Kapital I – ÖSTERREICH– UNGARN IM SOMMER 1916.

Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII., arbeitete im Sommer 1916 an Instruktionen für Teodoro Valfrè di Bonzo, Bischof von Como und Vercelli; er übernahm am 14. September 1916 als Titular Erzbischof von Trebisonda die Apostolische Nuntiatur in Wien, die bedeutendste Repräsentanz des Heiligen Stuhles in der damaligen Welt. Die Instruktion für Monsignore Valfrè, den Jugendfreund Papst Benedikts XV. und natürlichen Sohn König Viktor Emanuels II. von Italien, enthält auch eine Analyse des inneren Zustands der Donaumonarchie im dritten Jahr des Ersten Weltkrieges.

Pacelli, Leiter der politischen Abteilung im Staatssekretariat, war auf die Probleme der deutschsprachigen Länder in Europa spezialisiert. Schon im Gespräch als Nuntius von München betrachtete er die Österreicher damals wie fast ein jeder: im Vergleich mit den Deutschen. Die österreichischen Katholiken, schrieb Pacelli, wären noch zum Großteil der Kirche treu, doch die Bevölkerung ließe Ernst und Beständigkeit vermissen, um sich ähnlich den deutschen Katholiken in der Zentrumspartei straff zu organisieren. Die Rivalität von Adel und Bürgertum verursache die Sterilität der katholischen Aktion und blockiere die katholischen Politiker. Die nationale Frage würde so hochgespielt, daß die Katholiken, Geistliche wie Laien, sie über die religiösen Interessen stellten. Der Liberalismus, feindlich zur Kirche und weltanschaulich indifferent eingestellt, habe einen Teil von Adel und Intelligenz erfaßt und längst seinen Einzug in das Herrenhaus gehalten. Er finde sein Terrain bei den Studenten und in der Presse, wo der “jüdisch–freimaurerische Einfluß” dominiere. Die Los–von–Rom Bewegung strebe nach einer Union der Deutschen Österreichs mit dem protestantischen Deutschland. Die antirömische Propaganda der “Gustav–Adolf–Vereine” verbünde sich mit den Pangermanisten. Zwar schon schwächer geworden, schädige die Los–von–Rom–Bewegung die katholischen Kirche noch, besonders in Böhmen und Mähren, wo deutscher Protestantismus und tschechischer Hussitismus erstarkten. Kleinbürger, Soldaten, Bauern und Arbeiter sympathisierten mit der Sozialdemokratie, sie drohe das Habsburgerreich zu zerstören. Der Vatikan sah trotz des fortlebenden “Josephinismus”, damit die konfessionelle Gesetzgebung des liberalen Zeitalters identifizierend, in den Habsburgern die Garanten für die Existenz der katholischen Kirche in Österreich–Ungarn.

Monsignore Valfrè wurde informiert, der Heilige Stuhl habe (analog zu Deutschland) alles unternommen, den Eintritt Italiens in den Krieg (23. Mai 1915) zu vermeiden und in der Neutralität zu erhalten. Er hätte den Interessen von Kirche und Religion dienen und der Bevölkerung Italiens das Unglück des Krieges ersparen wollen. Die Vermittlung des Papstes war mißlungen. Denn “[...]die europäische Massonerie, die den Krieg fortwährend schürte, sucht das Habsburgerreich wie die Kirche in ihrer weltlichen Macht und Moralität zu ruinieren[...].”[i]

Die vatikanische Diplomatie war seit der nationalen Einigung Italiens (1871) mit der “Römischen Frage” befaßt. Der Kirchenstaat und Rom, damals gewaltsam besetzt, waren in das Königreich Piemont–Sardinien einbezogen. Kaiser Franz Joseph I., kraft seines Amtes “advocatus et defensor ecclesiae,” Schützer und Verteidiger der römischen Kirche, hatte sich seit der Trennung Österreichs vom Deutschen Bund (1866) und der Entstehung der Österreichisch–ungarischen Monarchie (1867) von seiner internationalen Schutzpflicht für die Kirche in Zentraleuropa–nicht von jener im Habsburgerreich–distanziert. Er trug zur Lösung der “Römischen Frage” nichts bei.[ii] Monsignore Valfrè sollte deshalb die Aufmerksamkeit auf sie lenken.[iii]

Im Frühling 1916 hatte der deutsche Reichstagsabgeordnete Matthias Erzberger vorgeschlagen, ein außeritalienisches Asyl für den Papst vorzubereiten, einen alternativen Kirchenstaat, zu errichten, würden in Rom revolutionäre Bewegungen ausbrechen. Man dachte an das  Fürstentum Liechtenstein,[iv] an Barcelona, an den Eskorial und an das Benediktinerstift Einsiedeln in der Schweiz.[v]

Die vatikanische Politik bekämpfte den Bolschewismus, der nach Mitteleuropa drängte und in Italien sichtbar wurde. Deshalb sollte Österreich–Ungarn, das bewährte Bollwerk gegen die Feinde des Christentums, erhalten und gestützt werden.[vi]

In diesen Augusttagen des Jahres 1916 bereitete der Generaladjutant vom Armeeoberkommandanten Erzherzog Friedrich, FML Herbert Gf Herberstein in Teschen, die Übertragung des gemeinsamen Oberbefehles aller Streitkräfte der Zentralmächte an Kaiser Wilhelm II. vor. Man wollte vor Ausbruch einer Krise des Weltkrieges eine Oberste Kriegsleitung schaffen.[vii] Deutsche Militärhilfe würde den russischen Druck aufhalten und die neue Front gegen Rumänien, dessen Kriegseintritt erwartet wurde, formieren.[viii] Unmittelbarer Anlaß für diesen schweren politischen und militärischen Fehler, für die “unverantwortliche Dummheit des damaligen Armeeoberkommandos”, so der Erzherzogthronfolger Carl Franz Joseph,[ix] waren die österreichischen Niederlagen im Juni 1916. Beim Echec von Luck ( 8.Juni 1916) wurden zwei k.u.k. Armeen, um die Hälfte vermindert, bei der 6. Isonzoschlacht 42.000 Mann verloren.[x] Conrad von Hötzendorf, Chef des österreichischen Generalstabes, trug dafür die Verantwortung. Der russische Sieg bei Luck bewirkte den Stillstand der Südtiroloffensive (begonnen 15. Mai 1916). Die Deutsche Oberste Heeresleitung (DOHL) war der Ansicht, die Niederlagen gegen die Russen wären vermeidbar gewesen, hätte das AOK auf die Südtiroloffensive verzichtet. Sie hätte nur dem Thronfolger Lorbeeren bringen und Conrad die Chance bieten sollen, Italien zu züchtigen. Conrads Position wankte.[xi]

Herberstein, über seine Gemahlin mit dem preußischen Königshaus verwandt, bewunderte wie viele österreichische Adelige den deutschen Kaiser außerordentlich, auch wenn er sich vor Kaiser Franz Joseph “wie in einer Kirche” fühlte.[xii] Überdies hatte er das Leben an der Seite von Erzherzog Friedrich satt. Dieser zwar liebenswürdige und gütige Erzherzog, war unfähig, unintelligent und schüchtern seiner Aufgabe als Armeeoberkommandant nicht gewachsenen. Er kompensierte seine Schwäche mit distanzierendem Stil, behandelte die Herren seiner Suite wie unmündige Kinder, ließ sie die Abhängigkeit fühlen und peinigte sie.[xiii]

Graf Herberstein, dem Erzherzog geistig überlegen, war “Mentor” des “Weltweisen.”[xiv] Vielleicht hatte Kaiser Franz Joseph I diesen unbegabten Verwandten zum persönlichen Vertreter gewählt, um Schwierigkeiten mit Conrad, dem Chef des Generalstabes, zu vermeiden. Der Reizbare sollte empfinden, daß ihn der Kaiser respektiere.[xv] Herberstein war eine Schachfigur der DOHL in ihrem Streben nach der Hegemonie in Mitteleuropa, auf dem Balkan und im Vorderen Orient, im Bemühen, Österreich–Ungarn ähnlich Bayern zum Vasallen Deutschlands zu machen. Die nationale Einigungsollte durch den Krieg vollendet werden. Dieses Ziel schien um so näher, je größer die Erschöpfung der k.u.k. Armee und die Staatsverschuldung Österreich–Ungarns wurde.[xvi]

Herberstein suchte im Einverständnis mit Erzherzog Friedrich um Audienz bei Franz Joseph an, die er am 25. August 1916 gewährte. Der Kaiser stimmte dem Vorschlag zu, den Oberbefehl über die Streitkräfte der Zentralmächte Wilhelm II. zu übertragen und eine “Oberste Kriegsleitung” unter der Bedingung zu schaffen,”[...] daß Meine Hoheitsrechte und die Würde Meiner Wehrmacht nicht tangiert werden und der bisherige Wirkungskreis Meines AOK tunlichst uneingeschränkt erhalten bleibe. [...]“[xvii]

Diese Initiative Herbersteins, wofür ihm Kaiser Wilhelm II. den “Roten Adler Orden 2. Klasse mit dem Stern und den Schwertern” verlieh,[xviii] lieferte die k.u.k. Armee, neben der Dynastie die stärkste Klammer des Vielvölkerreiches, in der Praxis dem Oberbefehl der DOHL aus. Alle Beteiligten wußten, daß der Thronfolger damit nicht einverstanden war.[xix]

Conrad darüber sehr bestürzt; konnte Franz Joseph zu einem Zusatzabkommen, das gegenüber Bulgarien und der Türkei geheim gehalten wurde, veranlassen. Der deutsche Kaiser verpflichtete sich darin, Besitz und Integrität der Donaumonarchie jenem des Deutschen Reiches gleichzuhalten und nichts ohne Zustimmung des Kaisers von Österreich zu entscheiden. Vorläufig wurde Conrads Stellung nicht angetastet.[xx]

Analog zu diesem Griff nach der k.u.k. Armee zielte die DOHL auf die Person des Thronfolgers. Er hatte bei der Südtiroloffensive erstmals das XX. Korps (3.Edelweiß – und 8. Kaiserjägerdivision) kommandiert und Anfangserfolge bei Asiago und Arsiero errungen. Wegen Fehlplanung, mangelnden Nachschubs von Truppen und Artillerie verfehlte sie die endgültige militärische Abrechnung und das Ende des Krieges mit Italien.[xxi]Der deutsche Generalstabschef Erich von Falkenhayn schlug nun vor, an der Ostfront eine neue Armee aus deutschen und österreichischen Truppen aufzustellen. Der Thronfolger sollte das Kommando der 12. Armee (später Heeresgruppenkommando Erzherzog Carl) übernehmen und in Hans von Seeckt einen deutschen Generalstabschef erhalten.[xxii]

Erherzog Carl wußte von all dem noch nichts, als er am 1. Juli 1916 von Südtirol wieder nach Galizien ging.[xxiii] Am 4. Juli 1916 stand er vor dem faît accompli, fühlte sich falsch informiert, hatte einen “Monokelmann Seeckt” an der Seite und, anstatt eine Offensive zu leiten, wie ihm versprochen worden war, unterstand ihm “[...]eine ganz zerrüttete, schwer geschlagene Armee, wo man jeden Tag zittern müßte, bis wohin sie noch zurücklaufen[...]” werde.[xxiv] Es gab Schwierigkeiten. Das Kommando war mit deutschen Offizieren durchsetzt, die Operationsabteilung rein preußisch, und der Erzherzog fühlte,”[...]daß man jederzeit von deutschen Spitzeln umgeben ist.”[xxv] Er ließ  sich nichts anmerken, es zerrte an seinen Nerven und belastete den Magen.[xxvi] Trotzdem bewahrte er sich, “seine stets zuversichtliche, herzliche Art”.[xxvii] Und Seeckt hatte vom Thronfolger einen wirklich “[...]sehr angenehmen Eindruck.[...]Er hat etwas entschieden Gesundes im Wesen und Urteil und fängt an, unglaublich offen zu werden[...].[xxviii]

Schon im November 1915 hatte die deutsche Regierung eine Revision des Zweibundvertrages von 1879 vorgeschlagen, ein Zollbündnis zwischen Deutschland und Österreich–Ungarn und wirtschaftliche Regelungen für Eisenbahnen und Wasserwege, um eine “[...]zeitgerechte politische Waffe zur Ausbreitung der deutschen Kriegsmaschine[...]” einsetzen zu können. Damals rechnete Deutschland mit der russischen Niederlage und empfahl der k.u.k. Regierung Vorkehrungen gegen eine fortschreitende Slawisierung Österreichs zu treffen, um den Deutschen in der “germanischen Ostmark” wieder die führende Stellung zu sichern. Der damalige k.u.k. Außenminister Stephan Baron Burián konnte solche Tendenzen vorläufig abwehren.[xxix]

Die deutsche Waffenbrüderschaft beunruhigte den Thronfolger. Das national geeinigte Deutschland müßte den österreichischen Nationalitätenstaat zum Zerfall bringen, äußerte er zu seiner Gemahlin Zita.”[...] Für zwei deutsche Reiche sei in Zentraleuropa kein Platz. Die Folgen dieses Krieges würden sein: Der Zerfall des österreichisch–ungarischen Staatengebildes.(sic!) Mit der Zeit würden sich zwei Lösungen präsentieren: Entweder das Heilige Römische Reich (deutscher Nation) würde in irgend einer neuen Form wiederkehren oder aber Österreich und die deutschsprechenden Teile der Monarchie würden sich Deutschland anschließen, während unsere slawischen Teile mit auswärtigen Slawen (Südslawen) verbunden, ein großes Slawenreich bilden würden.[...]Das Österreich–Ungarn, das man bisher gekannt und geliebt habe, das bis dahin Heimat bedeutete, gehöre beinahe der Vergangenheit an. Es würde aus diesem Kriege nicht mehr so hervorgehen, wie es in diesen Krieg hineingegangen sei.[...]“.[xxx]

Jetzt, im Sommer 1916, fühlte der Erzherzog den deutschen Druck. In Wien hörte man bereits Gerüchte über die antiösterreichische Gesinnung seiner Gattin und deren Brüder.[xxxi]

Seit 29. Juli 1916 kommandierte Hindenburg die gesamte Ostfront. Kaiser Franz Joseph wünschte nur, nach Möglichkeit auf den Thronfolger und seine Heeresgruppe, die unmittelbar dem AOK unterstellt blieb, Rücksicht zu nehmen.[xxxii] Erzherzog Carl war von der Front und der Politik komplett beansprucht. Nicht nur österreichische, auch deutsche Truppen wurden durchbrochen, während sich die böhmische Landwehr hervorragend schlug, mährische und schlesische Regimenter sich glänzend hielten. Nach dem Fall von Stanislau (7–10. August 1916) mußte die Front zurückgenommen und stabilisiert werden.[xxxiii]

Der Thronfolger verschwieg nicht seinen Unmut über die gemischte Front und die Schwäche der k.u.k. Truppen. Die zunehmende Abhängigkeit von Deutschland war ihm sehr bewußt.[xxxiv] Wiederholt ersuchte er Kaiser Franz Joseph um eine eventuelle Kommandoerweiterung[xxxv] und ersuchte ihn, das AOK selbst zu übernehmen (23. Juli 1916).[xxxvi] Die Truppen hatten ihr Vertrauen in die Führung verloren. Sie schlugen sich nur noch vereinzelt mit Heldenmut und hielten nicht mehr.[xxxvii] Erzherzog Carl fand, es sei an der Zeit,[xxxviii] über den Frieden nachzudenken. Nach Gesprächen mit Berchtold und Burián, dem ehemaligen und jetzigen Außenminister,[xxxix] fuhr er am 26. August zu Kaiser Franz Joseph.[xl] Am 27. August 1916 erklärte Rumänien Österreich–Ungarn den Krieg, am 28. August erklärte Deutschland Rumänien den Krieg.[xli] Am 6. September 1916 wurden die “Bestimmungen für den einheitlichen Oberbefehl der Zentralmächte und ihrer Verbündeten” mit Conrads Zusatzartikel unterzeichnet.[xlii]

Am selben Tag verfaßte Erzherzog Carl eine Demarche an das AOK, weil Hindenburg k.u.k. Truppenkörper mit deutschen Offizieren besetzt hatte.[xliii]Auf dem Tisch Ludendorffs lag schon ein Plan zur Umgestaltung Österreich–Ungarns. General Carl von Bardolff, Chef der Militärkanzlei von Erzherzog Fanz Ferdinand 1911–1914, hatte der DOHL Konzepte zur Föderalisierung der Donaumonarchie zugespielt.[xliv] Erzherzog Carl sollte gewonnen werden, den Habsburgerstaat in ein Reich deutscher Prägung, mit deutscher Staatssprache, sechs verschieden sprachigen Provinzen und regiert von einem deutschen Oberpräsidenten, umzugestalten. Der Thronfolger sollte deshalb”[...] in eine Position gebracht werden, die ihm Macht zum Handeln gäbe. Feldmarschalleutnant Conrad von Hötzendorf müsse entfernt[…]die Ungarn dürften nicht in den Plan eingeweiht werden[...].”Maximilian von Stoltzenberg, den Verfasser dieses Promemorias, beschäftigte schon die Durchführung. Kaiser Wilhelm II. müßte den Thronfolger zur Reform der Donaumonarchie motivieren und Kaiser Franz Joseph unter sanftem Druck zur Abdankung bewegen.”[...]Für Deutschland sei es ein Gebot der Selbsterhaltung, aus Österreich, mit dem es stehe und falle, einen Staat zu formen, der Kraft und Qualität eines gleichrangigen Bundesgenossen besitze[...].”Deutschland habe durch seine Blutopfer für die Erhaltung Österreich–Ungarns sich Recht und Pflicht erworben, seine militärischen Operationen und Organisationen und auch seine Politik als der zur Zeit noch unzertrennlichen Basis seines Heerwesens zu beeinflussen.[xlv]

Kaiser Wilhelm II. hatte am Tag nach der Kriegserklärung an Rumänien Paul von Hindenburg zum Chef des deutschen Generalstabs,[xlvi] Erich von Ludendorff zu seinem Stellvertreter ernannt, der in nobler Zurückhaltung den Titel des Ersten Generalquartiermeistes annahm; sich jedoch die “[...] volle Mitveranwortung für alle zu fassenden Entschließungen und Maßnahmen [...]“zusichern ließ.[xlvii]

Die seit den Julitagenden schwelende Personaldiskussion über die Verantwortlichen in Österreich–Ungarn fand ihr deutsches Echo in kritischen Kommentaren. Sogar die engste Umgebung Kaiser Franz Josephs, geriet in die Schußlinie deutscher Verdächtigungen und Angriffe.[xlviii]

Als Berchtold am 07. September 1916 wieder in Chodorow eintraf, wünschte der Thronfolger seine Unterstützung, um selbst Armeeoberkommandant zu werden oder in “[...] <nebuloser Verwendung> in des Kaisers Nähe[...]“zu kommen. [xlix]Seine Argumente waren seit Juli immer dieselben: die ungünstige militärische Position an der Ostfront, die das dynastische Prinzip gefährde, der deutsche Generalstabschef an seiner Seite, der “[...]unser Selbstbewußtsein empfindlich trifft [...],” die fehlenden Möglichkeiten, in die Regierungsgeschäfte Einblick zu nehmen und durch Gespräche mit dem Kaiser weiter ausgebildet zu werden. Kostbarste Zeit verstreiche ungenützt.[l]

Berchtold fuhr wieder nach Schönbrunn, er wurde am 13. September 1916 vom Kaiser empfangen. Der Augenblick war ungünstig. Franz Joseph nahm Rücksicht auf Kaiser Wilhelm II. und fürchtete, die Deutschen könnten die Abkommandierung des Thronfolgers unmittelbar nach Ausbruch des Rumänienkrieges als Affront betrachten.[li] Franz Joseph besprach mit Berchtold den leidenschaftlichen Kampf der ungarischen Opposition gegen Burián und überlegte, den Minister zu entlassen [lii].

Der Erzherzog war in Chodorow ganz ohne Illusionen. In den Karpathen wurden deutsche Truppen durchbrochen, sie zogen österreichische Regimenter mit sich. Kräfte zum nachhaltigen Widerstand fehlten, denn am 19. September 1916 war der Winter eingebrochen, es hatte im Gebirge minus 15 Grad bei 60 cm Schnee, und die Truppen kämpften ohne Winterausrüstung. Die ottomanischen Truppen schlugen sich gut.[liii] Als in den Karpathen einigermaßen Ruhe eintrat, reiste Erzherzog Carl selbst nach Wien. Er war am 25. September 1916 in Audienz und unternahm beim Kaiser seinen sechsten Vorstoß. Das Gespräch bewegte sich um Conrad und um Zusammensetzung und Zustände des AOK. Franz Joseph befahl dem Thronfolger, vermutlich um ihn loszuwerden , sich “[...]über die Belassung der Excellenz Conrad in seiner jetzigen Stellung[...]” schriftlich zu äußern. Im Bericht vom 29. September 1916 bat dann der Erzherzog Seine Majestät, Conrad wegen seiner großen militärischen Autorität, die er auch bei den Deutschen genoß, vorläufig zu behalten. Er ersuchte, Erzherzog Friedrich zu entheben und Erzherzog Eugen, damals Kommandant einer Heeresgruppe in Südtirol, mit dem AOK zu betrauen. [liv]

Das Ringen zwischen Thronfolger und Kaiser um die Lösung vom deutschen Zugriff dauerte an. Franz Joseph legte fest, daß Erzherzog Carl die galizische Front verließ und einen vierzehntägigen Urlaub nahm. Er erhielt den Bescheid, “daß seine Berufung nach Wien in Aussicht genommen ist.[...]“[lv]

Am 27. September 1916 traf er in Chodorow Vorbereitungen für seine Urlaubsreise, am 29. September 1916 brachte der das bewußte Elaborat (“über die Belassung der Excellenz Conrad in seiner jetzigen Stellung”)nach Schönbrunn.”[...]<Haben Sie gehört>, sagte der Kaiser danach ärgerlich zu Montenuovo, <der Karl ist schon wieder hier.>” Der Obersthofmeister sekundierte: es sei “[...] ganz unpassend, jetzt, wo alle Blicke angstvoll auf den Osten und den russischen Ansturm gerichtet seien, den dortigen Posten zu verlassen und nach Reichenau zu gehen.[...]“[lvi]

Direkt von Schönbrunn fuhr der Thronfolger nach Hetzendorf, von dort in Begleitung seiner Gemahlin und des Flügeladjutanten Brougier nach Reichenau an der Rax zu seinen Kindern.[lvii] Er hatte eine kurze Atempause.

1 Kovács, Österreich –Ungarn aus der Sicht des Vatikans, 275–298.
2 Engel–Janosi, Österreich und der Vatikan, 2, 248–264.
3 Kovács, Österreich – Ungarn und der Vatikan, 292.
4 Liebmann, 93-108.
5 PA AA, Päpstlicher Stuhl 1, Band 11: 1915 April 11: Treutler an Auswärtiges Amt; l. c.: 1915 Mai 22: Erzberger an Gerlach; Madrid, 1915 Mai 30 und Juni 6: Ratibor an Auswärtiges Amt.
6 Engel Janosi, Österreich und der Vatikan, 2, 250 – 264.
7 KA, NL Brougier, TB, fol. 86r: o. O. 8.August 1916: “[...] Die ungünstigen Nachrichten von Görz vermehren noch den Eindruck, daß man vor einer Krise des Weltkrieges stehe[...]“; Gonda, 292.
8 Rauchensteiner, 347-360,362-370.
9 UR Nr. 20; UR, Nr. 47.
10 Bei der 4. Armee machten die Verluste, fast 50% , hauptsächlich Kriegsgefangene und Deserteure, die 7. Armee zählte 57% Tote und Verwundete. ÖUlK, IV, 464-465;  Rauchensteiner, 351; Broucek, Militärkonvention, 447 spricht von Verlusten im Juni und Juli 1916: 475.000 Mann, davon 275.000 gefangen;  Gonda, 293.
11  UR, Nr. 43; zum Echec von Luck: ÖUlK, IV, 394 -410; Rauchensteiner, 347 -352; vgl. auch Broucek, Militärkonvention, 448 – 449; Redlich, TB, 2, 126-127 (9.Juli 1916): “[...]Koerber erzählte mir auch, daß Conrad von Hötzendorf in Berlin offen erklärt habe, daß er sich auf die Disziplin seiner Truppen nicht mehr verlassen könne![...]“
12 StLA, NL Herberstein, TB 314- 315: o.O.,10. XI.1915:”[...]Wie immer, wenn ich in Audienz zu S.M. befohlen wurde, lief es mir auch heute so gewiß kalt über den Rücken und ich hatte das Gefühl, wie in einer Kirche zu sein. Aber diese Art Scheu verschwand sofort, als mich S.M. mit seinem so gütigen und wohlwollenden Blick ansah.[...]” Przn Agathe Ratibor, die Nichte von Gfn Hilda Herberstein, geb. Breuner, der Gattin Herbert Herbersteins, war mit Prz Friedrich Wilhelm, einem Vetter Kaiser Wilhelms II., verheiratet.
13 StLA, NL Herberstein, TB viele Bemerkungen u.a. 101-102, 119,121 – 122,326, 340.
[xiv] UR, Nr.20.
[xv] Rauchensteiner, 111; Conrad, Private Aufzeichnungen, 342( Register: Franz Joseph I.).
16 Rauchensteiner, 362-364; Naumann, passim; Gonda, 286-292; Körner, Der letzte Kaiser Wilhelm II im Exil, 31- 42, bes. 32.
17 StLA, NL Herberstein, TB 404-407; UR, Nr. 47 Anm.9; über die diesbezüglichen Vorverhandlungen mit Conrad und die Diskussion über seine eventuelle Ablöse; Rauchensteiner, 345-352, 356-370; Conrad, Private Aufzeichnungen, 329 Anm. 25.
18 StLA, NL Herberstein, TB 418.”[...] Bei einem Besuche Kaiser Wilhelms in Teschen übergab mir Allerhöchstderselbe persönlich den Roten Adlerorden 2. Klasse mit dem Stern und den Schwertern mit den Worten:< Ich habe Ihnen da was mitgebracht, was Ihnen hoffentlich Freude machen wird, Sie wissen ja weshalb.> Die analogen Auszeichnungen erhielt ich auch von den Königen von Baiern und Würtemberg (sic!) gelegentlich ihrer Anwesenheit in Teschen, wahrscheinlich aus derselben Ursache[...].-”
19 StLA, NL Herberstein, TB 400 über die Bemühungen des Thronfolgers, von der DOHL unabhängig zu bleiben und über den Einfluß des “Deutschenhasser” Oberst Alfred Baron Waldstätten, auf ihn: 399, 401, 414, 426-427. Hantsch, Berchtold, 2, 774-779.
[xx] Rauchensteiner, 366-370; Conrad, Private Aufzeichnungen, 29 Anm.25; Text der” Bestimmungen für den einheitlichen Oberbefehl der Zentralmächte und ihrer Verbündeten”  bei: Arz, 127-129; ÖUlK, V, 267-269.
[xxi]Vgl. Kapitel III.
[xxii] Seeckt, sehr qualifiziert, war bis dahin Generalstabschef von August von Mackensen: UR, Nr.20; Meier – Welcker, 86-99.
[xxiii] KA, NL Brougier, TB, fol. 66r-68v (1.-5.7.1916); Hoyer, 21-31.
[xxiv] UR, Nr.20.
[xxiv] KA, NL Brougier, Konzepte, fol. 190 v: “[...] In der ganzen Operationsabteilung des Armeekommandos ist Ottrubay [Hauptmann Karl Ottrubay] der einzige Österreicher[...]” (Bericht an Bolfras vom 5. Juli 1916).HHSTA, NL Schager – Eckartsau, fol. 230r-231r Antwort von Bolfras auf diesen Bericht vom 7. Juli 1916 und Mitteilung der Reaktion Kaiser Franz Josephs:” [...] kann ich nur dahin zusammenfassen, daß die beleuchtete Situation vielfach eine sehr ernste ist; erfreulich bleibt, daß Eure kaiserliche Hoheit mit Höchstderen deutschem Stabe zufrieden sind, sowie daß Oberst Baron Waldstätten sich mit Generalmajor von Seeckt gut zu verstehen scheint. Mehr denn jemals ist jetzt werkthätige Harmonie nicht nur mit den leitenden militärischen Stellen unserer Verbündeten, sondern auch bei unseren eigenen höheren Kommanden höchst nothwendig.[...]“
25 UR, Nr. 20.
26 UR, Nr.20.
27 KA, NL Brougier, TB, fol. 86r (8.8.1916).
28 UR, Nr.20, Anm.19.
29 Gonda, 288 – 290.
30 TS 3145 – 3146, 3460-3461.
[xxxi] UR, Nr. 20.
[xxxii] ÖUlK, V, 121.
[xxxiii] UR, Nr. 20.
[xxxiv] KA, NL Brougier, Konzepte, fol. 194r-221v Berichte des Thronfolgers an Bolfras vom 8., 13. ,14. und 21.7. 1916 und vom 11.8. 1916;
[xxxv] HHSTA, NL Schager – Eckartsau, fol. 232r-233r: 1916 Juli 10: Bolfras an Eh Carl Franz Joseph über eine eventuelle Kommandoerweiterung im Einvernehmen mit dem AOK.
36 UR, Nr.3. Seit Kriegsbeginn hatte er Franz Joseph von Mißständen und Fehlplanungen genau informiert und damals schon vorgeschlagen, das AOK selbst zu führen.,
37 Hantsch, Berchtold, 2, 776–777.
38 Rauchensteiner, 373:”[...]Das Jahr 1916 sah rund 1,75 Millionen k.u.k. Soldaten in den Verlustlisten [...].”
39 UR, Nr.20; Burian, 140-165, insbes.154; Hantsch, Berchtold,2, 780: Berchtold wandte sich im Auftrag des Erzherzogs um schriftliche Auskunft an Graf Alexander Hoyos über eventuelle Friedensgespräche.
40 KA, NL Brougier, TB, fol. 95rv.
41Ludendorff, Kriegserinnerungen, 65 :”[...] Die Doppelmonarchie erntete damit den Lohn für die einseitige Politik Ungarns und wir die Frucht unseres tatenlosen Zusehens[...].”
42 Broucek, Glaise,1, 380; vgl. unsere Anmerkung 21 oben.
43 KA, NL Brougier, Konzepte, fol. 225r- 227v: “[...]Die Einteilung deutscher Offiziere als Battailions- oder Korpskommandanten bei ungarischen oder gar slavischen(!) Regimentern ist unmöglich, da ein solcher Kommandant im entscheidenden Augenblick nicht mit der Mannschaft reden kann und sie auch in jeder Lage nach einem fremden Reglement unterweist. Bei czechischen(!)Regimentern würden die bei ihnen ohnehin verhaßten Deutschen nur noch mehr Anlaß zu einer Massendesertion geben. Bei ungarischer oder kroatischer Honved ist ein unüberwindliches Hinderniß(!) die ungarische oder kroatische Kommandosprache. Bei der Heeresgruppe [Erzherzog Carl] sind nur vier deutsche Regimenter[...] daher müßten bei diesen Regimentern lauter Deutsche kommandieren, was auch sehr schwer ist und nicht praktisch wäre. Ich wäre der Meinung, ob man nicht die Deutschen Offiziere in den betreffenden Regimentskommanden einteilen würde, ohne daß dieselben ein Kommando führen würden [...].”; UR, Nr. 213.
44 Broucek, Mililtärkonvention, 451.
45 Nach: Gonda, 296-297.
[xlvi] Afflerbach, 437-450.
[xlvii] Ludendorff, Kriegserinnerungen, 65.
[xlviii] Gonda, 294-296.
[xlix] Hantsch, Berchtold, 2, 783.
[l] Hantsch, Berchtold, 2, 783-784.
[li] Hantsch, Berchtold, 2, 785. Die Kommentare sind falsch.
[lii] Hantsch, Berchtold, 2, 786.; Leslie, Österreich – Ungarn vor dem Kriegsausbruch, 663 – 664.
53 KA, NL Brougier, TB fol. 98r- 109v ( September 1916).
54 UR, Nr. 21; vgl. auch Rauchensteiner, 349, 354, 652, Anm. 901.
55 KA, NL Brougier, TB, fol. 110r ( 25.9.1916).
56 Hantsch, Berchtold, 2, 788.
57 KA, NL Brougier, TB, fol. 122r (29.9.1916).