon I. war nicht zu übersehen. Auf der Place de la Concorde huldigten über 100.000 Enthusiastische Wilson, “dem Gerechten”. Paris gehörte jetzt den Amerikanern. Der Präsident war zu früh nach Europa gekommen. Es dauerte fast einen Monat, bis in Versailles die Präliminarkonferenz begann. Die Friedenskonferenz wurde im Spiegelsaal des Schlosses erst am 18. Jänner 1919–in der symbolischen Umkehrung zur Einigung Deutschlands von 1871–eröffnet. Bis zur Präliminarkonferenz beschäftigte die französische Regierung Wilson mit Ehrungen und Besuchsprogrammen. Clemenceau und Poincaré, König Viktor Emanuel III. und der Kronprinz Italiens machten ihre Aufwartungen, Ministerpräsident Orlando und Außenminister Sonnino. Auch die Erfinder der “Unterdrückten Völker Österreich–Ungarns,” die beiden englischen Journalisten Lord Northcliffe und Henry Wickham -Steed kamen ins Palais Murat. Wilson konferierte mit Edward House, mit der amerikanischen Friedensdelegation und mit Herbert Hoover, der Hungersnot und Gefahr des Bolschewismus bei den Zentralmächten bannen sollte. Lloyd George und Lord Balfour waren offiziell von britischen Parlamentswahlen gehindert, nach Paris zu fahren. Zeichen der ausbrechenden politischen Spannung um die Siegeslorbeeren zwischen Groß–Britannien und den USA? Man war gegensätzlicher Ansicht über die Konzeption des Völkerbundes, zu Freiheit der Meere und Kolonialpolitik. Schließlich nahm Wilson die Einladung König Georgs V. an, wogegen Frankreich opponierte. Der Präsident verbrachte den Weihnachtsfeiertag bei den US Truppen in Chaumont und in Montigny la Roi; von dort fuhr er weiter nach Calais. Das britische Verwundetenschiff “Brighton” brachte ihn nach Dover. Hier stand der Herzog Arthur von Connaugh, Onkel Georgs V., zum Empfang bereit, in London wartete das Königspaar am Bahnhof. Es geleitete Wilson in goldenen Karossen mit Lakaien und Garden feierlich zum Buckingham Palast, wo er mit seiner Suite residierte. Auch die Briten feierten den amerikanischen Gast, sie riefen “we want Wilson”, waren jedoch weniger enthusiastisch als die Franzosen. Das Besuchsprogramm glich dem von Paris. Wilson wurde zum Ehrenbürger von London ernannt und man enthüllte ein Bild George Washingtons, der in Großbritannien Ende des 18. Jahrhunderts zum Rebellen und als vogelfrei erklärt worden war. Der König gab das repräsentativste Dinner, seit langer Zeit aß man wieder auf goldenen Tellern, alles was Rang und Namen hatte, war eingeladen und wurde vorgestellt. Die Gespräche mit Lloyd George, Balfour und der Regierung bewegten sich um die Themen der Pariser Konferenz, um Italiens extravagante Ambitionen auf die dalmatinische Küste, um das irische Problem. Lord Lionel Walter Rothschild intervenierte zugunsten des zu gründenden Zionistenstaates. Britische Politiker hatten schon in Paris Wilsons ” most visionary character” und seine Antipathie gegenüber Orlando und Sonnino bemerkt. Nach seinem 62. Geburtstag, am 28. Dezember 1918, von ihm als einen der schönsten Tage seines Lebens empfunden, fuhr Wilson nach Carlisle. Er besuchte das Geburtshaus seiner Mutter und die Kirche, in der sein Großvater, Reverend Thomas Woodrow, gepredigt und Gottesdienste gefeiert hatte. Über Manchester und London reiste er zurück nach Paris, einen Tag später weiter nach Italien. Der Bürgermeister von Turin bezeichnete die Ankunft des Präsidenten als “zweite Ankunft Christi.”
König Viktor Emanuel III. begrüßte ihn in Rom, die Bevölkerung war “extremly enthusiastic”. Wilson residierte mit seiner Suite in der königlichen Villa Savoyen außerhalb der ewigen Stadt. Er sprach Orlando und Sonnino, fuhr zu den Gedenkstätten der italienischen Einigung, zu den Gräbern der Könige Viktor Emanuel II. und Umberto I. ins Pantheon, zum Monument Garibaldis, vorbei an Colosseum, Thermen und Forum Romanum auf das Kapitol, wo er zum Ehrenbürger Roms ernannt wurde. Am Nachmittag des 4. Jänner 1919 besuchte er Papst Benedikt XV. in Privataudienz. Am 5. Jänner 1919 trat der Präsident die Rückreise über Genua an, wo er die Statue Mazzinis und das Geburtshaus von Christoph Columbus besichtigte. Die Mailänder empfingen ihm als ” Savior of humanity,” “God of Peace” und” Moses from across the Atlantic” mit frenetischem Jubel. Der Bürgermeister gab für den Ehrenbürger ein Dinner in der Scala, danach führte man den 2. Akt von Verdis Aida mit dem “Triumphzug” auf. Über Turin und Modena kehrte Wilson am Morgen des 7. Jänners nach Paris zurück, wo die Präliminarkonferenz endlich begann.
Vor der Abreise nach Europa hatte der französische Botschafter Wilson ein Arbeitspapier seiner Regierung für die Präliminarkonferenz übermittelt. Es skizzierte die Grundlinien jener Neuordnung Europas, die seine Geschichte im 20. Jahrhundert bestimmte. Die französische Regierung verstand die Versailler Konferenz von 1919 im Konnex mit dem Wiener Kongreß von 1814–1815 und mit den Kongressen von Paris (1856) und Berlin (1878). Sie ersuchte den Präsidenten der USA, den Präliminarien zuzustimmen.
Zuerst wollte man über Deutschland und Bulgarien verhandeln. Deutschland betraf: Elsaß–Lothringen, Polen, die slawischen Länder, Belgien, Luxemburg, die deutschen Kolonien, die volle Anerkennung der Protektorate Frankreichs über Marokko, Englands über Ägypten, die provisorische Akzeptanz der Verfassung von neuen unabhängigen Staaten, die aus dem Territorium des einstigen Rußland und der Österreichisch–ungarischen Monarchie gebildet würden. Es hätte die alliierten Waffenstillstandsverträge mit Bulgarien und der Türkei anzunehmen, die Auflösung der Verträge von Brest Litowsk und Bukarest zu akzeptieren. Die Friedenspräliminarien stellten die Frage des künftigen Regimes, das sich noch im Antagonismus zentralistischer und föderalistischer Tendenzen befand. “[...]Wir sind daran interessiert, den Föderalismus zu fördern und ihn auf der Basis von Wahlen, mit allgemeinem Wahlrecht auszustatten. Wir können nur mit einer durch geheime und direkte Wahlen frei gewählten Regierung verhandeln.[...]”
Die Gespräche mit Bulgarien würden den territorialen Status der Balkan Länder skizzieren.
Der Vorfriede mit Österreich–Ungarn und der Türkei stellte sich in einem anderen Licht dar. “[...]Was Österreich–Ungarn betrifft, existiert es nicht. Diese Macht ist verschwunden. Es wird die Aufgabe des Kongresses sein, die beiden neuen Staaten, die schon anerkannt sind, die Tschechoslowakei und Polen und die Forderungen des jugoslawischen Staates, der sich jetzt bildet, anzuhören. Was Ungarn betrifft( früher Ungarn, bestehend aus den Slowaken, Rumänen von Transsylvanien und den Kroaten) und Österreich (die Deutschen) sind die Bedenken [...] auszuschließen.[...]”
Die vollständige Reorganisation der Türkei müßte von Interventionen in ihre inneren Angelegenheiten begleitet werden. Man überlegte sogar, das Schicksal seiner Territorien durch die Alliierten zu bestimmen ohne mit dem früheren ottomanischen Reich zu verhandeln
Auch war die Zulassung zur Konferenz zu regeln. Die Arbeiten des Kongresses befaßten sich mit der Abrechnung (dem Ausgleich) nach dem Krieg und mit der Gründung des Völkerbundes. Der Feind habe kein Recht, die ihm von den Siegern auferlegten Bedingungen zu diskutieren. Die Neutralen dürften nur in Ausnahmsfällen Sitzungen besuchen, in denen die Friedensbedingungen fixiert würden. Alle Völker, ob kriegführende, neutrale oder Feinde wären zu Gesprächen über die Grundsätze des Völkerbundes eingeladen.
Die Prinzipien Wilsons, wenn auch von den Alliierten gebilligt, wären keine Basis für eine konkrete Kriegsabrechnung. Sie würden der Einrichtung des zukünftigen öffentlichen Rechtes dienen. Dann kamen Arbeitsprogramm und Prozedere des Kongresses zur Sprache.
“[...]Was Österreich–Ungarn betrifft, existiert es nicht. Diese Macht ist verschwunden.[...]” Mit diesen Sätzen teilte Clemenceau das über 500 Jahre gewachsene und jetzt in Auflösung begriffene Habsburgerreich in Sieger (Tschechoslowakei, Polen und S H S–Staat) und Besiegte (Österreich und Ungarn). Die Besiegten hatten allein und rechtlos die Last des verlorenen Krieges und die Kriegsschuld zu tragen.
Thomas Masaryk , am 16. November 1918 zum Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik gewählt, verließ New York am 20. Er reiste bereits mit militärischen Ehren nach London ( 29.11.1918–06.12.1918), dann nach Paris, von wo er am 15. Dezember zum Triumphzug nach Prag aufbrach. Sein Programm des “Neuen Europa” wurde in französischer und englischer Übersetzung unter der Patronanz von Steed und Seaton–Watson für die Friedenskonferenz eigens nachgedruckt.
Am Jahrestag der Schlacht am Weißen Berg (8. November 1620) hatte sich der aufgestaute Haß entladen, als dort über 300.000 Tschechen die Herrschaftszeichen der habsburgischen Dynastie verbrannten. “[...] sechs Redner haben gegen die Habsburger, gegen die katholische Religion und gegen den Vatikan im Freien deklamiert. Die Menge, die in die Stadt [Prag] zurückkehrte, demolierte auf dem Alten Platz die kostbare Säule, die Ferdinand III. 1650 zu Ehren der Mutter Gottes und zur Befreiung der Stadt errichtete. Diese Säule schmückte eine Statue der Mutter Gottes, die die Menge in der falschen Meinung, sie sei zur Verachtung des böhmischen Volkes errichtet worden, vernichtete[...].” So Nuntius Valfrè di Bonzo aus Wien, die Agression der Tschechen auf alles Deutsche und auf den Katholizismus unterstreichend. Dem nationalistisch gesinnten Italiener bereitete die geplante Trennung von Kirche und Staat und das Tempo, mit dem die Reformer die Hussitische Kirche propagierten, Sorgen. Er sah den Kulturkampf voraus. Parallel zur Rückkehr Masaryks nach Prag informierten tschechische Priester in Amerika den dortigen Apostolischen Delegaten Giovanni Bonzano. Sie sprachen vom großen Einfluß Masaryks auf Wilson und über dessen Absicht, in der Tschechoslowakei die Trennung von Staat und Kirche nach amerikanischem Vorbild zu verwirklichen.
Die Tschechen hatten ihre bis ins Detail vorbereitete Revolution lang geplant, der neue Staat schien reibungslos zu funktionieren. Sein Vorgehen gegen die Deutschen in Böhmen widersprach dem Selbstbestimmungsrecht, als man ihre Landesregierungen von Reichersberg und Troppau auflöste, die Städte Deutschböhmens, des Sudentenlandes und Südmährens , Grenzgebiete zu Ober–und Niederösterreich, sowie die Slowakei militärisch besetzte.
Masaryk hatte für seine Reise nach Prag den Umweg über das “commando supremo” in Padua gewählt. Die dritte Gruppe der Tschechischen Legion erwartete ihn dort (Gefangene und Deserteure der tschechischen Truppen, die in Tirol gegen die Italiener gekämpft hatten), um ihn auf seinem Triumphzug zu geleiten. Im italienischen Sonderzug traf Masaryk am 21. Dezember 1918 in Prag ein. Ihn begleiteten Louis Clément–Simon, der Botschafter Frankreichs, Sir Thomas Montgomery–Cun(n)ingham, der Chef der britischen Militärmission in Wien und Prag und General Luigi Piccione. ” [...] es schneite, und als die guten Leute von Prag die amerikanische Sitte annahmen, zerrissenes Papier beim Fenster hinauszuwerfen, war der Weihnachtseffekt rund um die Statue des guten Königs Wenzel ganz realistisch[...]. “Masaryk, von Kramar “[...]und anderen lokalen Größen auf dem Bahnhof empfangen, wurde in einer Art geküßt, die für einen Engländer ganz erschreckend war, einem Slawen jedoch sehr natürlich erschien.[...]” Masaryk lehnte die Fahrt in der goldenen Karosse ab; er begnügte sich mit “demokratischen” Automobilen aus dem Wiener k.u.k. Hof–Marstall. Am Nachmittag des 21. Dezembers erfolgte seine Vereidigung durch das Parlament, dann bezog Masaryk die Prager Burg, von wo er am folgenden Sonntag einen Überblick über seine Auslandsaktivitäten gab.
Auch Polen hatte seinen Triumphator: General Józef Pilsudksi. Der ehemalige Führer Polnischer Legionäre und des Polnischen Hilfskorps (1914/15), Mitglied des Staatsrates von 1916/17 war seit Ende Juli 1917 von den deutschen Besatzern Polens in Magdeburg interniert gewesen. Beim dortigen Ausbruch der Revolution freigelassen, kehrte Pilsudski unter deutschem Schutz nach Polen zurück. Er wurde am 10. November 1918 in Warschau mit königlichen Ehren empfangen. Vom Regentschaftsrat zum Generalissimus der Armee bestellt und danach zum Staatschef nominiert, verkörperte Pilsudski die polnische Volksseele, das aus drei Teilen wieder erstandene Polen zwischen Rußland, Österreich–Ungarn und Deutschland mit seiner Bindung an die Westmächte.
Die Polen hatten es schwerer als die Tschechen. Zuerst an der Seite der Mittelmächte gegen Rußland oder an der Seite Rußlands gegen die Mittelmächte kämpfend, sollte es als konstitutionelles Königreich in eine mitteleuropäische Konföderation einbezogen werden. Nach dem Sturz des Zaren änderte Pilsudski sein Konzept. Nachdem im Juli 1917 Polen noch keine selbständige Regierung hatte, riet er dem polnischen Hilfskorps, den Eid auf die Führung der Zentralmächte zu verweigern, weshalb ihn der deutsche Generalgouverneur Hans von Beseler internierte.
Am 15. August 1917 anerkannte die Entente die polnische Exilregierung unter Roman Dmowski (Nationalkomittee der Polen) in Lausanne. Der Friede von Brest Litowsk bewirkte deren Verbindung mit den “Unterdrückten Völkern Österreich–Ungarns,” ihre Teilnahme am Kongreß von Rom sowie die Entstehung der sogenannten “Blaue Armee” Diese Polnische Nationalarmee wurde die militärische Stütze des polnischen Nationalstaates und am 28. September 1918 nach dem Zusammenbruch Bulgariens von den Alliierten anerkannt. Bei seiner offiziellen Staatsgründung bestand Polen aus (dem ehemals russischen) Kongreßpolen und Westgalizien. Während der nächsten Monate gelang die Vereinigung von Roman Dmowski, mit Ignacy Paderewski, Repräsentant der in den USA agitierenden Polen, und Pilsudski in Warschau. Pilsudski übernahm seine Macht vom Regentschaftsrat, der unter den Zentralmächten entstanden war. Die Konzepte für das neue Polen–Nationalstaat oder Föderation?–und seine Staatsgrenzen hingen von der Friedenskonferenz ab. An seiner Ostflanke vom Bolschewismus bedroht, war es im Westen vom Rückzug deutscher Truppen aus Weißrußland und der Ukraine überflutet. Der Großteil der Provinz Posen löste sich von Deutschland und schloß sich dem neuen Staat an. Im einst österreichischen Galizien waren polnisch – ruthenische (ukrainische) Auseinandersetzungen ausgebrochen, in Lemberg und anderen Orten Ostgaliziens fanden Judenprogrome statt.
Komplizierter als die Lage der Polen war jene der Südslawen. Sie hatten ihre staatsrechtlichen Bindungen zu Österreich–Ungarn zwischen 6. und 29.Oktober 1918 gelöst. Die Slowenen von Istrien, Fiume, Bosnien und Herzegowina schlossen sich ihnen an. Im November darauf vollzogen sie in der Kehrtwendung zum ehemaligen Habsburgerreich ihren Zusammenschluß mit dem Königreich Serbien. Nachdem der Königs von Montenegro abgesetzt und die Dynastie Karadjordjevic anerkannt war, verband sich die Nationalversammlung von Podgorice mit Serbien, seit 1. Dezember 1918 gab es den SHS–Staat. Italien besetzte sofort nach dem 03. November 1918 südslawisches Gebiet , weshalb die südsawischen Truppen dem Kommando serbischer Offiziere unterstellt wurden. Andererseits beanspruchten die Slowenen das Klagenfurter –und Marburger Becken sie brachen im nunmehrigen Deutschösterreich ein. Die südlich der Drau gelegenen Gebiete Ungarns bekannten sich zum neue SHS- Staat. Slowenen und Kroaten forderten die Gebiete an der Mur, die Lage in Südungarn, in der sogenannten Vajdaság (Batschka, Banat, Teil des Komitats Baranya) war noch ungeklärt. Hier lebten in fast gleichem Stärkeverhältnis Ungarn, Deutsche, Rumänen, Serben und andere slawische Volksgruppen. Zwischen 7.und 19. November wurde dieses Gebiet von der serbischen Armee besetzt, am 25. November votierte die Volksskuptischna der Vajdaság für den Anschluß an den SHS–Staat.
Die Spannung zwischen Nikola Pašic, dem serbischen Ministerpräsidenten, und Ante Trumbic, dem Führer der jugoslawischen Exilregierung, stand für die Problematik des neuen Staates. Er war charakterisiert vom Nationalismus einer Staatsgewalt und vom Föderalismus drei unterschiedlicher Staatsvölker slawischer Zunge, vom Status des Siegerstaates (Serbien) und vom Status besiegter Völker (Slowenen und Kroaten). Die Serben mußten mjetzt die Auseinandersetzung der Südslawen mit Italien übernehmen, die Friedenskonferenz identifizierte zuerst die jugoslawische Delegation mit der Delegation des Königreiches Serbien, erst Ende Mai 1919 änderte sie ihre Haltung Die Problematik der neuen Grenzen betrafen Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Albanien, Italien und Österreich.
Ungarn und Deutschösterreich, die Besiegten, waren als Kriegsverlierer von der Schmach der Niederlage belastet. Sie hatten–so Kaiser Karl in einem anonymen Memoranden für Frankreich – “[....]ihren Existenzkampf aus nationalpolitischen Gründen an der Seite des Deutschen Reiches bis zum letzten Moment des Krieges ehrlich durchgefochten, welcher Umstand immerhin dazu beiträgt, ihre strengere Beurteilung seitens der Entente zu rechtfertigen. Es kann ja auch den Regierenden der Entente nicht verübelt werden, daß sie den früheren Gegnern alle jene Härten des Sieges zu fühlen geben, die eine weitere Kraftentfaltung der Unterlegenen vereiteln.[...] “Tatsächlich fehlte den Machthabern in beiden neuen Republiken jener Realismus, den der die Ereignisse abwartende Kaiser und König besaß. Sie hofften mit der Absage an ihre Vergangenheit auf günstigere Friedensbedingungen und mildere Behandlung, worin sie sich gründlich irrten.ENDE:17.11.03 22:51:04
Ungarn hatte am 4. November 1918 bei General Franchet d `Esperay in Belgrad um Waffenstillstand ersucht, (obwohl am 3. November 1918 in der Villa Giusti bei Padua der Waffenstilstand für die Gesamtmonarchie unterfertigt worden war). Kriegsminister Béla Linder hatte unmittelbar nach der Verzichtserklärung des Königs den Separatwaffenstillstand unterzeichnet. Das 18 Punkte – Abkommen schrieb eine Demarakationslinie vor, nach der sich Ungarn aus dem Süden Siebenbürgens, aus dem Banat, aus der Batschka und aus Teilen des Komitates Baranya zurückzuziehen hatte. Seine Armee war bis auf sechs Infanterie- und Kavalleriedivisionen aufzulösen. Die Entente hatte das Recht zum Durchmarsch und zur Besetzung des Landes.
Am 26. November 1918 traf die französische Militärmission unter Oberstleutnant Ferdinand Vix, Generalstabsoffizier der französischen Ostarmee, in Budapest ein. Noch waren die Siegermächte über ihre Absicht, Budapest zu besetzen, unklar . Vix hatte die Durchführung des Belgrader Abkommens zu überwachen, militärische und wirtschaftliche Daten zu erheben, ein Agentennetz anzulegen und die Ausländer zu beobachten. Sehr bald bekämpften die benachbarten Sieger den ungarischen Waffenstillstand: die Tschechoslowakei protestierte gegen die fehlenden Bestimmungen über die Abtretung der Slowakei, Italien opponierte gegen die Abtretungen an den SHS – Staat, die Rumänen forderten ganz Siebenbürgen. Zusatzbestimmungen vom 3. und 23. Dezember 1918 befahlen der ungarischen Regierung, die Slowakei sofort zu räumen und sich auf das südliche Donauufer zurückzuziehen. Mitte Dezember erreichten die Rumänen Maros: Sie wollten bis Nagykároly, Nagyvárad und Békéscsaba vordringen, was der französische General Berthelot unterstützte.
Die südlich der Drau gelegenen Gebiete Ungarns, die sogenannte Vajdaság, bekannten sich, wie schon dargestellt, zum neuen SHS- Staat, sie wurden von der serbischen Armee besetzt.
Am 3. November 1918 feierten die Werktätigen in Moskau den Sieg der Revolution in der Donaumonarchie. Vor dem Aufmarsch wurde “das werktätige Volk” des Habsburgerstaates zur Befreiung von der k.u.k. Bürokratie , zur Abrechnung mit den eigenen Unterdrückern, mit Großgrundbesitzern, Bankiers, Kapitalisten, rumänischen Bojaren, Advokaten und Popen, sowie mit der deutsch – tschechischen Bourgeosie aufgerufen. Die Bevölkerung sollte weder den Versprechungen der Entente noch den Reden Wilsons glauben. Am 4. November 1918, dem Namenstag von Kaiser und König Karl, wurden in Moskau die ungarische kommunistische Partei und ihr vorläufiges Zentralkomitee provisorisch konstituiert (bestehend aus drei Ungarn, unter ihnen Béla Kun, zwei Rumänen und zwei Slowaken). Béla Kun kam mit drei Genossen am 17. November 1918 unter falschem Namen und mit viel Geld in Budapest an. Sofort verbreiteten Flugblätter und Zeitungen die Deklaration der Moskauer Kommunisten an das ungarische Proletariat, Am 24. November wurde in Budapest die kommunistische Partei Ungarns offiziell gegründet. Sie belebte die linke Parteitätigkeit, nahm Kontakte mit Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg in Deutschland auf, propagierte die Diktatur des Proletariats, die Kontrolle der Betriebe durch die Arbeiter, die Bodenreform und die Einreihung in den revolutionären Klassenkampf.
Mit der Demobilisierung der ungarischen Armee war die Ordnungsmacht aufgelöst, die Bildung der neuen Armee aus fünf jüngsten Jahrgängen von Nationalgarde, Bürgerwehr und Roter Garde beförderte den Kommunismus. “[...]Nach dem Waffenstillstande löste sich meine brave Armee gänzlich auf,” so Kaiser Karl an Alphons XIII. von Spanien,” die seßhaften anständigen Teile derselben kehrten zu ihren Berufen zurück, jener Teil, sagen wir es ehrlich, das Gesindel, welches nichts zu verlieren hatte, aber auch meistens sich im Hinterlande herumgedrückt hat, bildete die neuen Armeen der Nationalstaaten. [...]Jede Regierung in diesen Nationalstaaten befleißigt sich, der Entente Sand in die Augen zu streuen, daß bei ihnen vollste Ruhe herrscht und Bolschewismus ausgeschlossen ist.[...]” Tatsächlich war die Regierung des Grafen Michael Károlyi, jenes ehrgeizigen “desparados der menschlichen Gesellschaft,” nicht in der Lage, den Sog nach links und die Gefahren des Bolschewismus zu bannen. “[...]Er befindet sich in einer Situation, die täglich kritischer wird, er kann diese Bewegung nicht beherrschen. Károlyi hat geglaubt, er sei zum Retter der ungarischen Nation auserwählt und wenn er sich als Chef des demokratischen und republikanischen Ungarn präsentiert, er die Situation beherrschen kann. Die Alliierten haben auf seine Vorschläge nicht einmal geantwortet, jetzt ist Ungarn in einer sehr kritischen Situation, um so mehr, da es von Nationen umgeben ist, die glauben, berechtigt zu sein, Teile des ungarischen Territoriums zu besetzen. Was die innere Situation betrifft, verschlimmert sie sich. Ungarn steht am Rand der Anarchie. Die von der neuen Regierung aufgelöste Armee verbreitet revolutionäre Ideen in den entferntesten Orten des Landes. Die Juden, die eine wahre Plage Ungarns sind, bereiten immer größere Verlegenheiten. Man glaubt im allgemeinen, daß Károlyi nicht mit einer so extremen Entwicklung gerechnet hat. Er und seine Anhänger werden schon als ein Relikt der Vergangenheit betrachtet.[...], ” schrieb Nuntius Valfrè di Bonzo nach Rom. Károlyi hatte geglaubt, den ungarischen Nationalitätenstaat in eine “Ostschweiz” mit autonomen Kantonen umformen zu können. Vorläufige Möglichkeiten zur Verwirklichung dieses Konzeptes boten die Karpatho – Ukraine mit den Komitaten Maramaros, Ugocsa, Bereg und Ung, in denen die ruthenische Bevölkerung überwog, und Westungarn mit den Komitaten Pozsony (Preßburg), Moson( Wieselburg), Sopron (Ödenburg) und Vas (Eisenburg), auf welches Deutschösterreich Ansprüche erhob. Der slowakische Nationalismus war damals noch sehr unterentwickelt. Es lag im Interesse der Tschechoslowakei, daß die Führer der politischen Parteien und Gruppen bei ihrer Versammlung in Turz bei St. Martin (Túrócszentmárton, Turcianský Sv. Martín ) beschlossen, sich von Ungarn vollständig abzulösen, eine unabhängige Slowakei nach dem uneingeschränkten Selbstbestimmungsrecht zu formen. Erst bei der Endredaktion ihrer Erklärung wurde der Anschluß an die böhmischen Länder gültig formuliert. Anfangs November 1918 ersuchten Mitglieder des slowakischen Nationalausschusses die Tschechen, die Slowakei militärisch zu besetzen, was dann mit französischer Zustimmung erfolgte. Die ungarische Überfremdung der Slowaken wurde nun von der tschechischen abgelöst . Bis Ende Jänner 1919 war der Rückzug der ungarischen Truppen aus der Slowakei abgeschlossen. In der Zwischenzeit arbeitete Valfrè di Bonzo am Austausch ungarischer Bischöfe gegen slowakische und an der Übereinstimmung der slowakischen Diözesen mit den tschechischen Staatsgrenzen.
Angesichts des Chaos vollzog sich in den von den Rumänen bewohnten Gebieten Ungarns eine Zusammenarbeit ungarischer und rumänischer Nationalräte gegen den Bolschewismus. Die Sorge um die gefährdete Ordnung schien den Einmarsch rumänischer Truppen in Siebenbürgen bis Mitte Dezember 1918 zu legalisieren. Schließlich sprachen sich nicht nur die Rumänen sondern auch die Ungarn und die Sachsen Siebenbürgens für den Anschluß Transylvaniens an Rumänien aus. Er wurde am 26. Dezember in Bukarest veröffentlicht, wogegen sich die nationalistischen Ungarn wehrten.
Seit Dezember 1918 arbeitete die kommunistische Partei Ungarns mit großem Tempo, schon erschienen die Schriften Lenins in ungarischer Übersetzung, die Kommunisten suchten Provinzstädte und Dörfer zu gewinnen. Ihre Opfer waren Arbeitslose, demobilisierte Soldaten und Unteroffiziere, die Verbindungen mit den tschechischen, ukrainischen und russischen Organisationen und Organisatoren herstellten und zur kommunistischen Internationale hin trieben. Die fortschrittlichsten Dichter Ungarns unter ihnen der bedeutendste der Jahrhundertwende, Endre Ady, beschworen die Geister der ungarischen Jakobiner (1795) und der Revolution von 1848, sie bereiteten künstlerisch die ungarische Räterepublik vor. In der Regierung Károlyis gewannen die Sozialdemokraten Macht, der Kommunist und Jude Béla Kunfi wurde zur Schlüsselfigur. Die Regierungskrise, auch von der antibolschewistischen Einstellung der Entente, an der sich Károlyi orientierte, genährt, bewirkte schließlich die Regierungsumbildung: das Exekutivkomitee des ungarischen Nationalrates ernannt Károlyi zum Staatsoberhaupt und entmachtete ihn. Im Kabinett von Dénes Berinkey (ab 18. Jänner 1919)hatten die Sozialdemokraten die Mehrheit, kommunistischer Terror setzte ein, konterrevolutionäre Kräfte formierten sich. In dieser Situation richtete Erzherzog Joseph einen dringenden Hilferuf an König Georg V. Es war vergeblich. Diplomatische Berichte aus Wien sprechen von der jüdischen Grundlage und Repräsentanz des ungarischen Kommunismus. Unter dem Terror von 250.000 Budapester Arbeitern, die von 40 bis 50 intellektuellen Agitatoren beherrscht waren, schwenkte die sozialdemokratische Regierung zunehmend nach links, ihr vollkommenes Übergehen zum Bolschewismus beurteilte der in Eckartsau beobachtende König als Frage von Monaten vielleicht von Wochen. Mit der Forderung nach den Bodenreformen setzten auch der Kirchenkampf, die Internierung und Verschleppung von Bischöfen, der Raub am Kirchengut und revolutionäre Bewegungen im niederen Klerus ein. Oberstleutnant Vix von der französischen Militärmission forderte die Verhaftung von Mitgliedern der sowjetischen Rot- Kreuz – Mission in Budapest. Als der Plan der Entente bekannt wurde, eine Intervention gegen Sowjetrußland vorzubereiten, wobei Ungarn zum Aufmarschgebiet werden sollte, als antikommunistische Maßnahmen nicht mehr griffen und sich die Arbeiter radikalisierten, spitzt sich die Lage zu. Vix, gestützt von der Pariser Friedenskonferenz, forderte die rumänisch – ungarische Demarkationslinie nach Westen zu verschieben und eine von Ententemächten besetzte neutrale Zone zu schaffen, was Károlyi am 20. März 1919 zur Abdankung veranlaßte. Es kam zum Zusammenschluß von Sozialdemokraten und Kommunistien, zur Machtübernahme und Diktatur des Proletariats, zur Bildung der ungarischen Räterepublik (21. März 1919).
Die Situation in Deutschösterreich war weniger irrational bestimmt als jene Ungarns. Carl Jakob Burckhardt, seit 30.Oktober 1918 Attaché bei der schweizerischen Gesandtschaft in Wien, überlieferte den unmittelbaren Eindruck: “[...]Mich ergriff vom Augenblick da ich die Grenze überschritten hatte, der Anblick unendlichen Leids, das auf allen Gesichtern steht, nicht nur auf den Menschlichen, denn nie sah ich etwas derart bis zum Grauenhaften, Illustration des Zustandes, Gesteigertes, wie diese vorwärts gepeitschten, lautlosen Pferdeskelette, gelenkt von düsteren verbitterten Leuten, wie denn Alles, was zum Volk gehört, ein Maas von kaum mehr verhaltener Verzweiflung zeigt, das mehr als erschreckt.[...]und diese einst so fröhliche Stadt Wien ist jetzt angefüllt mit einer abgehärmten, schlecht gekleideten Menge und jeder fürchtet den anderen und Alle fürchten das Unbekannte, das über das Land herein bricht. Oesterreich bricht zusammen und was das ist für dieses Volk, das gross war, und sich kannte, seine Geschichte, seine Not und seine Siege und den Tod so vieler und das Leben derer, die jetzt noch drunten an der Piave kämpfen. [...]
Am 8. November 1917, vor der Verzichterklärung des Kaisers und vor der Abstimmung der provisorischen Nationalversammlung zugunsten der Republik Deutschösterreich formulierte der Schöpfer der zukünftigen österreichischen Verfassung, Hans Kelsen Leitsätze des neuen Staates, denen prominente Kollegen und Beamten zustimmten:
“[...]1. Deutsch Österreich ist kein Rechtsnachfolger Österreichs bzw. Österreich- Ungarns. Er tritt nicht in die Rechtsverhältnisse des alten Staates ein, durch dessen Spaltung er zugleich mit den anderen Nationalstaaten entstanden ist. Eine Ausnahme bilden nur die Schulden des alten Staates, die er – allerdings nur zusammen mit den anderen aus Österreich- Ungarn entstandenen Staaten- pro rata parte übernehmen wird.
2. Der Staat Deutsch – Österreich tritt demnach auch nicht in das Rechtsverhältnis des Krieges ein, den die österreichisch – ungarische Monarchie geführt hat. Der Staat Deutsch – Österreich ist neutral und erklärt diese Neutralität ausdrücklich. Er protestiert demgemäß gegen den Einmarsch von Truppen kriegführender Mächte, insbesondere auch von Truppen der Entente in sein Gebiet.[...]”
Im Gegensatz dazu hielten die Staaten der Entente wie der in Eckartsau beobachtende Kaiser an der Identität von Alt – Österreich mit Deutsch – Österreich und am Waffenstillstandsbeschluß fest, obwohl die Habsburgernmonarchie nicht mehr bestand. Die provisorische Nationalversammlung Deutschösterreichs unterbrach am12. November 1918 die Rechtskontinuität zum Kaisertum Österreich, erklärte Deutschösterreich zur Republik, den Nationalstaat zum Bestandteil der Deutschen Republik, ohne die deutsche Regierung vorher konsultiert zu haben. Tatsächlich blieb dieser Beschluß ein ” chiffon de papier”, auch wenn der neue Staatssekretär Dr. Otto Bauer einen Gesandten nach Berlin schickte. Kelsen setzte sich später mit diesem revolutionären Akt ausführlich auseinander, er bestätigte ihn ausdrücklich. Der Anschluß war ein Programm der neuen Repräsentanten, resultierend aus dem Krieg, aus deutschem Waffenbündnis und Propaganda. Seine Wurzeln lagen in der militärischen und wirtschaftlichen Abhängigkeit Österreich- Ungarns von Deutschland, in der Absage von Ungarn und Slawen an die Habsburgermonarchie.Die neuen Machthaber wollten sich von der Vergangenheit Österreichs trennen , die deutschösterreichische Sozialdemokraten erhofften sich Verstärkung und Machtzuwachs von den Genossen aus Deutschland. Die Depression, die bis dahin die staatstragenden gesellschaftlichen und politischen Schichten lähmte, verhinderte ihre sofortige “demokratische Aktion” nach dem Selbstbestimmungsrecht. Es brach lediglich die theoretische Diskussion über Anschluß oder Donaukonföderation aus. Sie trennte Sozialdemokraten und Pangermanisten von Christlichsozialen, “Altösterreichern” und Kaisertreuen. Man war sich über die Haltung der Siegermächte unklar, die Konservativen riefen nach dem Schutz der Entente vor Hunger und Bolschewismus, während die neuen Republikaner mit der ihnen damals eigenen Sicherheit große Illusionen vom Wohlwollen und ritterlichen Verhalten der Siegermächte hegten und die Gefahr des Bolschewismus unterspielten.
Jetzt stand – wie noch vor kurzem der Kaiser – die Nationalversammlung als “parlamentarisiertes Staatsoberhaupt in Unverantwortlichkeit “an der Spitze des Staates. Die Staatsgewalt lag in den Händen des Staatsrates, zusammengesetzt aus den drei Präsidenten der Nationalversammlung und 20 Mitgliedern sämtlicher Parteien. Er führte als “eigentliches Staatsoberhaupt” die Geschäfte der Staatsverwaltung mit 14 Staatssekretären an der Spitze der Staatsämter. Der Leiter der Staatskanzlei und der Staatsnotar hatten die Beschlüsse der Nationalversammlung zu beurkunden und nötige Vollzugsanweisungen zu treffen. Sie wurden im Gesetz vom 19. Dezember 1918 zusammen mit den drei Präsidenten der Nationalversammlung in das Staatsdirektorium einbezogen und wie die Staatssekretäre unter Ministerverantwortlichkeit gestellt. Ihre Aufgabe, die Beschlüsse und Verordnungen des Staatsrates gegenzuzeichnen, bestimmte sie zum Kontrollorgan des parlamentarischen Staatsoberhauptes. Trotz der Verteilung der Staatsämter nach der Stärke der einzelnen Parteien (3 Sozialdemokraten, 4 Christlichsoziale, 5 Deutschnationale) waren die Sozialdemokraten die stärkste Kraft, gestützt von den USA und von der Gunst Wilsons, gelenkt von den starken Persönlichkeiten Karl Renners, Viktor Adlers, Karl Seitz, Otto Bauers und Ferdinand Hanusch.
Die Frage nach der deutschösterreichischen Identiät, die vor der Republikserklärung relevant wurde, betraf auch den Staatsnamen und die Grenzen des Staatsgebietes. Die Arbeiterzeitung wandte sich gegen die Bezeichnungen von Deutschösterreich, Ostmark oder Donauland, sie schlug den Namen “Südmark” vor. In der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erklärte eines der Mitglieder, es gäbe kein anderes Österreich, man müßte aber Österreich durch den Zusatz “deutsch” von “reichsdeutsch” unterscheiden.
Gesetz und Erklärung über das Staatsgebiet vom 22. November 1918 sahen die geschlossenen deutschen Siedlungsgebiete innerhalb der im ehemals im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder als Gebietshoheit vor. Sie beanspruchten auch :
• die Sprachinseln in den Siedlungsgebieten anderer Nationen
• die geschlossenen deutschen Siedlungsgebiete in den Komitaten Preßburg (Pozsony), Wieselburg (Moson), Ödenburg (Sopron) und Eisenburg (Vás),
• das Industriegebiet zwischen Mährisch Ostrau (Ostrava) und Bielitz( Bielsko- Biala) als zwischenstaatliches Verwaltungsgebiet Deutschösterreichs, der Tschechoslowakei und Polens,
• die volle Freiheit über die Handels- und Verkehrswege über Karst, und Alpenpässe zur Adria, Donau abwärts zu den Balkanländern und zum Nahen Orient.
Die Forderungen nach den deutschen Siedlungsgebieten in Mähren, im Sudentenland und in Deutschböhmen, die den tschechischen Nationalstaat infrage stellten, wurden sehr rasch von der Ernährungssituation und den ungeheuren Wirtschaftsproblemen des neuen Staates blockiert, der auf Lebensmittel- und Rohstofflieferungen der Nachbarn angewiesen war. Ähnlich war der Zusammenhang von Gebietsforderungen an den SHS – Staat und Lebensmittellieferungen.
Obwohl Deutschösterreich das Recht Italiens auf das Trento anerkannte, lehnte es die Ansprüche Italiens auf das deutsche Südtirol entschieden ab: es entstünde eine deutsche Irredenta , die den europäischen Frieden gefährde; man verlangte ein Plebiszit für Südtirol.
Tatsächlich hatten bis zum Ende des Jahres 1918 die Nachbarstaaten vollendete Tatsachen geschaffen. Italienisches Militär hielt Südtirol und das deutsch- slowenische Kanaltal besetzt, tschechische Truppen die deutschen Gebiete Böhmens, Mährens und Schlesiens: Auch die Landesregierungen von Deutschböhmen und vom Sudetenland wurden zum Rückzug nach Wien gezwungen. Slowenische Truppen waren in Südost – Kärnten und in der Untersteiermark eingefallen. Die Kärntner reagierten anders als das Staatssekretariat des Äußeren, das gegenüber den neutralen und ehemals feindlichen Mächten Europas den Anschluß Deutschösterreichs an Deutschland verteidigte und die tschechische Besetzung tolerieren mußte. Die Kärntner reagierten auf die jugoslawischen Abtrennungsversuche Südkärntens und der Untersteiermark militärisch.
Mit der Demobilisierung der k.u.k. Armee war die Ordnungsmacht des Habsburgereiches aufgelöst. Der Kaiser hatte seine Truppen zwar nicht vom Treueid entbunden, ihnen jedoch den Eintritt in die Nationalarmeen ermöglicht. Das Staatsamt Deutschösterreichs wollte ein provisorisches Freiwilligenheer mit Kaderformationen von Offizieren der alten Armeee bilden. Als Milizheer sollte es sich weder für eine Gegenrevolution noch für eine Diktatur verwenden lassen. Die von Staatssekretär Julius Deutsch aufgestellte Volkswehr war ein in Bataillone zu jeweils drei Kompanien gegliedertes Söldnerheer. In jedem politischen Bezirk gebildet, unterstand die Volkswehr den Landeshauptleuten. Die Rote Garde, ein Sammelsurium von extrem linken Elementen, von Sozialdemokraten und Bolschewisten, war zum Terror bereit und tendierte zum gewaltsamen Umsturz. Es ging die Fama, die Rote Garde würde von den Juden finanziert, möglicherweise, um die Besetzung Wiens durch Ententetruppen zu provozieren.
Bis anfangs Dezember 1918 besetzten die Slowenen in der Untersteiermark die vereinbarte Demarkationslinie südlich der Mur Sie beanspruchten die mehrheitlich slowenischen Gerichtsbezirke Mahrenberg, Marburg, St. Leonhard und Pettau und den deutschsprachigen Teil des Bezirkes Radkersburg sowie die Städte Marburg und Pettau. “[...] Ein Aktionsradius der Grazer Landesregierung blieb vor allem aus Gründen der Lebensmittelversorgung beschränkt, ein Einsatz der Volkswehr stieß auf das Hindernis zunehmend pazifistischer Haltungen in der Bevölkerung[...]”
Der Vorstoß der Slowenen nach Unterkärnten ( Völkermarkt, unteres Lavanttal und Rosental) kam bis Mitte Dezember 1918 ins Stocken. Unter dem falschen Vorwand, von Belgrad ermächtigt zu sein, versuchten sie, Villach und Klagenfurt zu nehmen, was den Widerstand der vorläufigen Kärntner Landesversammlung hervorrief. Am 5. Dezember 1918 beschloß sie, den Slowenen entgegenzutreten, die Landesverteidigung aufzubauen. Nach Weihnachten begann die Rückgewinnung des unteren Lavanttales, des Gail – und Rosentals wie der Bereiche um Völkermarkt. Am 14. Jänner 1919 erfolgte ein provisorischer Waffenstillstand.
Zu Weihnachten 1918 erreichten die Vertreter der alliierten Kommissionen Wien. Sie sollten die Durchführung des Waffenstillstands überwachen. Die italienische Kommission verfügte über eigene Dienststellen in Budapest, Lemberg, Marburg, Laibach, Prag und Krakau. Sie beschäftigte sich mit der Rückführung von Kriegsgefangenen und Internierten, kontrollierte die Volkswehr, die Ablieferung von Kriegsmaterial an die Tschechen, die Eisenbahnfrage und Fragen des täglichen Lebens. Siegestrunken und rücksichtslos forderten die Italiener die sofortige Rückgabe italienischer Kunstwerke. Die amerikanische Kommission sandte ihre Mitglieder nach Warschau, Prag, Budapest und Agram. Sie war eine Beobachtungs- und Forschungsdelegation, die empirisch Bestandsaufnahmen für die Friedenskonferenz erhob. Beide Kommissionen erwiesen sich beim sogenannten “Kärntner Freiheitskampf” als hilfreich: die Italiener, aus ihrer Feindschaft gegen die Slowenen, die Amerikaner mit raschen, demographischen Untersuchungen (Miles – Mission). Beide setzte sich für ein ungeteiltes Kärnten ein. Denkschriften gegen die tschechischen Besetzungen Deutschböhmens und Südmährens im Sinn des Selbstbestimmungsrechtes lehnte Professor Cooligde mit der Bemerkung ab, die Tschechen hätten allein Westsibirien vor dem Bolschewismus gerettet und einen Anspruch auf den Dank der Entente, besonders der USA.
Die Botschafter der neutralen Staaten unter der Führung des päpstlichen Nuntius, der Wiener Bürgermeister Weiskirchner, der Schweizer Botschafter und eine alliierte Kommission bekämpften den Hunger in Wien. Auch der Staatssekretär für Ernährung Dr. Schüller antichambrierte bei Heribert Hoover in Paris. Denn die Ernährung der Bevölkerung stand in reziprokem Verhältnis zur Gefahr der bolschewistischen Infiltration , die sich in Wien und in der Tschechoslowakei, alarmierend in Budapest bemerkbar machte. Bolschewistische Agitatoren, zur Betreuung russischer Kriegsgefangener wurden aus Wien ausgewiesen: Eine Woche später lief das Gerücht, sie seien zurückgekommen: Mit ihnen in Verbindung wähnte man auch den Freund Trotzkis, Dr. Otto Bauer, Staatssekretär für Äußeres, und Julius Deutsch, Unterstaatssekretär im Staatsamt für Heerwesen.